Folge 5: STOPP den täglichen Übergriffen gegenüber Menschen mit Behinderung!

Rollend, rasant und rabiat durch Wien und den Rest der Welt

Symbolbild: Ronja Rollerbraut

Ja, ich finde es gut, dass in Deutschland und folglich in Österreich eine breite Diskussion losgetreten wurde rund um „Herrenwitze“, „Sexismus“, „Po-Grapschen“, „sexuelle Belästigung“, „Übergriffe im Rahmen von Abhängigkeitsverhältnissen“ und weiteres.

Was mir fehlt, was mal wieder „totgeschwiegen“ wird, ist der traurige Umstand, dass verbale, körperliche und/oder sexuelle Übergriffe gegenüber Menschen mit Behinderung, in der Mehrzahl Frauen mit Behinderung, tagtäglich passieren. In Institutionen und Heimen. Aber auch bei der Ausbildung, am Arbeitsplatz, in der Familie, in der Freizeit, im Alltag.

Ich kann den vielen traumatisierten Menschen, insbesondere Frauen mit Behinderung, die solchen Übergriffen ausgesetzt waren und sehr oft noch immer sind, hier als Ronja nicht gerecht werden. Jede einzelne Geschichte verdient eine entsprechende Berücksichtigung: ein Aussprechen und eine Unterstützung, dass solche Übergriffe sofort gestoppt und eventuell rechtlich geahndet werden.

Aussprechen, konkrete Hilfe und Vorbeugen

Das Thema ist leider ein so verbreitetes, und wird wahrscheinlich deshalb gerade auch im „professionellen“ Bereich unter den Teppich gekehrt. Dabei ist es so wichtig, dass betroffene Frauen auch eine entsprechende rechtliche, psychologische und therapeutische Hilfe bekommen.

Präventive Maßnahmen und Schulungen für das Selbstbewusstsein und Selbstverteidigung für Frauen (mit und ohne Behinderung) sind auch in unserer Gesellschaft dringend flächendeckend notwendig.

Die Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen existiert vielleicht im Gesetz, aber leider ganz und gar nicht in den Köpfen von der Mehrzahl der Männer. Die Anerkennung und der Respekt gegenüber Frauen, die Begegnung auf Augenhöhe sind in unserer noch immer patriarchalisch-geprägten Gesellschaft leider noch nicht Selbstverständlichkeit.

Der behinderte „geschlechtslose“ Mensch

Einerseits werden Frauen und Männer mit Behinderung sehr oft nicht als sexuelles Wesen oder möglicher Partnerin und Partner angesehen. Behinderte Menschen werden grundsätzlich oft verniedlicht, zum „ewigen Kind“ „degradiert“ und als geschlechtslos angesehen. Ein Beispiel: Behindertentoiletten gibt es entweder

  • für beide zusammen (es wird also zwischen Frauen und Männern nicht unterschieden),
  • die Behindertentoilette wird mit der allgemeinen Damentoilette zusammengelegt (also die Männer ab in die Damentoilette) oder
  • eine barrierefreie Toilette für behinderte Frauen und Männer und für Mütter/Väter mit Kleinkindern, wo dann auch gleich ein Wickeltisch untergebracht wird.

Körperliche und sexuelle Übergriffe – die Liste ist lang

Andererseits gibt es sehr wohl auch eine Verquickung von körperlichen Gesten/Übergriffen „aus Mitleid“ mit sexuellen Motiven bei den Tätern (und Täterinnen). Menschen mit Behinderung werden sehr oft auch von völlig fremden Personen plötzlich grundlos berührt. Beispiele:

  1. Ein Taxifahrer, der trotz Abwehr, einer gehbehinderten Frau unbedingt beim Einsteigen helfen möchte. Mit totalem Körpereinsatz „natürlich“. Und die Blicke, die der Taxifahrer bei dieser Handlung auf die Oberweite und den Po der Dame wirft, sprechen Bände.
  2. Eine fremde Frau um die 50ig Jahre, die einem jungen Rollstuhlfahrer in der Stadt plötzlich und unvermittelt, mit beiden Armen um die Schultern fasst, mit der Erklärung, sie sei so angetan, von seiner Selbständigkeit und Gewandtheit beim Manövrieren des Rollstuhls.
  3. Ein Aufsichtsratsmitglied im fortgeschrittenen Alter, das sich zu einer Sekretärin, die im Rollstuhl sitzt, hinunter beugt, über die Wange streichelt und meint: „Bist ja ein liabes Pupperl.“

Lernen, sich zu wehren!

Ich bin mir sicher, dass sich allein diese Liste mit relativ leichten Übergriffen endlos fortsetzen ließe. Sogar ich als rabiate Ronja habe Erfahrungen gemacht, die ich als sexuell und/oder körperlich übergriffig erlebt habe und die auch tatsächlich übergriffig waren.

Und noch heute fällt es mir nicht immer leicht, kleinere körperliche Übergriffe im Alltag sofort und verbal schlagfertig zu unterbinden. Ich gehöre leider einer Generation an, in der solche Themen in der Kindheit von der Umwelt ignoriert, verniedlicht, nicht ernstgenommen wurden. Doch ich habe es gelernt, mich zu wehren, immer lauter „Nein“ und „Stopp“ zu sagen. Das ist grundsätzlich für jedes Mädchen und jede Frau wichtig. Und noch wichtiger für Menschen mit Behinderung, die oft in einer schwächeren Position und in Abhängigkeitsverhältnissen sind.

Ob sagend, schreiend, strampelnd, die eigenen händeschüttelnd, hupend, …:

Wir sagen NEIN und STOPP zu verbalen, körperlichen oder sexuellen Übergriffen.

Wir sind erwachsene Frauen und Männer mit Behinderung mit partnerschaftlichen und sexuellen Bedürfnissen – aber: Wir bestimmen, wer uns berühren darf und wer nicht.

Bis bald, eure Ronja.

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0 Kommentare

  • @Ladstätter&Verbots-Zensis :
    In Deutschland ist das nach einem Spruch des BGH vernünftig geregelt:

    Wenn die Symbole/Zeiger/Postings „in offenkundiger und eindeutiger Weise“ die Gegnerschaft zum Nationalsozialismus zum Ausdruck bringen, dann darf deren Gebrauch nicht bestraft werden.

  • Zumal es sich beim Verfassungsgesetz vom 8.Mai 1945 über das Verbot der NSDAP (Verbotsgesetz), StGBl 1945/13 um ein VERFASSUNGSGESETZ handelt, das man als erstes Grundrecht-Antidiskriminierungsgesetz im Behindertenbereich bezeichnen muss, sollte man dieses Gesetz auch NICHT nach einer seiner späteren Durchführungsverordnungen oder -erlässen zitieren sowie sich auch nicht an einem RIS orientieren, das für die Richtigkeit seiner Einträge ausdrücklich auch keine Gewähr gibt.

  • Gesetze heißen nun mal wie sie heißen. Die werde ich deswegen nicht anders nennen als sie im RIS stehen.

  • Der Zusatz „1947“ ist eine Fälschung, die es erlaubte Anstalten wie Gugging auch nach dem 8.Mai 45 straflos leerzumorden. Und deswegen sollte eine Behindertenbewegung dazuland immer von einem „Verbotsgesetz 1945“ ausgehen!

  • Das Verbotsgesetz stammt aus dem Frühjahr 45!

  • danke für diesen artikel, der sexismus/sexualisierte gewalt und behinderung so behandelt, wie sie in der realität sind: miteinander verbunden.

    ich finde, die verwendung eines erfundenen namens wäre eine schlechte ausrede dafür, sich mit der gewalt nicht zu beschäftigen, sie totzuschweigen. jede person hat das recht, sich für ihr sprechen einen rahmen zu suchen, der sicher genug ist.
    immer wieder zeigt die abwehr, die das ansprechen sexualisierter gewalt (auch hier) hervorbringt, wie wichtig und richtig ronjas text ist!
    wie schön wäre es, wenn endlich mehr von uns unsere eigenen diskriminierungserfahrungen dazu verwenden würden, die (teilweise) anderen diskiminierungserfahrungen anderer zu hören, also solche stehen zu lassen (anzuerkennen) und gemeinsam gegen alle diskriminierungen und formen von gewalt anzukämpfen!

  • @Broum: Dieser Beitrag liegt einige Monate zurück, deshalb kann ich mich daran leider nicht mehr erinnern.

    Sperren von IP-Adressen finden allerdings äußerst selten (alle paar Monate mal) statt und auch dann nur bei wiederholtem Spam/unflätiger Sprache ohne Einsicht zur Besserung (Nettiquette)/Postings die gegen das Wiederbetätigungsverbot (Verbotsgesetz 1947) verstoßen.

  • @Ladstätter

    http://de.groups.yahoo.com/group/sli_wien/message/4064

    Nur als ein Beispiel…..

  • @Lenya: Ich wüsste nicht welche „einschlägigen Erlebenisberichte von Frauen mit Lernschwierigkeiten“ wir gelöscht haben sollten. Sie können sie ja gern erneut absenden.

  • @Siegfried Allacher: Das Argument mit dem unwissenden Kaffeehausbesitzer lasse ich so nicht durchgehen, denn gesetzliche Regelungen, die eingehalten werden müssen – und dies müsste die Baupolizei überprüfen und kein(e) „ehrenamtliche(r) Rollstuhlfahrer_in.
    @“mein echter name ist ronja“ Selbstverständlich sind Übergriffe gegen behinderte Menschen – egal ob Mann oder Frau abzulehnen. Jedoch dies auf die aktuelle Sexismusdebatte (Sternjournalistin) aufzuhängen, geht mir auf den Geist.
    Ein lesenswerter Artikel einer sich nicht als Opfer sehenden Frau verdeutlicht die einseitig geführte Sexismusdebatte, die unnötig von so genannten Feministinnen radikalisieret wird und Männer automatisch zu Tätern macht, wenn diese auf schöne Ärsche und Titten starren, die oftmals appetitlich auch von selbsternannten Feministinnen präsentiert werden. Auch die Zoologie beweist dies zur Genüge. (Blumen wollen bestäubt werden – bzw. seit es Hände gibt, wird von beiden Geschlechtern gegrapscht)

    Link: http://www.theeuropean.de/birgit-kelle/5805-bruederle-debatte-und-sexismus

  • @rot_lauf
    Feststehen dürfte, dass die Bizeps-Zensis einem mächtigen Geschlecht angehören dürften, das hier bsw nicht nur die zeugenschaftlichen Diskriminierungsberichte von geschändeten und bestohlenen Dreiradbesitzerinnen zensiert, sondern gerade auch in einer Kampagne-Woche gegen sexuelle Gewalt die einschlägigen Erlebenisberichte von Frauen mit Lernschwierigkeiten und deren Mütter LÖSCHT.

  • zensis

    zensur

    zensurierende

  • @ lenya – zensis? kannst du dich ein bisschen erklären? meinst du, dass feminismus gegen empowerment von behinderten leuten ausgespielt wurde? ich verstehs nicht…

  • korrektur: Rosa Luxenburg kämpfte natürlich gegen den deutschen einsatz im 1. weltkrieg und nicht im zweiten.

    mea maxima culpa. sorry

  • Glücklicherweise ist Gleichstellung hiezulande bereits viel weiter gefasst, als das sich die kleine Ronja-Maxime kapitelhaft vorstellen tut. Bald werden auch die Zensis in diesem Forum draufkommen, wieviel Emanzipation und Empowerment sie hier schnurz und unentschuldigt jaaahrelaaang ausgelöscht haben ….

  • gewiss, mag es den einen oder anderen in seinen persönlichen befindlichkeiten treffen, wenn kritik anonymisiert ist. jedoch geht es nicht um die sache an sich? um das „laut machen“ von diskriminierungen?
    nicht oft genug kann man/frau über sexuelle übergriffe an menschen mit behinderungen aufmerksam machen. zu sagen „ich kann das nicht mehr hören“ erscheint mir destruktiv.
    Rosa Luxemburg war sozialistin in deutschland und kämpfte gegen den kriegseinsatz im 2.weltkrieg. sie hat in verbindung mit vielen themen ihre berechtigung, jedoch hier ist sie wahrscheinlich fehl am platz.

    ich, als eine ronja unter vielen, begrüße diese serie.
    die wut, die hier zum teil aufkommt, kann ich nur mit kopfschütteln beobachten.

  • endlich mal ein bisschen frischer wind durch die ronja-folgen! es geht doch hier um unsere (!!) sache, um die alltäglichen diskriminierungen und den widerstand dagegen, um den kampf für die rechte von behinderten frauen, ja von allen menschen mit behinderung; bitte weiter so!

  • wenn eine unter einem synonym schreibt, macht es das geschriebene nicht weniger präsant bzw. aussagekräftig. gerade in diesem artikel hier geht es nicht um eine einzelne person und ihre erlebnisse. nein, das kann alle behinderten frauen betreffen (und betrifft es zum großteil leider auch)!
    jede behinderte frau kann ronja sein – auch ich bin ronja

    by the way: was macht manche poster eigentlich so wütend? ist es wirklich das synonym, oder …

  • auch das ist sexismus: paternalistisches vorschreiben, wie jemand, der/die sich gegen sexismus schreibt, zu outen oder nicht zu outen hat. wenn eine_r es aus gründen des selbstschutzes vorzieht, sich (z.b. besserwisserischen postings oder offenem feminismus-bashing) nicht auszusetzen, dann sind das gute gründe für ein pseudonym.

    feminismus-bashing ist wieder in mode gekommen. mit welchem recht? wenn es frauen gut geht, geht es der ganzen gesellschaft besser. ist das so schwierig zu begreifen? und rosa luxemburg (siehe posting weiter unten) sei herzlich willkommen, hat sie doch die ökonomischen ungleichheiten angegriffen, wenn sie auch keine feministin war. alle die gegen diskriminierung und ungleichbehandlung von (uns) behinderten leuten sind, können doch sexismus nicht gutheissen wollen????

    und ja, viele frauen und auch männer, und auch trangenderleute, und buben und mädchen und transkinder, benötigen Hilfe von Theraputi_innen. Gerade auch wenn es um sexuelle Gewalt und Ausbeutung, oder auch „nur“ um sexualisierte Übergriffe oder Eltern, die ihre Grenzen nicht kennen geht.

  • Ich möchte darauf hinwiesen, dass vor allem beinderte Mädchen und Buben übergriffig behandelt werden.

    Oft „gut gemeint“, wie von jenen Müttern, die diese Kinder oft bis in die Pubertät im Ehebett liegen lassen, was dann zu massiven seelischen Konflikten führt!

    Diese Form von Übergriff wird bisher m.W. überhaupt nicht thematisiert!
    U.a. deshalb, weil man diese Mütter (tw. auch Väter) glaubt schützen zumüssen („die sind ehschon so arm, da kann man ihnen nicht auch das noch sagen“), tw. in Unkenntnis derSchwere der Folgen (viele Behidnertekönnen lebenslang nicht darüber sprechen).

    Auch viele Therapeuten und Ärzte etc. wissen nichts davon.

  • liebe ronja, du hast in vielen punkten recht. aber deine kritik verliert an wert, wenn du sie nicht unter eigenem namen veröffentlichst. wenn du etwas wichtiges zu sagen hast – wie in diesem fall – tu es bitte unter deinem namen. wenn alle nur mehr unter pseudonym schreiben, hört sich jeder diskurs auf. mit herzlichen grüßen!

  • Es kann alles übertrieben werden.

  • ich bin schon froh wenn man überhaupt ein behinderten wc findet denn die sind noch sehr dünn gesät aber behinderten wc getrennt für mann und frau finde ich ehrlich gesagt schon etwas übertrieben

  • Ich kann das Thema nicht mehr hören! Mehr Psycholog_innen, Psychiater und Therapeut_innen??? Ein sexistischer Witz zum Thema: Wer war zuerst da: Die Henne oder das Ei? Antwort: Der Gockelhahn! Tja liebe rabiate rollende „Ronda Rollerbraut“: Folge 4 war ja widererwarten ganz gut – jetzt sind wir wieder in der Feministenecke! Wer hat dies Thematisiert? Soweit ich es im Kopf habe eine „Spiegelreporteren“ aus Germanien. Da war ja die gute alte Rosa Luxemburg weit besser drauf!