Folge 7: Es stinkt mir gewaltig!

Rollend, rasant und rabiat durch Wien und den Rest der Welt

Symbolbild: Ronja Rollerbraut

Als langjährige mobile Rollstuhlfahrerin könnte ich (und sicher viele andere behinderte Menschen auch) eine ganze Reihe, ja sogar ein ganzes Buch voll mit Geschichten über das leidige Problem „mehr oder weniger barrierefreie Behindertentoiletten im Alltagsleben“ und „Anekdoten einer behinderten Wiener Rollstuhlfahrerin im 21. Jahrhundert rund um ein ganz natürliches Bedürfnis“ schreiben.

Einerseits scheinen einige Erlebnisse für den ersten Moment ganz witzig zu sein, andererseits würde den (nicht-behinderten) Leser und Leserinnen das Lachen im Halse stecken bleiben, würden sie sich nämlich vorstellen, in einer ähnlichen Situation selbst davon betroffen zu sein.

EU-Normen und Durchsetzung an der richtigen Stelle!

Da leben wir heute im reichen Österreich, eingebettet in der Europäischen Union, und es gelingt uns, verbindliche Normen für Obst und Gemüse festzuschreiben und darüber zu wachen, aber wir scheitern kläglich daran, Normen für eine barrierefreie Toilette festzulegen bzw. umzusetzen. Das Argument von „baulich schwierigen Vorbedingungen“ lasse ich nicht so einfach gelten. Und „barrierefrei“ ist leider sehr oft noch eine Ansichtssache.

Stufen zur Behindertentoilette kommen immer wieder vor. Die Raumgröße, der sog. Wendekreis, Höhe und Verstellbarkeit von Waschbecken und Spiegel, Höhe und Ausstattung des WC-Sitzes variieren von Fall zu Fall.

„Stell dir vor, es geht das Licht aus …“ und andere bizarre Phänomene

  • Seit ein, zwei Jahren mache ich zunehmend die Erfahrung, dass sich das Licht auch in Behindertentoiletten plötzlich, und zwar in relativ kurzer Zeit, von alleine abschaltet. Wenn man Pech hat, und mit seinem Geschäft noch nicht fertig ist, sitzt / steht man ganz unerwartet im Dunkeln. Für behinderte Menschen, die alleine unterwegs sind, noch dazu vielleicht eine Gehbehinderung haben oder auf den Rollstuhl angewiesen sind, eine nicht ungefährliche Angelegenheit. Glücklicherweise geht das Licht dann manchmal (!) wieder an, wenn man sich nämlich bewegt, da die Lichtschaltung durch Bewegungssensoren gesteuert wird.
  • Warum bei den neuen barrierefreien WC-Anlagen am Wiener Westbahnhof die Klospülung sehr oft von selbst aktiv wird, ist mir ein Rätsel. Auch hier scheint ein Sensor verwendet worden zu sein, der jedoch nur dann aktiv werden sollte, wenn man sich von der Klobrille erhebt. Die Sensorik scheint aber fatalerweise nicht immer richtig zu funktionieren und so kann es passieren, dass die Spülung geht, wenn man noch drauf sitzt und so kommt man in den „Genuss“ einer unfreiwilligen Intimspülung.
  • Zu dem barrierefreien WC beim Haupteingang des Museumsquartieres kann ich nur sagen: Nichts für schwache Nerven! Die WC-Anlagen sind so gebaut, dass man mehr als einem lieb ist von den Geschäften anderer Besucher und Besucherinnen mitbekommt. Bereichernd auch die lauten Dialoge zwischen den Touristen und Touristinnen in allen Sprachen. Und die Kabine für behinderte Menschen ist quasi direkt beim Eingang, wo auch die Wartefrau bzw. der Wartemann sitzt, platziert. Falsche Schamgefühle sind fehl am Platz, denn nicht nur, dass die Kabine nach oben offen ist, auch der untere Teil einen sehr breiten Spalt hat, sprich man kann als Außenstehender das Bewegungsmuster des gehenden oder rollenden Menschen nachvollziehen. Natürlich dringen auch alle Geräusche, die man in einer Toilette so macht / machen muss, in gut-hörbarer Qualität nach außen. Intimsphäre?- ein Fremdwort für die Planer dieser Toilettenanlage.

Euro-Schlüssel

Eine wirklich gute Erfindung. Es ist jedoch kontraproduktiv, wenn er zunehmend auch in die Hände von Personen fällt, die nicht zur vorgesehenen Zielgruppe gehören. Der Euro-Schlüssel nützt auch nichts, wenn das WC grundsätzlich offen steht, und so von allen möglichen und unmöglichen Leuten benützt und manchmal auch zweckentfremdet verwendet wird.

Problematisch ist es weiters auch, wenn nicht nur die Außensperrung durch den Euro-Schlüssel erfolgt, sondern auch das Verriegeln der Tür von innen. Oder, wenn es von Innen gar keine Verriegelung gibt. Dann kann zwar niemand ohne Euro-Schlüssel rein, aber alle behinderten oder nicht-behinderten Personen, die sehr wohl einen Euro-Schlüssel haben. So kann es schon mal passieren, dass man mit runtergelassenen Hosen überrascht wird.

Wir alle haben ein „natürliches Bedürfnis“

Der Bedarf an „öffentlichen, barrierefreien Bedürfnisanstalten‘“ ist um ein vieles größer, als man zunächst vermuten würde. Nicht nur vonseiten behinderter Menschen, oder von Rollstuhlbenutzern und -benutzerinnen. Nicht nur vonseiten der Mütter und/oder Väter mit Kinderwagen, die auch einen größeren Platzbedarf in einem WC haben. Ich spreche hier von unseren werten nicht-behinderten Bürgern und Bürgerinnen. Es ist erstaunlich, wie viele von ihnen ganz ungeniert und selbstverständlich zielstrebig auf die WC-Tür mit Rollstuhlsymbol zusteuern bzw. vom WC heraus kommen. Und die Wenigsten von ihnen bringen eine halbwegs glaubhafte Ausrede oder gar ein „tut mir leid“ hervor, wenn ein behinderter Mensch vor der Behindertentoilette ausharrt, um sich endlich seines dringenden Bedürfnisses entledigen zu können.

Besondere Erschwernisse

Dass es bei weitem viel zu wenig barrierefreie WC-Anlagen gibt, ist für Insider keine Neuigkeit. Aber auch wenn man dann endlich eine mehr oder weniger barrierefreie Behindertentoilette gefunden hat, erlebt man so seine Überraschungen. Eine bei weitem nicht vollständige Liste: Die Zweckentfremdung der Toilette durch Obdachlose und Drogenabhängige, die Türe lässt sich nur mit aller Gewalt und viel Muskelkraft aufstemmen, die Behindertentoilette wird zum Abstellraum/zur Rumpelkammer degradiert (z.B. Putzwaggerl), die Klobrille ist abmontiert, alle Arten von Verunreinigungen, das Fehlen eines Abfallbehälters, verstopfte WCs, erweitere Behindertentoilette für mehrere Personengruppen, ungeduldig klopfende und schimpfende Personen vor der Toilette (v.a. bei Messen), Auseinandersetzung mit Reinigungskräften und Sicherheitsbediensteten, die Behindertentoilette ist „außer Betrieb“ und die Suche fängt von Neuem an. Das Toiletten-Problem bei den ÖBB würde den Rahmen dieses Artikels sprengen und ist eines eigenen Artikels „würdig“.

Es könnte so einfach sein

Ich habe es satt: das Suchen/Abklappern von möglichen barrierefreien Toiletten, das Streiten, das Verteidigen, das Rechtfertigen, das Erklären, das Beschweren, das Überzeugen – alles für ein banales, natürliches, alltägliches Bedürfnis von allen Menschen. Behinderte Menschen wollen und müssen auch mobil unterwegs sein können und dafür gute Rahmenbedingungen haben. Deshalb fordere ich auf, dieses Problem zu lösen:

  • Bund/Stadt Wien: Auch wir sind gleichberechtigte Bürger und Bürgerinnen.
  • Lokale, Gaststätten: Auch wir sind zahlende Gäste mit Hunger, Durst und mehr.
  • Kaufhäuser: Auch wir sind ihre Kunden und Kundinnen.
  • Arztpraxen/Gesundheitseinrichtungen: Müssen wir ihnen das wirklich erklären?

Nicht-behinderte Bürgerinnen und Bürger: Wenn Sie unsere Behinderung übernehmen, dann dürfen Sie auch Behindertenparkplätze und -toiletten benützen. Sonst benützen Sie bitte die „normale“ Toilette. Denn wenn ein behinderter Mensch zu einer barrierenfreien Toilette kommt, so hat er/sie schon oft eine längere Suche oder „Marathon“ hinter sich und möchte rasch eine Erleichterung finden.

Liebe behinderte, ältere, kranke Bürger und Bürgerinnen (bzw. alle, die eine Behindertentoilette brauchen): Einerseits: Ich und du: wir sind nicht die Einzigen, die ein barrierefreies WC benötigen. Andererseits gibt es nun mal längere oder kürzere Sitzungen aus unterschiedlichen Gründen. Wenn ein WC besetzt ist, nervt es, wenn an der Tür dauernd gerüttelt und geklopft wird. Denn normalerweise bleibt niemand länger in einer öffentlichen Bedürfnisanstalt, als unbedingt nötig.

In diesem Sinne – für ein leichteres Miteinander!

Bis bald, eure Ronja.

P.S. Der Terminus „natürliches Bedürfnis“ betrifft alle Menschen und das Wort „Bedürfnis“ passt m.E. nur hier. Die Begriffe „besondere Bedürfnisse“, „besonders“, „bedürftig“ sind beim Thema „Behinderung“ absolut fehl am Platz. Wir sind behinderte Menschen, Bürger und Bürgerinnen mit Behinderung, Frauen und Männer mit Behinderung und aus!

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0 Kommentare

  • Hallo Ronja!
    Herzlichen Dank für diesen ausgezeichneten Beitrag, der Treffend die Probleme aufzeigt. Noch immer haben wir Menschen mit Behinderung nicht die Gleichbehandlung, die uns zusteht. Betrüblich ist, dass unsere Volksvertreter sich nicht 100%ig für uns STARK machen.

  • ihr habt mir aus der seele geschrieben. ich sage immer: wir sind nicht behindert wir werden behindert

  • Als sogenannte „Nicht-Behinderte“ denkt man ja selten daran, welche Schwierigkeiten es in Bezug auf diese menschlichen Bedürfnisse geben kann … aber bitte ohne dieses „Auch“:
    In diesem Zusammenhang heißt es doch besser „Wir sind gleichberechtigte Bürger und Bürgerinnen. …“ bzw „Wir sind zahlende Gäste ….“
    (Sorry – aber Sprache vermittelt sehr viel ….)

    Nix für ungut – und weiter so, Frau Ronja!

  • Wie recht sie doch haben! Und, tatsächlich eine tolle Zusammenfassung! Sie sprechen mir aus der Seele, und das tut gut! Aber: Was hilft es, wenn wir uns das gegenseitig berichten?

    Ich weiß nur von wenigen Nicht-Behinderten, dass sie diese Seiten lesen, wenigstens der Behindertenanwalt und einige Behindertensprecher lesen hier mit.

    >> Wie können wir das einer breiteren Öffentlichkeit nahe bringen? << Vor 10 (!) Jahren war das europäische Jahr der Behinderten, was hat sich geändert, was nicht? Die meisten Arztpraxen sind nach wie vor nicht barrierefrei, die meisten Restaurants ebenso, viele öffentliche Gebäude auch.

  • Wir Menschen mit Behinderung sollten wirklich mal ein Buch darüber schreiben.
    Ich hab noch eine kleine Ergänzungen: Behinderten-Toiletten ohne Klopapier und Papierhandtücher findet mann/frau auch oft vor. Muss sich jemand wickeln, darf er/sie das meist auf schmutzigen Böden tun, wo das Licht dann nimmer angeht, weil einem der Sensor trotz wilder Fuchtelei nicht mehr erreicht. Lichtsensoren in Behinderten-Toiletten sind absolut unpraktikabel. Da wäre eine selbst einstellbare Zeituhr oder ein normaler Kippschalter auf jeden Fall besser.

  • Eine weitere aktuelle Variante zum Thema Euroschlüssel: Problematisch ist es ebenso wenn die Außensperrung durch den Euroschlüssel erfolgt, innen die Sperrung aber durch einen der üblichen Verriegelungen erfolgt. Denn dann wird mit dem Aufsperren von außen gleichzeitig auch die Innenverriegelung geöffnet und der „Aufsperrer“ steht vor dir. Ort: „Katamaran“ des ÖGB. Besser ist die Innensperrung ebenfalls mit dem Euroschlüssel. Ort: Lugnercity.

    Zur generellen Aussage: Die einschlägigen Normen sind vorhanden, was fehlt ist der mangelnde Wille zur Befolgung der Normen, es fehlt weiters der politische Wille zur Verbindlicherklärung der Normen und es fehlen die Kontrollen durch die Beörden (in Wien: die Magistratsabteilung 37 – Baupolizei) sowie ausreichend hohe Strafen bei Nichteinhaltung der Bestimmungen.

    Danke für die umfangreiche und aufschlussreiche Übersicht!

  • Hervorragende Darstellung der Problematik der Behinderten-WC-Anlagen – Gratulation!