Gleiche Wünsche erfordern gleiche Rechte und Chancen

Referat zur Tagung "Institutionen, Sexualität, Behinderung" am 7. Mai 1993

Sexualität
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Warum eine Tagung zum Thema Behinderung – Sexualität? Weil beide Bereiche etwas Besonderes sind. Sexualität als etwas Einmaliges, Privates, sehr Sensibles, etwas, was einen geschützten Raum bedarf. Behinderung, d. h. Menschen mit Behinderung, werden ausgesondert und werden dadurch zu etwas Besonderem, Fremdartigem.

Die Segregation beginnt bereits im Kindesalter. Behinderte und nichtbehinderte Kinder werden in der Regel nicht gemeinsam unterrichtet. Sie erhalten nicht die Chance zu lernen, miteinander umzugehen.

Für sogenannte nichtbehinderte Kinder

heißt das, daß sie nie mit Behinderung konfrontiert wurden und daher, wenn sie erwachsen sind, oft Hemmungen haben, auf Menschen mit Behinderung zuzugehen. Sie wissen nicht, wie sie sich verhalten sollen und sie (die Nichtbehinderten) machen die Behinderung erst zum Problem.

Weiters werden diese nichtbehinderten Kinder, wenn sie Berufe ergreifen, die Bedürfnisse von behinderten Menschen nicht mit einbeziehen.

So gibt es dann z. B. ArchitektInnen, die Häuser bauen, in die wir nicht hinein können, oder PolitikerInnen, die Anliegen dieser benachteiligten Bevölkerungsgruppe nicht verstehen und somit nicht vertreten.

Die behinderten Kinder werden also in Sonderinstitutionen gesteckt. Jeder hat sein eigenes Getto: die Blinden, die Dummen, die Tauben und die Lahmen.

Nach der Schulzeit stürzen sich dann sämtliche Sonder- und HeilpädagogInnen und SozialarbeiterInnen auf die behinderten Jugendlichen, um sie nun in die Gesellschaft einzugliedern. Doch was Hänschen nicht lernt, lernt auch Hans kaum mehr. Egal ob behindert oder nicht.

Die Aussonderung

geht weiter – auch wenn es noch so alter Topfen ist – aufgrund der baulichen Barrieren. Stufen, keine Lifte und Rampen, ungenügend abgeschrägte Gehsteige, unbenutzbare öffentliche Verkehrsmittel, verstaubte Feuerschutzbestimmungen – all das verhindert uns behinderten Menschen die Teilnahme am öffentlichen Leben.

Es kommt mir immer wieder vor, als wäre ich nicht eingeplant. Und Euch Nichtbehinderte überkommt viel zu oft ein Unbehagen, wenn ihr einen von uns auf der Straße seht.

Um jetzt zum heißen Eisen – Sexualität – zu kommen. Am Anfang einer sexuellen Beziehung steht ein Kennenlernen, und wo findet dies üblicherweise statt – auf der Straße, im Café, im Beisl, im Theater, in der Bim … Aller Anfang ist da schwer!

Und was passiert mit Jugendlichen und Erwachsenen, die wegen ihrer Behinderung sehr viel Hilfe brauchen und die Angehörigen diese Arbeit nicht mehr schaffen oder es diese Familie nicht mehr gibt?

Die Lösung heißt in unserem Land immer noch Institution. In einer Institution zu leben, heißt, in der persönlichen Freiheit eingeschränkt zu sein, kaum wirklich Entscheidungen treffen zu können.

Nicht einmal existentielle – wann esse ich was, wann stehe ich auf. Die Betroffenen erlernen oft gar nicht, zu wissen, wann sie was wollen, welche Bedürfnisse sie wirklich haben.

Die Strukturen

von Behinderteninstitutionen haben vieles mit Strukturen anderer Institutionen gemeinsam, nämlich Gefängnissen – da und dort gibt es eine Hausordnung.

Daß Sexualität hier auf der Strecke bleibt und zum Problem wird, ist klar. Und BetreuerInnen, ErzieherInnen … können, wenn überhaupt, nur in dem Ausmaß helfen und unterstützen, inwieweit sie selbst mit ihrer eigenen Sexualität zurechtkommen.

Doch vor allem muß ihnen zuerst einmal bewußt sein, daß wir behinderte Menschen keine asexuellen Wesen sind, daß wir ein Recht auf unsere Sexualität haben, und, daß wir auch ein Recht auf unser Anderssein haben.

Ich fordere alle Zuständigen auf, nicht mehr länger zuzulassen, unter welchen Bedingungen behinderte Menschen leben müssen, diese Aussonderung, die uns alle betrifft, nicht länger zuzulassen. Seien sie sich dessen bewußt, und wenn sie die Situation der Betroffenen ändern wollen, gehen Sie raus aus den Institutionen und unterstützen Sie nicht länger dieses menschenunwürdige System mit ihrer Arbeit.

Ich fordere Sie auf,

mit uns Betroffenen um ein Antidiskriminierungsgesetz zu kämpfen, um einander ohne Barrieren begegnen zu können.

Und ich fordere Sie auf, solidarisch eine Pflegevorsorge, eine wirklich ernstgemeinte Pflegevorsorge, zu schaffen, um uns behinderten Menschen ein selbstbestimmtes Leben ohne Einbahnstraße Heim zu ermöglichen.

Es geht hier um Menschenrechte,

die uns vorenthalten werden. Almosen fördern die Abhängigkeit der Betroffenen. Und wenn sich behinderte Menschen dagegen wehren, begeben sie sich oft in Gefahr, denn auf Almosen gibt es keinen Rechtsanspruch.

Ich appelliere daher an ihre Solidarität und nicht zuletzt an den Mut der Betroffenen. Ich meine nämlich, daß Behinderung kein Schicksal und schon gar nicht ein medizinisches Problem ist, sondern eine Frage des politischen Bewußtseins.

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