24. Woche 2026 – 20 Jahre Bundes-Behindertengleichstellungsgesetz
Vor über 20 Jahren wurde das Bundes-Behindertengleichstellungsgesetz beschlossen. Es soll Menschen mit Behinderungen vor Benachteiligung schützen und für mehr Barrierefreiheit …
Ein Unternehmen stellt einen gehörlosen Mitarbeiter ein. Die Geschichte wird als „Wagnis“ und „Investment“ gefeiert. Ein Kommentar.
Ich saß neulich in einer Open Lecture über Personal Branding. Was ich dort als Beispiel für Storytelling hörte, hat mich vor den Kopf gestoßen: Ein Unternehmen stellt einen gehörlosen Mitarbeiter ein.
Die Geschichte wird als „Wagnis“ und „Investment“ gefeiert, das sich nun auszahlt. Trotz seiner Behinderung ist er ein guter Mitarbeiter.
Ich sehe hier eindeutig „Inspiration Porn“: Menschen mit Behinderung werden als Requisiten benutzt, damit sich die Mehrheitsgesellschaft „inspiriert“ fühlt und das Unternehmen sich als inklusiv darstellen kann.
„Trotz“ seiner Behinderung ist der Herr ein guter Mitarbeiter – und dient als positive Werbung für das Unternehmen, das ja so gnädig war, diesen „armen Menschen“ anzustellen. Und, was für ein Glück, der Mann hat nicht – wie scheinbar erwartet – versagt. Nein, er war ein „Investment.“
Wenn manche von uns es dann „trotz“ unserer Behinderung schaffen (diejenigen, die es nicht tun, sind für das Marketing schlicht nicht interessant), wird das gefeiert.
Dieses „Trotz“ kennt vermutlich jeder Mensch mit Behinderung. Ja, wir schaffen Dinge. Aber wir tun es, indem wir uns durch ein System kämpfen, das uns Grenzen setzt und uns nicht verstehen will – oder kann.
Der Autor Fabrizio Acanfora schreibt dazu in seinem Buch „Di pari passo“:
„Du bist nicht behindert. Du hast Eigenschaften, die in manchen Situationen sicher schwierig sind, aber du bist nicht behindert. Du wirst behindert – du wirst von der Gesellschaft behindert, weil deine Merkmale als ‚außerhalb der Norm‘ gelten …“
Genau hier liegt der Hund begraben. Die Behinderung entsteht erst im Kontakt mit einer Umwelt, die starr ist. Du wirst behindert
Fällt dir was auf? Wir werden alle an irgendeinem Punkt behindert. Anpassungen helfen uns allen. Behinderung entsteht dort, wo ein vergängliches Ideal von „Leistungsfähigkeit“ festgelegt wird.
Inklusion wird leider oft so gelebt: Eine Gruppe „Besserer“ erlaubt den „Schwachen“, an ihrer Welt teilzuhaben – solange es nicht zu viel kostet und man sich damit schmücken kann.
In der Realität zahlen viele Betriebe lieber die Ausgleichszahlung, als behinderte Menschen anzustellen. Da ist die Angst vor dem Kündigungsschutz oder das Vorurteil: „Der kann doch bestimmt nicht so toll arbeiten wie ein normaler Mensch…“
Normal ist bloß ein statistischer Durchschnittswert! Acanfora beschreibt diese Kultur der Normalität so:
„Das Ergebnis von all dem ist die Entstehung einer Kultur, die beginnt, über Normalität zu sprechen, indem sie systematisch jeden ausschließt, der sich von dieser Kategorie entfernt. Gleichzeitig ist es eine Gesellschaft, die danach strebt, diese Normalität zu verbessern, indem sie künstlich eine stärkere Verbreitung jener Eigenschaften und Merkmale fördert, die als am wünschenswertesten gelten, und die Möglichkeit der Verbreitung der unerwünschten verringert.“
Passt du in diese Norm? Glückspilz. Wer es nicht tut, der passt halt nicht ins System, ist falsch und möge doch woanders hingehen. Beispiel? Der Kommentar zu meinem BIZEPS-Artikel über „Knock-out Prüfungen für Autist:innen“, wo es heißt, Anpassungen sind nicht durchführbar und „Wir, die FH, sind für die Wirtschaft da und dort läuft das nun einmal so. Vielleicht wären Sie an der Uni besser aufgehoben?“
Die hervorragende Antwort von Barbara Levc bezogen auf die gesetzliche Lage zeigt, dass hier Bequemlichkeit vor Gerechtigkeit und Inklusion steht. Anpassungen kosten Zeit und Geld. Da sortiert man lieber „nicht passende Studierende“ aus. Liebe FHs: Das ist Ableismus und Diskriminierung.
Dass viele Menschen den Nachteilsausgleich oder andere Lebensrealitäten gar nicht auf dem Schirm haben, zeigt mir auch das Interview mit Gernot Blümel im Kurier (2. Mai 2026). Hier ging es um KI und auf die Frage, wie man da schriftlich Wissen an Schulen oder Fakultäten prüfen könne, antwortet er:
Ganz einfach: Mehrstündige Prüfungen vor Ort, bei denen handschriftlich abgefragt wird.
Lieber Herr Blümel, mit ADHS und anderen kognitiven Einschränkungen ist eine mehrstündige Prüfung nicht einfach. Lernende mit motorischen Beeinträchtigungen können nicht stundenlang schreiben.
Aber auch im beruflichen Umfeld werden wir eher als Risiko gesehen. So findet sich in derselben Kurier-Ausgabe unter der Rubrik „Recht praktisch“ eine Leserfrage zum Thema Kündigung im Krankenstand folgender Text:
Achtung: Lange oder häufige Krankenstände können unter Umständen ein Hinweis darauf sein, dass ein Mitarbeiter den Status eines begünstigen Behinderten hat und daher ein besonderer Kündigungsschutz greift […]
Vielen Dank, dass die Arbeitgeber gewarnt werden. Behinderte Menschen finden schwer eine Arbeit, sind von Armut betroffen – und hier warnt man explizit davor, sie einzustellen, da sie ja lange und häufig krank seien – Quelle für diese Behauptung gibt es naturgemäß keine.
All diese Beispiele zeigen, dass es für die Gesellschaft scheinbar nur eine „richtige“ Art zu funktionieren gibt und erfüllt man diese nicht, wird man behindert.
Mein Versuch, den Normen zu entsprechen, „richtig“ zu sein, hat mich ins Burnout geführt. Ich bin gezwungen, meinen Beruf zu wechseln. Aber offenbar bin ich auch „an einer FH“ und in „der Wirtschaft“ nicht richtig. Wo also soll ich hin? Wo bin ich richtig?
Überall. Es gibt keine richtige oder falsche Art zu existieren. Wir alle sind unterschiedlich, und diese Vielfalt ist die eigentliche Normalität. Es wird Zeit, dass Bildungsinstitutionen, die Wirtschaft, die Gesellschaft aufhören, uns in Schablonen zu pressen – und stattdessen anfangen, die Barrieren abzubauen, die sie selbst errichtet haben.
Ich hoffe mit diesem Artikel einen Beitrag zur Bewusstmachung zu leisten – es gibt mehr als nur die „genormte“ Lebensrealität und jede muss mitgedacht werden.
Barrierefreiheit sichtbar gemacht: Jede Woche ein Bild, das Erfolge feiert oder Hürden aufzeigt.
Vor über 20 Jahren wurde das Bundes-Behindertengleichstellungsgesetz beschlossen. Es soll Menschen mit Behinderungen vor Benachteiligung schützen und für mehr Barrierefreiheit …
Robert Mueller ,
19.05.2026, 11:06Ich hoffe solche Texte helfen uns eine politische Diskussion zu starten – die fehlt m.E. Wir erleben gerade einen Siegeszug des Populismus in Kombination mit einem boomenden Rechtsruck. Ein Meilenstein war die Einzementierung von #Leistung im Bildungssystem als zentralen Wert durch SCHWARZ-BLAU.
Die letzte große Weichenstellung in Richtung Segregation.
Alle anderen Parteien haben kaum etwas dagegen unternommen – sogar die Sozialdemokraten machen beim wirtschaftlichen Sozialabbau fleißig mit.
Klaudia Karoliny ,
18.05.2026, 12:27Ich finde den Artikel wichtig und richtig. Vielen Dank dafür und alles Gute Ihnen für die weiteren Herausforderungen an der FH und sonstwo.
Elisabeth Blau A Hupf in Gatsch ,
17.05.2026, 08:00Liebe Birgitt! Großen Dank für einen weiteren aufschlussreichen Artikel! Du sprichst mir aus der Seele. Und gibst mir Kraft, weiterhin als Pionierin an meinem Arbeitsplatz für Aufklärung zu kämpfen.
Ich finde dich großartig! Ganz liebe Grüße von Elisabeth