Großbritannien: Dem Richter rechtlos ausgeliefert

Die Entscheidung eines Richters in Birmingham erschüttert die Briten: Der sexuelle Mißbrauch einer behinderten Engländerin bleibt ungesühnt, weil die geistig gesunde Frau, die Multiple-Sklerose hat, nicht sprechen kann, berichtet der Kurier.

Flagge Großbritannien
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Mit einer Buchstaben-Tafel machte sich die in einem Heim lebende Mary Nevin, bei der Polizei verständlich: In einem auf Video aufgezeichneten Gespräch gab die Frau an, daß sie von einem Pfleger sexuell belästigt wurde. Der Täter hatte sich nachts in ihr Zimmer geschlichen und sie begrapscht. Am Morgen fand sie ihr Freund Paul Davis völlig aufgelöst.

Der Vorfall ereignete sich bereits vergangenen Oktober, doch erst jetzt nahm sich ein Gericht in Birmingham der Anzeige an und lehnte einen Gerichtsprozeß gegen den Krankenpfleger kaltschnäuzig ab. Frau Nevin sei nicht vernehmungsfähig, das Video könne nicht als Beweis verwendet werden, weil man die Frau nicht dazu befragen könne, erläutert der Kurier vom 21. August 1997.

Frau Nevin besteht darauf, daß sie sehr wohl einem Prozeß folgen und antworten könne, wenn auch nur langsam, mit der Buchstabentafel. Richter Derek Stanley im Daily Telegraph: „Ich habe zu entscheiden, ob diese Frau zu einer Aussage fähig ist oder nicht. Es ist einfach nicht möglich, mit tauben und stummen Menschen auf anerkannte Art zu kommunizieren.“

Marys Freund Paul Davis und die Multiple-Sklerose-Gesellschaft fechten die Entscheidung an, die in England zu Protesten geführt hat. „Mary kann sich perfekt verständlich machen, es dauert nur ein bißchen“, so Davis. Peter Cardy, Sprecher der Multiple-Sklerose-Gesellschaft: „Wenn solche Richtersprüche Schule machen, wird es für behinderte Menschen unmöglich, zu ihrem Recht zu kommen.“

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