Happy Birthday, ENIL!

Im Jahr 1989 fand eine europäische Konferenz für Persönliche Assistenz in Straßburg statt.

ENIL
ENIL

Es nahmen mehr als einhundert Menschen mit Behinderungen aus Belgien, Deutschland, Dänemark, Finnland, Frankreich, Großbritannien, Italien, den Niederlanden, Norwegen, Österreich, Schweden, der Schweiz, Ungarn und den Vereinigten Staaten von Amerika teil.

Bei dieser Konferenz vom 12. bis 14. April 1989 entstand die Organisation European Network on Independent Living (ENIL) – übersetzt Europäisches Netzwerk für Selbstbestimmtes Leben.

Weiters wurde die sogenannte Straßburger Resolution verabschiedet, ein Dokument, das erforderliche Rahmenbedingungen für Persönliche Assistenz auf der Basis eines selbstbestimmten Lebens schon damals als ein Bürgerrecht einforderte.

Anlässlich des Geburtstags von ENIL hat BIZEPS einige bekannte Aktivistinnen und Aktivisten befragt. 

Die derzeitige Präsidentin von ENIL, Kapka Panayotova, fasst die Geschichte von ENIL folgendermaßen zusammen: „Dreißig Jahre harte Arbeit, unzählige Kämpfe, wenige Erfolge und viele Misserfolge, und viel Spaß. Dies ist kurz gesagt die Geschichte von ENIL – einer großen Plattform behinderter europäischer BürgerInnen, die wie alle anderen leben wollen: Entscheidungen treffen, Verantwortung übernehmen, ihre eigenen Familien gründen und ihre eigenen Kinder großziehen, Siege genießen und aus den Fehlern lernen, Steuern zahlen und an Wahlen teilnehmen.“

Ein Rückblick auf die Anfänge 

Auch zwei Aktivisten aus Österreich und Deutschland melden sich anlässlich des Geburtstages von ENIL zu Wort.

Ich bin stolz darauf, damals dabei gewesen sein zu dürfen. Unsere Motivation zur Gründung von ENIL war die Verstärkung und der Ausbau der Zusammenarbeit auf europäischer Ebene, verbunden mit der Hoffnung, dadurch die Behindertenbewegung zu stärken und neuen Schwung hinein zu bringen“, so Manfred Srb, langjähriger Aktivist aus Österreich.

Ottmar Miles-Paul aus Deutschland betont die Wichtigkeit der Gründung einer Internationalen Bewegung. „Dieser internationale Austausch und neue Wind in der Behindertenpolitik hat geholfen, Zentren für selbstbestimmtes Leben zu gründen und vor allem einen Paradigmenwechsel in der Behindertenpolitik einzuleiten, weg von der Bevormundung und Betreuung, hin zur Selbstbestimmung und Gleichstellung.“ 

Zur Bedeutung der Straßburger Resolution

Zur heutigen Bedeutung der Straßburger Resolution befragt, meint Miles-Paul: „Die Grundsätze von damals sind heute meines Erachtens noch genauso wichtig, wie Ende der 80er Jahre. Denn gerade in der sogenannten Behindertenhilfe und Behindertenpolitik geht es entscheidend um Macht und darum, wer das Zepter in der Hand hat. Behinderte Menschen müssen ihr Leben selbst bestimmen, gestalten und lenken können und hierfür die nötige Assistenz haben. Das verwischt sich heute zuweilen bei der Inklusionsdebatte immer wieder.“

Eine kritische Stimme zum Geburtstag kommt aus Schweden von einem Vorkämpfer für selbstbestimmtes Leben, der auch einen entscheidenden Beitrag zur Gründung und zum Aufbau von ENIL geleistet hat. Die Rede ist von Adolf Ratzka, der letztes Jahr seinen 75. Geburtstag feierte.

Wie vor 30 Jahren brauchen wir heute ein Netzwerk, in dem sich Gruppen und einzelne gegenseitig informieren, beraten, unterstützen und gemeinsame Projekte planen. Mehr Rechte, mehr Gelder von der Regierung – natürlich! Aber wieviel haben wir davon, wenn fast niemand seine Rechte fordert, wenn wir zwar unsere persönlichen Assistenten bezahlen können, aber uns von ihnen „betreuen“ und bevormunden lassen, als ob wir noch im Heim lebten?

Erst wenn wir uns selbst für voll nehmen, uns als gewöhnliche Bürger mit den gleichen Pflichten und Rechten sehen, die andere als selbstverständlich betrachten –  erst dann können wir von anderen das Gleiche erwarten. Das allein zu lernen, ist schwer. Zusammen mit anderen in der gleichen Situation, in Initiativen und Aktionsgruppen wird es leichter. Und dazu müssen wir uns vernetzen.

So wichtig die Internationale Zusammenarbeit damals wie heute ist, so schwierig kann es manchmal sein, ihr nachzukommen, sagen die Kollegen aus Deutschland und Österreich.

„Nichtzuletzt auch, weil uns alle der mühsame Kampf um unsere Menschenrechte vor Ort oft zu sehr in Anspruch genommen hat ist, uns für die Weiterentwicklung und den Ausbau von ENIL zu wenig Zeit und Kraft geblieben. Ich hoffe, das wird sich noch ändern“, meint Manfred Srb.

Ottmar Miles-Paul pflichtet ihm bei: „Leider hatten wir in Deutschland in den letzten Jahren wegen der vielfältigen Herausforderungen oft nicht die Möglichkeit, uns bei ENIL so einzubringen, wie wir das eigentlich wollten oder sollten.“

Update: Reaktion

Hier beginnt der Werbebereich Hier endet der Werbebereich
Hier beginnt der Werbebereich Hier endet der Werbebereich

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

3 Kommentare

  • Adolf Ratzka hat vollkommen recht mit dem was er sagt! Wir Menschen mit Behinderungen lassen uns in der Regel zu viel gefallen von unseren Assistent*innen. Besonders arg treiben es jene, die bei einem Dienstleister angestellt sind (es gibt natürlich auch einige Ausnahmen!).
    Auftraggeber*innen sind schnell der/die Böse, wenn sie Assistent*innen wieder abserviert, weil sie sich zu viel herausnehmen (nie können wenn sie gebraucht werden) oder zu fast nichts zu gebrauchen sind (Assis dürfen sagen, was sie machen und was nicht, z.B. keine Hilfe beim WC-Gang). Am Wochenenden oder Feiertagen ist es ganz besonders arg überhaupt jemand zu finden, der Dienste übernimmt. Da muss dann wieder die Familie herhalten die natürlich nichts bezahlt bekommt.
    Und je massiver die Behinderung, umso gravierender ist das Problem. Das sind meine Beobachtungen, die ich in OÖ mache und die ich von Erzählungen Betroffener kenne.