Hilfsgemeinschaft: Inklusion – immer noch Illusion

Die Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen Österreichs fordert einen Rechtsanspruch auf Persönliche Assistenz, unabhängig von der Art der Behinderung. – Ein Kommentar

Magdalena Scharl
BIZEPS

Ein knapper, lesenswerter Überblick zur Situation in Bezug auf Persönliche Assistenz findet sich in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „sichtweisen“. Die Autorin Gabriele Frisch stellt gleich zu Beginn klar, „Inklusion in allen Lebensbereichen ist immer noch eine Illusion“.

Den meisten Kritikpunkten ihrer Ausführungen kann ich vorbehaltlos zustimmen, unter anderem:

  • völlig unterschiedliche Rahmenbedingungen und dadurch Ungleichbehandlung je nach Bundesland, Alter und Behinderung
  • fehlender Rechtsanspruch
  • „Förderdschungel“ unter anderem durch die Trennung von Arbeits- und Freizeitbereich

Frau Frisch geht vor allem auf die Situation in Wien ein, wo Menschen mit Sinnesbehinderungen aus der Zielgruppe der „Pflegegeldergänzungsleistung für Persönliche Assistenz (PGE)“ ausgeschlossen sind. Ihnen steht nur ein „Assistenzkontingent“ von 30 Plätzen im Rahmen des „Teilbetreuten Wohnens“ grundsätzlich offen, wie anderen, die nicht zur Zielgruppe der PGE gehören. Die Wartelisten sind entsprechend lang.

Einem einzigen Punkt in diesem informativen Artikel muss ich aber vehement widersprechen, beziehungsweise ist aus meiner Sicht eine Präzisierung unumgänglich. Frau Frisch bemängelt, dass die Dienstleistung „Persönliche Assistenz“ keinerlei Qualitätskontrolle unterliege:

So wird zum Beispiel Körperpflege ohne vorherige Schulung durchgeführt – eine Zumutung für Assistenznehmer.

Zumutung oder Herausforderung?

Meine Sichtweise: Die Zumutung liegt im Wesen der Persönlichen Assistenz. Ich würde sie als Herausforderung bezeichnen. Sie ist wesentliche Voraussetzung für Selbstbestimmung.

Das Konzept der Persönlichen Assistenz geht von Expertinnen und Experten in eigener Sache aus. Die Person mit Behinderung entscheidet selbst, wer sie, wann, wo, wie und – wenn nötig – mit wem unterstützt. Das Erlernen der nötigen Kompetenzen ist anstrengend und sehr herausfordernd. Persönliche Assistenz ist von ihrem Konzept her kein Fachpersonal.

Angemessene Rahmenbedingungen

Für das Erlernen braucht es Rahmenbedingungen, genauso wie es für Persönliche Assistenz Wertschätzung und angemessene Bezahlung braucht. Zu diesen zählt Unterstützung wie Peer-Beratung und das Beiziehen von bereits eingeschulten Unterstützungspersonen bei der Einschulung von Tätigkeiten, die man nicht an sich selbst vorzeigen kann, z.B. Transfer vom Bett in den Rollstuhl oder Ähnliches.

Freiwillige Kurse sinnvoll

Es ist natürlich sinnvoll und wünschenswert, dass Kurse, z.B. für Hebetechniken angeboten werden. Die Assistenz-Anbieter haben für ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mitunter solche Kurse im Programm. Ihre Stundensätze übersteigen aber jene der Förderung bei weitem.

Eine echte Wahlfreiheit zwischen der Organisation von Persönlicher Assistenz über Anbieter oder Arbeitgebermodell besteht aus finanziellen Gründen meist nicht. Es wäre auch eine Möglichkeit, solche Kurse für Assistentinnen und Assistenten von Arbeitgeber und Arbeitgeberinnen mit Behinderung zu öffnen.

Die derzeitige Situation

Die meisten Assistenznehmerinnen und Assistenznehmer schulen ihre neuen Assistentinnen und Assistenten mit Unterstützung von geübten Assistenzpersonen aus dem Assistenzteam beziehungsweise aus dem Kreis der Angehörigen ein. Bei Bedarf hat sich auch bewährt, Physiotherapeutinnen oder Physiotherapeuten Techniken vorzeigen zu lassen.

Vorsicht bei Forderungen nach Ausbildung angebracht

Eine genaue Abgrenzung zwischen Betreuung, wie sie herkömmliche Soziale Dienste anbieten, z.B. Heimhilfe und Pflegedienste oder 24-Stunden-Betreuung und Persönlicher Assistenz ist unbedingt erforderlich.

Gut ausgebildetes und auch engagiertes Fachpersonal gibt es bereits. Es ist auch Selbstbestimmung, zu entscheiden, dass man nicht einschulen und anleiten will, weil man z.B. nicht (mehr) die Energie dafür hat. Wobei natürlich hier auch ausreichende finanzielle Ressourcen notwendig sind!

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Ein Kommentar

  • Danke für diesen wichtigen Kommentar! Meine Kollegin Gabi Frisch ist derzeit auf Urlaub und ab 1. Dezember in Pension, kann daher nicht mehr Stellung nehmen. Sehr gerne bringe ich aber diesen Kommentar in der nächsten Ausgabe der sichtweisen – ich werde diesbezüglich gerne mit Frau Scharl Kontakt aufnehmen! mit besten Grüßen Helga Bachleitner, Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen Österreichs, Leitung Kommunikation