Hitlers Geburtshaus als Behindertenheim? Nicht mit uns!

Am 14. Dezember 2016 hat der Nationalrat des Österreichischen Parlaments nach Jahrzehnte langer Diskussion die Enteignung von Adolf Hitlers Geburtshaus in Braunau / OÖ beschlossen. Nun soll laut Landeshauptmann Pühringer dort ein "Behindertenhaus" betrieben werden. Ein Kommentar.

Mahnstein Für Frieden Freiheit und Demokratie nie wieder Faschismus Millionen Tote mahnenm vor dem Geburtshaus von Adolf Hitler
Bürgerhaus, Mahnstein gegen Krieg und Faschismus von Anton-kurt / CC BY-SA 3.0 AT

Das Geburtshaus soll nicht als Pilgerstätte für Rechtsextremisten dienen. Eine Expertenkommission des Bundesministeriums für Inneres zeigt in einem kurzen Bericht Möglichkeiten der Verwendung auf. 

Sie empfiehlt – neben einer „tiefgreifenden architektonischen Umgestaltung“ eine „sozial-karitative oder behördlich-administrative Nutzung der Liegenschaft“. Besonders die mögliche Nutzung als „Behindertenheim“ oder „Behindertenwerkstätte“ fiel bei den zuständigen Politikern auf fruchtbaren Boden und man überlegt, das Gebäude wiederum der Lebenshilfe Oberösterreich anzubieten.

Landeshauptmann Josef Pühringer (ÖVP) unterstützt diese Empfehlung und legt sogar noch nach: Diese Nutzung sei „eine Art ‚Antithese zum Nationalsozialismus‘, da es ‚unwertes Leben‘ nicht gebe.“

Hartheim, Braunau … wie oft noch?

Braunau hat zweifelsohne eine besondere verantwortungsvolle Rolle inne und wird wohl auch für immer mit der NS-Diktatur und Adolf Hitler verbunden sein. Ein sorgfältiges Nachdenken über die Nutzung ist nötig. Aber: Es kann und darf niemand gezwungen werden, in diesem Haus leben und/oder arbeiten zu müssen. Wie kommen gerade behinderte Menschen dazu, hier für eine Alibi-Lösung zur Verfügung zu stehen?

Auch eine Umgestaltung des Hauses bedeutet nicht automatisch, dass keine Rechtsextreme mehr nach Braunau kommen. Gerade der Umstand, dass dort behinderte Menschen – quasi im Schaufenster bzw. vulnerabel – leben, könnte eine Motivation für Rechtsextremen sein, dort Randale zu machen. Werden die zukünftigen Bewohner und Bewohnerinnen gefragt, ob sie das möchten?

Und wie geht es eigentlich den vielen behinderten Menschen in Hartheim / OÖ, die ebenfalls in Großeinrichtungen in der Nähe des Schlosses Hartheim leben und arbeiten müssen? In dem Schloss wurden während der NS-Diktatur rund 30.000 behinderte und psychisch kranke Menschen ermordet.

Besinnung auf Menschenrechte und UN-Behindertenrechtskonvention

„Der Bund wird die Baumaßnahmen ja entsprechend setzen. Und wir werden dann der Lebenshilfe anbieten, dort ein Behindertenhaus zu führen. Weil wir glauben, dass das die günstigste Verwendung ist.“

Dieses Zitat stammt von Landeshauptmann Josef Pühringer aus dem Ö1 Morgenjournal vom 16. Dezember 2016. Heißt das etwa, sparen bei den Schwächsten? Die UN-Behindertenrechtskonvention hat sich zum Wohnen und Arbeiten eindeutig geäußert. Es sind keine Sonderrechte, sondern Menschenrechte, die es hier zu sichern gilt.

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10 Kommentare

  • PC kann seltsame Blüten treiben.

    Der Artikel ist ein weiteres Beispiel dafür, dass Parteipolitik auch die Vereine dominiert.

    Überlassen Sie es doch der Lebenshilfe, wie sie mit diesem Angebot umgeht!

    Statt pc-überkorrekter Selbstdarstellung könnte man sich auch um alltagsrelevantere Dinge, wie z.B. die Barrierefreiheit öffentlicher Gebäude kümmern oder um die Verlegung ehemals barrierefrei zugänglicher Postfilialen an nicht barrierefrei zugängliche Standorte.

    Das ist genau der Grund, warum ich fordere, dass statt Subventionierung der Vereine mehr öffentliches Geld direkt an Betroffene gehen sollte und letztere entsprechend der Auswahl von Geschworenen oder Schöffen in allen Belangen Mitsprache bekommen sollten.

    • Was dieser Artikel mit Political Correctness zu tun hat erschließt sich mir zwar nicht aber man muss ja nicht alles gut heißen.

      Wie würden sie es empfinden wenn, als fiktives Beispiel, in einem ehemaligen KZ ein Wohnheim für jüdische Jugendliche geplant würde?

      Ich weiß nicht wie es ihnen geht, aber wir haben mehrere Interessen. So können wir uns auch um mehreres kümmern wie zum Beispiel auch barrierefreie Planen und Bauen.

      Als Verein hat man jedoch auch nur einen gewissen Einfluss und kann leider nicht alle von Barrierefreiheit als Gewinn überzeugen.

  • Warum macht man nicht gleich ne Synagoge hin. Mein Gott denkt doch mal nach Geld ist nicht alles… Warum zieht der Püringer nicht ein mit sein Heimbuchner ein, denn würde es gefallen…

  • Also ich hoffe, dass die Lebenshilfe das Angebot annimmt!
    Von 1977 bis 2011 war im Geburtshaus Hitlers die Tagesheimstätte der Lebenshilfe untergebracht. Weil Umbauten bezüglich der Barrierefreiheit wegen der Eigentümerin nicht möglich waren, war die Lebenshilfe mehr oder weniger gezwungen auszuziehen.
    Die Klienten haben sich nicht aufgeregt, weil sie im Hitlerhaus arbeiten „müssen“. Im Gegenteil. Sie und ihre Angehörigen waren froh, dass sie überhaupt Arbeit und Betreuung haben.
    Betreuungs- und Arbeitsplätze für beeinträchtigte Menschen sind rar. In den letzen Jahren ist wahnsinnig viel Geld in den Sozialen Bereichen Eingespart worden.
    Hier bietet sich das Angebot weitere Plätze zu schaffen. In diesem Fall sogar mit dem Willen der Politik.

    Man zwingt hier niemanden in einem historisch belasteten Gebäude zu arbeiten. Man schafft neue Betreuungsplätze für Menschen mit besonderen Bedürfnissen. Und das zu verhindern finde ich nicht Richtig.

  • In OÖ „nutzt mann/frau ja auch die frei stehenden Gänge bzw. ganze Altenheime“, die es nun heißt mit „Behinderten“ zu füllen, wenn dann erst einmal überhaupt wieder Geld im Behindertenbereich da ist…
    Die ältere Generation bevorzugt es offenbar verstärkt, doch in den eigenen vier Wänden so lange es irgendwie geht wohnen zu bleiben und sie hat meist auch die finanziellen Mittel dazu, sich (mit der Bundesförderung) eine 24-Std.-Hilfe zu leisten. Menschen mit Behinderungen haben fast nie eigenes Geld erwirtschaften können und werden bei uns ja auch zuerst von den Eltern und dann vom Staat abhängig gehalten, wenn sie selbst keiner Erwerbsarbeit nachgehen können.

    Mich wundert es daher gar nicht, dass der Lebenshilfe das Hitler-Haus angeboten wurde. Ich hoffe, sie nimmt es NICHT!

    Es ist mir jedesmal schaurig, wenn ich die Ausstellung im Schloss Hartheim besuche, wo daneben das Institut Hartheim steht.

  • Sehr geehrte Frau Mag. Kanrer,

    mit Braunau und dem Hitler-Geburtshaus kann ich Ihnen nur zustimmen. Diese Argumentation ist schon weit hergeholt. Ähnlich könnte eine Einrichtung für Juden/Jüdinnen; Roma/Sinti oder eine der zahllosen anderen Opfergruppen in diesem Haus in Braunau argumentiert werden.
    Bei Harteim sehe ich das etwas anders. Dort wurden Menschen mit Behinderung ermordet und so gesehen ist sowohl der Lern- und Gedenkort als auch das Institut Hartheim sichtbarer Beleg für die Antithese zum NS.

    Mit besten Grüßen
    Reinhold Gärtner

  • Nur zur Erinnerung: das „Hitler Haus“ in der Salzburger Vorstadt diente der Lebenshilfe Braunau bis September 2006 bereits viele Jahre als Tagesheimstätte und wäre vermutlich heute noch dort, hätte die Besitzerin den angestrebten, behindertengerechten Umbaumaßnahmen zugestimmt. Des weiteren wird das Haus ja der Lebenshilfe vorerst einmal angeboten und diese kann annehmen oder ablehnen. Von einer quasi „Zwangsbeglückung“ kann also meiner Ansicht nach keine Rede sein.

  • Entscheidend ist EINZIG der Umgang mit Behinderten JETZT.
    Und der könnte wohl besser sein. Sehr milde gesagt.

  • Frau Mag. Karner, ich spreche Ihnen voll und ganz zu. Vor allem würde durch den Einzug der Lebenshilfe die Stigmatisierung Braunaus nicht abreisen.
    Seit längerer Zeit setzt sich eine Gruppe Jugendlicher für das Projekt „Haus der Verantwortung“ im Geburtshaus von Adolf Hitler ein. Hier würden Jugendliche aus aller Welt Verantwortung – aus der Vergangenheit lernend, in der Gegenwart schaffend und für die Zukunft planend – mitunter auch gegenüber Menschen mit Behinderungen thematisieren.
    https://www.facebook.com/houseofresponsibilitybraunau/
    Auf unser FB-Seite kann über die weitere Nutzung mitdebattieren werden.
    Freuen uns sehr über jegliche Unterstützung.

  • Auf die Idee eines Pflegeheims für andere Menschengruppen, die von den Nazis verfolgt und ermordet wurden, käme verständlicherweise niemand. Mit behinderten Menschen kann man das offensichtlich machen und kommt sich dabei noch hilfreich, edel und gut vor.

    Abgesehen von der Pietätlosigkeit im konkreten Fall soll es allgemein längst keine und darf es laut Menschenrechtskonvention UN-BRK auch keine Sonderwelten für behinderte Menschen geben.

    Die von Politikern wie LH Pühringer bemühte „Antithese“ ist gar keine!
    Aussonderung war und ist bereits Einstieg in die Diskriminierung!

    Die gesamte Verheimungs-Ideologie, also die segregative Konfinierung behinderter Menschen, begann zwar schon etwas früher, Ende des 18. Jahrhunderts (Wiener „Narrenturm“ des Josef II.). Das wurde dann aber, beginnend mit Ende des 19. Jahrhunderts, vorangetrieben durch die Industrialisierung, letztlich mit eugenischer und sozialdarwinistischer Motivation zur Maßnahme der Bevölkerungspolitik in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

    Neben der Zwangssterilisation war die Segregation behinderter Menschen in Sondereinrichtungen Programm zur Pflege eines „gesunden Volkskörpers“ (Vermeidung deren Frotpflanzung). Durch die vorangegangene Konzentration der „Minderwertigen“ war dann überhaupt auch erst das Vernichtungsprogramm der T4-Aktion – die industrielle Vernichtung „unnützer Esser“ und „lebensunwerten Existenzen“ – in der NS-Diktatur möglich.