Horst Frehe: Heime sind lebensgefährlich!

Horst Frehe
ISL e.V.

In einem ausführlichen kobinet-Interview von Ottmar Miles-Paul erläutert Horst Frehe, einer der führenden Köpfe der deutschen Selbstbestimmt-Leben-Bewegung, warum Heime gefährlich sind und vor welchen Problemen die Assistenzgenossenschaft in Bremen steht.

Neben den Schwierigkeiten in der Assistenzgenossenschaft Bremen, die sich aus der Corona-Krise ergeben, gibt es auch weiter Probleme. Horst Frehe sitzt im Aufsichtsrat und erläutert dies im Interview.

In diesem Text sind nur zwei Aspekte des Interviews zitiert. Das gesamte Interview finden Sie auf kobinet-nachrichten.

Frehe: „Heime sind Wartesäle des Todes!“

kobinet-nachrichten: Behinderte und ältere Menschen, die in Einrichtungen leben, werden derzeit meist vergessen – und wenn berichtet wird, sind es Katastrophenmeldungen von Infizierten und Toten in Behinderteneinrichtungen und Pflegeheimen. Wie empfinden Sie die derzeitige Situation?

Horst Frehe: Heime sind lebensgefährlich! Das wussten wir immer schon! Und das gilt nicht nur im historischen Rückblick, wenn man weiß, dass die Euthanasie im Dritten Reich fast ausschließlich aus Anstalten und Heimen erfolgte. Das gilt auch für die gesundheitliche Gefährdung zum Beispiel durch Viren und multiresistente Keime oder die klassische Unterversorgung und fehlende Teilhabe, die den vorzeitigen Tod der Bewohner*innen begünstigt. Heime sind Wartesäle des Todes! In Corona-Zeiten gilt das besonders.

In Bremen sind mehr als 50 Prozent der Verstorbenen Corona-Opfer Bewohner*innen von Einrichtungen: Pflegeheimen, Behinderteneinrichtungen, Altenheimen.

Vor welchen Herausforderungen steht die Assistenzgenossenschaft Bremen?

kobinet-nachrichten: Sie haben die Assistenzgenossenschaft in Bremen mitgegründet und entscheidend geprägt. Welche Baustellen sehen Sie dort zur Zeit?

Horst Frehe: Die Idee der Assistenzgenossenschaft war, Macht von der Geschäftsführung der Pflegedienste und den Pflegekräften umzuverteilen und die Assistenznehmer*innen in die Lage zu versetzen, alle wesentlichen Prozesse der Assistenzleistung steuern und über die Genossenschaft bestimmen zu können.

Einerseits lässt das Engagement der Mehrheit der Assistenznehmer*innen deutlich nach, weil viele einfach nur eine gute Leistung wollen und sich nicht mehr an der Genossenschaft praktisch beteiligen. Manche können es auf Grund ihrer Beeinträchtigung auch nicht mehr. Andererseits gibt es den Kostendruck von außen, ein möglichst effizientes Versorgungssystem zu betreiben.

Schwerer wiegt, dass die Entscheidungspositionen mit Nichtbehinderten ohne eigene Assistenzerfahrung besetzt werden mussten, da wir keine geeigneten Bewerber*innen, die die Formalqualifikation besitzen, finden konnten.

Ein weiteres Element ist es, dass wir einen sehr gewerkschaftlich ausgerichteten Betriebsrat haben, der vor allem die Arbeitnehmer*innen-Interessen vertritt, ohne das neue Machtgleichgewicht zu berücksichtigen, dass wir mit der Persönlichen Assistenz erreichen wollen. Früher kamen die Assistent*innen aus dem Bereich ehemaliger Zivildienstleistenden oder Student*innen, heute sind es Arbeitslose, denen es häufig nur noch um einen sicheren Job geht.

Der politische und gesellschaftliche Zusammenhang, bei dem es bei der Gründung der Assistenzgenossenschaft ging, spielt eine immer geringere Rolle. Um diesen Prozess aufzuhalten und wenn möglich umzukehren, brauchen wir Assistenznehmer*innen, die eine entsprechende Qualifikation erwerben (z.B. betriebswirtschaftliches Management, pflegewissenschaftliche Ausbildung, Finanz-Controlling) und bereit sind, nicht nur auf Stellen im öffentlichen Dienst zu schielen, sondern in unseren Organisationen sich zu engagieren. Wir suchen händeringend entsprechende Vorstandsmitglieder, die ja auch nicht schlecht bezahlt werden.

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3 Kommentare

  • Danke Horst Frehe für deine klaren Worte was die Unterbringung in Heimen angeht. Leider hast du in vielen (wenn nicht allen) Einrichtungen als Klient oder Klientin nicht einmal die Möglichkeit eigenverantwortlich zu leben, weil dir auch das vorenthalten wird – überhaupt in Zeiten „der Krise“. Letztendlich geht es immer viel mehr um die Angestellten als um die zu Betreuenden. Leider ist das auch bei den PA-Einrichtungen so – zumindest in OÖ.
    Es kann nur so gehen, dass sich Menschen mit Behinderungen stark machen, studieren und sich in Leitungsbereichen div. Einrichtungen und Organisationen einbringen, in denen es um „unsere“ Belange geht. Dann aber auch gut bezahlt und nicht ehrenamtlich.

  • Ich teile die Meinung von Herrn Frehe, ich würde aber auch die Eigenverantwortung beeinträchtigen Menschen mehr in den Fokus rücken. Das brächte einige Vorteile zur Erhöhung der Lebensqualität.

  • Ich bin froh, dass es Wohnheime gibt. Obwohl nicht alles so ist, wie wir es gerne hätten..ohne die Einrichtung währen wir wohl schon in der Psychiatrie.