Huainigg: Wie lebt ein Abgeordneter im Rollstuhl mit Beatmungsmaschine?

Internettagebuch gibt Einblick in den Alltag des ÖVP-Behindertensprechers.

Franz-Joseph Huainigg
Christian Müller

„Mit dreizehn Jahren wollte ich ein Tagebuch schreiben. Doch als sich zwei Wochen lang nichts Außergewöhnliches ereignet hatte, gab ich mein Vorhaben wieder auf“, schilderte der Sprecher des ÖVP-Parlamentsklubs für Menschen mit Behinderung, Abg. Dr. Franz-Joseph Huainigg, seine ersten negativen Erfahrungen mit einem Tagebuch. Aufgrund vieler Fragen seinen Tagesablauf betreffend hat er sich nunmehr entschlossen, einen neuen Anlauf zu starten, und so wurde ein öffentliches Tagebuch auf seiner Homepage eingerichtet.

„Für viele ist ein Leben mit Beatmungsmaschine unvorstellbar. Oft wurde ich gefragt, wie ich damit leben kann“, erklärte Huainigg seinen Entschluss, ein Internettagebuch zu schreiben, in welchem er seine täglichen Erlebnisse, Gedanken und Diskussionen schildert. Ein Alltag mit Beatmungsmaschine sei durchaus spannend, so Huainigg „Die Beatmungskanüle kann jederzeit plötzlich verstopfen und ich bekomme keine Luft. So geschehen etwa bei den Koalitionsverhandlungen zum Thema Behinderung.“ Ereignisse, mit denen auch meine Kolleginnen und Kollegen im Parlament erst umgehen lernen mussten.

„Ein alltägliches Ereignis“, schilderte Huainigg und meinte ironisch lächelnd, dass die Verhandlungen dadurch zu einem unerwartet raschen und für beide Seiten zufrieden stellenden Abschluss geführt haben.

Ein zentrales Thema der gesamten Homepage www.franzhuainigg.at ist die Euthanasie. „Ich weiß nicht, ob es schon immer so war, aber seit ich künstlich beatmet werde, fällt mir auf, dass beatmete Menschen oft in den Medien im Zusammenhang mit dem Thema Sterbewunsch gebracht werden“, so Huainigg.

„So wurden vor kurzem einer beatmeten Spanierin und dem Italiener Piergiorgio Welby auf deren Wunsch hin die Beatmungsmaschinen ausgeschaltet“, sagte Huainigg nachdenklich. In den auf der Homepage nachlesbaren Pressetexten ‚Ich will leben‘ und ‚Auf der Seite des Lebens‘ setzte sich Huainigg mit dem frei gewählten Tod Piergiorgio Welbys und seinem eigenen Wunsch nach Leben auseinander.

„Durch meine Familie, meine Frau, die 5-jährige Tochter, eine erfüllende Arbeitsaufgabe sowie die bestmögliche medizinische Versorgung in einem funktionierenden Gesundheitssystem bin ich natürlich in einer privilegierten Situation“, sagte Huainigg. Aber warum will der ebenso beatmete Pole Janusz Switaj sterben? Was müsste in seinem Leben passieren, damit er von seinem Sterbewunsch abrückt? Huainigg schrieb Switaj seine Fragen und bekam tatsächlich eine auf dem Weblog nachlesbare Antwort.

„Ich bin gegen eine gesetzliche Euthanasieregelung und setze auf menschenwürdige Rahmenbedingungen und Sterbebegleitung durch die Hospizbewegung“, sagte der ÖVP-Behindertensprecher und steht damit im Widerspruch zur Ansicht Switajs. Der Briefwechsel geht weiter, „Ich hoffe auf eine Antwort und eine Fortführung des spannenden Meinungsaustausches, denn eine Antwort ist auch ein Lebenszeichen!“

Wenn einer eine Reise macht, so hat er schon grundsätzlich etwas zu erzählen. Wenn Huainigg sich in den Kopf gesetzt hat, mit Elektrorollstuhl und Beatmungsmaschine an einer parlamentarischen Studienreise des ÖAAB teilzunehmen, ist für abenteuerliche Geschichten gesorgt. In seinem Webblog erzählt er täglich über neue Hindernisse. „Viele Passagiere mit eingeschaltetem Beatmungsgerät im Handgepäck dürften noch nicht im Flugzeug unterwegs gewesen sein. Die AUA zeigte sich sehr bemüht, bestand aber zunächst auf einen durch die Tyrolian Airambulanz assistierten Krankentransport samt Arzt zum Selbstkostenpreis von 5.600 Euro“.

Nachdem die Fluglinie davon überzeugt werden konnte, dass die Begleitung durch einen befreundeten Stationspfleger der Respiratory Care Unit als lebenssichernde Maßnahme ausreicht und sogar zugestanden wurde, das eigene Atemgerät an Bord zu verwenden, gab es den nächsten Schock „Meine nigelnagelneue französische Beatmungsmaschine ist laut Hersteller nicht flugtauglich. Ich muss daher von einem anderen Gerät beatmet werden. Der Umstieg auf eine fremde lebenserhaltende Maschine ist für mich doch etwas beängstigend“. Wie Huainigg den zweistündigen Flug mit gecuffter Atemkanüle und dadurch nicht in der Lage zu sprechen erlebt, wie wenig barrierefrei der Vatikan und die Stadt Rom sind und wie pürierte Pizza schmeckt, wird im Weblog nachzulesen sein.

Im Weblog finden sich ebenso tägliche Medienbetrachtungen, Gedanken zur Politik, Erlebnisse eines behinderten Vaters mit seiner Tochter und Ereignisse wie die Rede am ÖVP-Bundesparteitag, auf die spontan mit Standing-Ovations reagiert wurde. Im Gästebuch gibt es die Möglichkeit, eigene Meinungen zu posten und mitzudiskutieren.

Auf der Homepage finden sich selbstgeschriebene humorvolle Kabaretttexte (Auszüge aus den Programmen „Krüppel aus dem Sack“ und „Füttern verboten“) ebenso wie Pressekommentare zu aktuellen Themen, Presseaussendungen, eine Fotogalerie und eine Bücherliste der zahlreichen Publikationen des behinderten Autors. „Ich würde mir wünschen, dass die Seite wichtige Diskussionsbeiträge liefert und dazu beiträgt, Vorurteile und Barrieren in den Gesetzen und Köpfen abzubauen“, so Huainigg abschließend.

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0 Kommentare

  • Wieder einmal interessant zu erfahren, wie die AUA mit „GLEICHEN“ und „GLEICHEREN“ Fluggästen umgeht. Unsere ebenfalls beatmete Tochter wäre vor 2 Jahren gerne unter Betreuung eines vertrauten Arztes und unter Begleitung der Eltern mit ihrer Klasse zu einer Sprachreise nach England mitgeflogen. Leider hat man uns diese Möglichkeit verwehrt, weil wir uns die Variante mit der Tyrolian Airline nicht leisten konnten, und die AUA für unsere Tochter keine alternative – (mit eigenem und deshalb vertrauten Beatmungsgerät und privat organisiertem Arzt) – Lösung akzeptieren wollte. Vorschrift ist Vorschrift!!! – außer man ist gleicher als gleich! Oder hat man plötzlich zugunsten der Bedürnisse behinderter Menschen und nicht zugunsten des Kapitals umzudenken gelernt ?????
    Ich freue mich für den NR-Abg.Dr. Huainigg und die Anfrage ist nicht gegen ihn gerichtet, verständlich dass er alle Möglichkeiten ausschöpft um an der Reise teilzunehmen! Vielleicht nur ein Hinweis für andere beatmete Personen, die auf die „verwegene Idee“ kommen, per Flugzeug zu reisen und deren Reisebudget nicht unerschöpflich ist. Offensichtlich hat die AUA umzudenken begonnen und wird sicher auch anderen Interessierten diese Variante ermöglichen! Persönlich hoffe ich, dass damit ein Stein ins Rollen gebracht werden kann, und nicht die einzige Folge ist, dass man sich für alle anderen – sicher wenigen – Interessenten ausdenkt, warum in ihrem „speziellen“ Fall es LEIDER NICHT möglich ist!!!!

  • Super, wie F.J. Huainigg das Problem löst. Allerdings wäre für all jene, die das nicht schaffen interessant zu erfahren, wieviel diese Problemlösung Hrn.H. kostet und woher er dafür das Geld bekommt.