38. Woche 2026 – Changing Place bei Niagara Parks Power Station
Geräumige barrierefreie Toiletten mit Liege werden auch Changing Places genannt. Dort kann auf einer Liege liegend die Kleidung an-/ausgezogen werden. …
Neurodivergente Menschen sind vielen Klischees ausgesetzt. Aber eines ist besonders hartnäckig und schädlich. Ein Kommentar.
Erst kürzlich berichtete eine Autistin, man habe ihr gesagt: „Du kannst keine Autistin sein, du hast ja Empathie.“
Der Glaube, Autist:innen seien gefühllose Roboter, ist also nach wie vor verbreitet. Und er wird leider sogar von Nobelpreisträgern befeuert. In Daniel Kahnemans Buch „Schnelles Denken, Langsames Denken“ geht es an einer Stelle um die berühmte „Heider-Simmel-Illusion“. Das ist ein kurzes Video, in dem sich einfache geometrische Formen bewegen.
Fast alle Menschen projizieren sofort Gefühle und Absichten hinein: Das große Dreieck wird als gemeiner Bully wahrgenommen, der das kleine Dreieck und den Kreis drangsaliert.
Dazu schreibt Kahneman: „Der Eindruck von Absicht und Emotionalität ist unwiderstehlich; nur Menschen, die an Autismus leiden, erleben dies nicht.“ (S. 102)
Ich habe mir das Video „Heider-Simmel-Illusion“ angesehen und erlebe dies sehr wohl. (Nebenbei bemerkt leide ich nicht an Autismus, ich bin Autistin).
Wer neugierig geworden ist, kann sich das eineinhalbminütige Video online selbst ansehen.
Die Idee, Autist:innen könnten keine Empathie empfinden und seien gefühllose Roboter, muss endlich verschwinden. Denn die Wissenschaft hat dieses Klischee längst widerlegt.
Neurodivergente Menschen haben vielleicht manchmal Probleme mit der kognitiven Empathie, das heißt, zu wissen, welches soziale Skript erwartet wird. Für die Regeln, die neurotypische Menschen aus dem Effeff beherrschen, haben wir leider kein Handbuch bekommen.
Das tatsächliche Mitgefühl, die affektive Empathie, die fühlen wir aber sehr wohl. Ich feuere das kleine Dreieck im Video an, fiebere mit, bis das Kätzchen gerettet wird, und weine über jeden Todesfall. Aber ich weiß nicht immer sofort, wie ich sozial erwünscht zu reagieren habe.
Manchmal sind auch hier die Reize zu viel, zu stark. Das, was dann wie „Kälte“ oder „Wurschtigkeit“ wirkt, ist ein Schutzmechanismus des neurodivergenten Gehirns, ein Überlebensreflex bei Reizüberflutung.
Vermutlich wirke ich bei Beerdigungen immer so, als wäre ich überhaupt nicht traurig. Ich weine nicht, schüttle brav Hände, wünsche Beileid und tröste andere. Nicht, weil mir der oder die Verstorbene egal wäre, nicht, weil ich nichts fühle.
Würde ich das Fühlen in diesem Moment zulassen, es würde mich überrollen, mitreißen und ich wäre bloß eine Belastung. Also mache ich dicht.
Zudem ist Empathie keine Einbahnstraße. Wenn ein neurotypischer Mensch mich nicht versteht, gibt es natürlich kein Kommunikationsproblem, sondern ein Problem mit der Autistin, die nicht verstehen kann, wie andere fühlen und sich außerdem eh immer komisch benimmt.
Neurodivergente Menschen berichten oft, dass sie mit anderen ihres Neurotyps gut kommunizieren könnten. Auch hier also – keine mangelnde Empathie, nur ein Kulturclash der Betriebssysteme.
Autistische bzw. neurodivergente Menschen sind keine gefühllosen Roboter!
Empathie und Mitgefühl sind eine wundervolle, wichtige Sache und zeigen sich auf die unterschiedlichsten Arten. Wenn du also das nächste Mal denkst: „Dem/Der ist ja alles wurscht!“, dann frage dich, ob er oder sie vielleicht einfach anders denkt und fühlt als du.
Ich wünsche mir, dass dieses schädliche Klischee endlich aus den Köpfen aller Menschen – auch der Nobelpreisträger – verschwindet.
Barrierefreiheit sichtbar gemacht: Jede Woche ein Bild, das Erfolge feiert oder Hürden aufzeigt.
Geräumige barrierefreie Toiletten mit Liege werden auch Changing Places genannt. Dort kann auf einer Liege liegend die Kleidung an-/ausgezogen werden. …
Doris Lienher ,
19.08.2026, 08:07Vielen Dank für diesen Artikel. In dieser kurzen Form, kann soviel erklärt werden. Die Frage ist immer, wie kann dieses Wissen, die Erfahrungen an die Menschen gebracht werden? Es würde uns Menschen so gut tun, diese Vielfalt einfach als Ressource und nicht als Defizit zu sehen. :-)