„Ich will die Schule weiterbesuchen.“

Eine entäuschende "Lösung" für Anja Retter - eine gehörlose Schülerin aus Reutte, die nach heftigen Protesten ein Jahr integrativ unterrichtet wurde und der dies nun verwehrt wird.

Integration:Österreich
Integration:Österreich

Am 16. September 1997 hatte sie – gemeinsam mit Integration : Österreich – einen Termin beim Bundeskanzler.

Zur Vorgeschichte: Die gehörlose Anja Retter besuchte bisher eine Integrationsklasse in der Bundesfachschule für wirtschaftliche Berufe. In Musik hat sie ein Nichtgenügend bekommen und außerdem hat sie in der Integrationsklasse angeblich die Lautsprache verlernt, heißt es.

Um ihr „besondere Förderung“ zukommen zu lassen, sollte sie gegen ihren Willen nach München in eine „besondere“ Schule abgeschoben werden. Sie wäre völlig von ihren FreundInnen isoliert. („Ich habe dort FreundInnen und komme mit den LehrerInnen gut zurecht und möchte daher auch weiterlernen.“)

Die enttäuschende „Lösung“

Behinderte Menschen benötigen ein klares Bekenntnis für Ihre Anliegen und sie haben – wie alle anderen auch – das Recht auf einen Arbeitsplatz am freien Arbeitsmarkt.

Doch auch nach dem Gespräch mit dem Bundeskanzler wird ihr verwehrt, weiterhin integrativ die Frauenfachschule zu besuchen – wegen eines negativen Abschlußzeugnisses, darunter ein „Fünfer“ in Musik (!).

Kein Gehör fand Anja Retter auch im Unterrichtsministerium. Durch ihre Sprecherin ließ Ministerin Gehrer ausrichten, in Österreich gibt es Integrationsklassen in Volks- und Hauptschulen sowie in der AHS-Unterstufe. Der Schulversuch sei für ein Jahr genehmigt worden, eine Verlängerung nicht möglich. Viele sagen, dies wird von Ministerium und Landesschulbehörde verhindert.

Die liberale Abgeordnete Schaffenrath („Bekenntnis zur Integration von der Regierung sind Lippenbekenntnisse“) und die grüne Abgeordnete Haidlmayr („Der Fall Retter zeigt eine Reihe von Unzulänglichkeiten beim Integrationsgesetz auf“) übten heftige Kritik an Unterrichtsministerin Gehrer (ÖVP), die sich vehement gegen eine Integration stellt.

Aber auch Abgeordnete der SPÖ wie die Abgeordnete Wurm („Nach diesem Verfassungsartikel müßte es für behinderte Menschen möglich sein, nicht nur Volks- und Hauptschule, sondern auch darüber hinaus Berufsbildende Schulen besuchen können“) oder der Abgeordnete Rada („es müssen die entsprechenden Rahmenbedingungen geschaffen werden, damit behindert Kinder nicht nur in die Pflichtschule integriert werden“) sprachen sich für die Integration von Anja Retter aus.

Doch Bundeskanzler Klima wollte sich nicht gegen Unterrichtsministerin Gehrer durchsetzen. Er bot Frau Retter nur an, in einem Polytechnikum unterrichtet zu werden (oder in Deutschland !).

Sie muß nach einem Jahr Integration die Bundesfachschule – und ihre SchulkollegInnen – verlassen. In der ÖVP traut sich anscheinend niemand offen für Integration einzustehen – auch nicht Abgeordnete, die sonst für Anti-Diskriminierung eintreten (z. B. Abgeordnete Rauch-Kallat).

Fazit: Wieder einmal wurden behinderte Menschen, die mit Hoffnungen an Bundeskanzler Klima herangetreten sind, enttäuscht.

Hier beginnt der Werbebereich Hier endet der Werbebereich
Hier beginnt der Werbebereich Hier endet der Werbebereich