In den Medien ausgespart, in der Politik nur Teil von Sonntagsreden

"Sind wir mittendrin oder außen vor?" - so lautete der Untertitel einer Tagung zum Thema Inklusion, die am 7. März 2017 im ÖGB-Gebäude stattfand. Veranstalter der Tagung waren der ÖGB, die Gewerkschaften vida und younion und die Arbeiterkammer Wien.

Sonja Noormofidi, Maria Pernegger, Karin Bauer, Erwin Buchinger
ÖGB/Thomas Reimer

Ein Teil der Tagung beschäftigte sich mit dem Thema „Menschen mit Behinderung und Darstellung in den Medien“. Diesen wollte die Moderatorin eigentlich mit einem positiven Beispiel medialer Darstellung von Menschen mit Behinderungen einleiten, sprach damit aber gleichzeitig das erste Problem an.

Gezeigt wurde der Werbefilm der Paralympics in Rio. Dieser zeigt Menschen mit Behinderungen, die performen und tanzen. Eine Big Band aus Menschen mit Behinderungen performt den Jazzsong „Yes, I can“.

Dazwischen sieht man Szenen aus den Paralympics, dann wird die Botschaft „We’re the superhumans“, zu Deutsch „Wir sind die Supermenschen“ eingeblendet. Dieser Werbespot gibt eine Seite der Berichterstattung über Menschen mit Behinderungen wieder.

Ein trauriges Zeugnis für die österreichische Medienlandschaft

Mag.a Maria Pernegger hat in einer Studie die Darstellungsweise von Menschen mit Behinderungen in den Medien erforscht. BIZEPS hat 2016 schon einmal über die Studie von Media Affairs berichtet, die unter anderem von der Volksanwaltschaft in Auftrag gegeben wurde. „Zwischen Mitleid, Bewunderung und Ignoranz“ lautet der Titel der Studie.

Zu Anfang ihres Beitrags betont Mag.a Pernegger die Wichtigkeit der Medien. Diese sind zentral für die Bewusstseinsbildung und auch für den Informationsstand einer Gesellschaft. In punkto Menschen mit Behinderungen könnten sie eine wichtige Vermittlerrolle einnehmen und dazu beitragen, dass Barrieren in den Köpfen abgebaut werden. Die Betonung liegt auf „könnten“, denn die Ergebnisse der Studie sind ernüchternd.

Menschen mit Behinderungen sind in der Medienlandschaft sehr unterrepräsentiert. Wenn sie vorkommen, dann hauptsächlich als Objekte von Charity und Mitleid oder als „Superhelden“, die trotz ihrer Behinderung tolle und außergewöhnliche Leistungen bringen.

Es fehlt der Alltag von Menschen mit Behinderungen und der kritische Blick auf Themen, wie gesellschaftliche Inklusion. Gebracht wird nur das, was sich gut vermarkten lässt, wie zum Beispiel tragische Unfälle von Stars (siehe Kira Grünberg), „Einzelschicksale“, mit denen sich die Leserin oder der Leser besonders gut identifizieren kann, sowie Spendengalas.

Eine wichtige Rolle spielen auch Bilder und die Sprache an sich. Diese machen Menschen mit Behinderung oft zum Opfer, zum Beispiel „an den Rollstuhl gefesselt sein“, oder reduzieren sie auf ihre Behinderung, indem sie nur Teile des Rollstuhls abbilden. 

Auch Karin Bauer, Redakteurin beim Standard, stellt der Medienlandschaft angesichts dieser Studie keine gute Kritik aus. „Diese Darstellung von Menschen mit Behinderungen zeigt, wie dramatisch weit weg wir von Inklusion sind“, kommentiert Bauer die Studie und führt weiter aus: „Dass wir, in den überästhetisierten Medien in einer konstruierten Wirklichkeit leben und in dieser unserer eigenen Wirklichkeit ein Problem mit allem haben, was für uns anders ist, was wir für anders halten.“

In der anschließenden Diskussion wird die Frage nach der Schuld gestellt. Die Frage nach der Schuld, so die Diskussionsteilnehmerinnen und -teilnehmer dürfe man in diesem Sinne nicht stellen. Die Ursache liege im mangelnden Bewusstsein und darin, dass man sich daran orientiert, was sich gut verkaufen lässt. Auch die Politik sei in dieser Sache gefordert.

Behindertenpolitische Themen dürfen nicht länger Randthemen sein. Karin Bauer empfiehlt, die Menschen selbst zu Wort kommen zu lassen, sie einzubeziehen bei Themen, die sie betreffen, zum Beispiel in Form von Gastkommentaren. Umfassende Schulungen sind erforderlich, und zwar nicht nur für Menschen im Medienbereich.

Was angesichts der Thematik einen etwas seltsamen Nachgeschmack hinterlässt, ist, dass in einer Diskussion zum Thema Menschen mit Behinderung und Darstellung in den Medien keiner der Diskussionsteilnehmerinnen und -teilnehmer eine Behinderung hatte. Also gibt schon die Zusammensetzung der Runde die gegenwärtige Situation wieder.

Stöger übt scharfe Kritik an der Arbeitsmarktintegration von Menschen mit Behinderungen

Ebenfalls zu Gast war Sozialminister Alois Stöger. Nach überschwänglichem Lob an Erwin Buchinger und den Behindertenvertreterinnen und Behindertenvertretern im Allgemeinen äußerte Sozialminister Stöger harsche Kritik an der Arbeitsmarktintegration von Menschen mit Behinderungen. Diese sei eine Schande. Menschen mit Behinderungen sollen am Arbeitsplatz und in der Gesellschaft unterstützt werden. Hier müsse Schluss sein mit vornehmer Zurückhaltung. Er selbst wäre bemüht, Firmen an ihre Einstellungspflicht zu erinnern.

Was Menschsein eigentlich ist, würde man vor allem an Menschen mit Behinderungen erkennen. Immer wieder betont er, dass es wichtig sei, das Soziale und die Menschlichkeit nicht zu vergessen. An Behindertenvertreterinnen und -vertreter richtet er den Appell, lästig und hartnäckig zu sein.

In der Diskussion darüber befragt, ob die Regierung in punkto Menschen mit Behinderungen an einem Strang ziehen würde, antwortete er überraschend ehrlich. Dass man sich in den Sonntagsreden zwar einig sei, was die Montagsarbeit betrifft, würde es aber, bedingt durch die bürokratische Kleinkrämerei, anders aussehen.

Das Fazit aus den zwei Vorträgen könnte also lauten: Es ist noch viel zu tun.

Hier beginnt der Werbebereich Hier endet der Werbebereich
Hier beginnt der Werbebereich Hier endet der Werbebereich

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

2 Kommentare

  • Bei dieser Konferenz gab es 2 Vorträge von Wiener Linien und ÖBB, bei denen die Fortschritte punkto Barrierefreiheit gelobt wurden, aber leider keine Publikumsdiskussion zum Thema. Gerne hätte ich folgendes gesagt: „Vor 10 Jahren stand ich in der Station und musste jemanden fragen, welche Linie einfährt. Heute muss ich blind jemanden finden, der mir sagt, dass etwas einfährt! Bim und viele Busse sind so leise geworden, dass man sie im Verkehrslärm oft gar nicht hören kann! Bis heute ist unsere 20 Jahre alte Forderung nicht erfüllt, dass beim Einfahren die Linie angesagt werden soll. Schade, dass zu diesem Thema keine Diskussion erwünscht war!

    • Hallo Frau Monika. Haben sie zu dieser Forderung nähere Info. Beispielweise an wen Sie diese formuliert hatten und wer der Kontakt zu den Wiener Linien war. mfg