In Wien wird behindertenfeindliches Bauen ausgezeichnet!

Der Adolf Loos Preis Architekturwettbewerb für gute Architektur stand heuer unter dem Motto "Öffentliche Räume in Wien".

Vier Projekte kamen in die engere Wahl. Ein Projekt – der Hackinger Steg – bei dessen Umbau auf „behindertegerecht“ keine Rücksicht genommen wurde.

Der Hackinger Steg ist ein für Wien nicht untypisches Beispiel. Im Rahmen des Umbaus wurde eine neue Rampe errichtet, diese ist mit 9 % Steigung nicht behindertengerecht. Bisher nichts Neues, werden sie sagen. In Wien wird gebaut und Vieles davon ist nicht behindertengerecht. Beim Hackinger Steg, dessen Umbau 30 Millionen Schilling gekostet hat, ist die Sache doch etwas anders.

Die freiheitliche Wiener Landtagsabgeordnete Brigitte Schwarz-Klement hat daraufhin eine Anzeige wegen Nichteinhaltung der Wiener Bauordnung eingebracht. Als Antwort erhielt sie von der Magistratsabteilung 35: „Die Bauordnung für Wien in der geltenden Fassung als gesetzliche Grundlage für die Baubehörde enthält keine Vorschriften über die behindertengerechte Ausführung von Rampen oder Brücken im öffentlichen Bereichen …“ Die Wiener Bauordnung, an der der Bürgermeister in aller Öffentlichkeit bemängelt, daß sie sogar die Stufen in den Keller regelt, enthält also nichts über behindertengerechte Rampen?

Aber da gibt es doch die ÖNORM B 1600 „Behindertengerechtes Planen“, die könnte doch vielleicht in den Grundsätzen herangezogen werden, könnte man meinen. Darauf die MA 35: „… die Bestimmungen der ÖNORM B 1600 können im Bauverfahren nicht durchgesetzt werden, da diese ÖNORM keine gesetzliche Vorschrift darstellt.“

In einer Anfragebeantwortung teilt der zuständige Stadtrat Fritz Svihalek (SPÖ) der Abgeordneten Schwarz-Klement mit: „Eine Verbindlichkeitserklärung der ÖNORM B 1600 ist seitens der Stadt Wien NICHT VORGESEHEN“ und weiters „in manchen Fällen kann daher aus Anlagegründen (Platzverhältnisse, Topographie) eine Realisierung verunmöglicht werden“ und es „kann der ÖNORM B 1600 vorallem aus finanziellen Gründen nicht immer Rechnung getragen werden.“ Entgegen dieser Beantwortung fand es Bürgermeister Michael Häupl unlängst als eine „Schande“, daß die ÖNORM B 1600 für das Land Wien nicht bindend ist.

In der Überschrift haben wir gesagt: „In Wien wird behindertenfeindliches Bauen ausgezeichnet!“ Eigentlich ist es ja unwürdig und wahrscheinlich nur in einer so wenig sensiblen Stadt wie Wien erklärbar, daß ein behindertenfeindliches Bauwerk in die engere Wahl eines Architekturpreises kommt.

Den Preis für diesen mehr als umstrittenen Steg überreichte Stadtrat Dr. Hannes Swoboda (SPÖ), der noch vor vier Jahren in der von seiner Magistratsabteilung herausgegebenen Broschüre „Behindertengerechte städtische Freiräume“ folgende Meinung vertritt: „Daß z. B in niederländischen oder amerikanischen Städten mehr behinderte Personen im öffentlichen Raum präsent sind, hat nicht die Ursache darin, daß dort mehr behinderte Menschen leben. Vielmehr haben sie mehr Möglichkeiten, vom Freiraum Gebrauch zu machen.“

Die Jury hofft, das der Hackinger Steg „als singuläre Leistung eine neue Qualität der Diskussion des öffentliche Raums eröffnen kann“. Genau diese Diskussion werden wir führen müssen. Für die Sieger meinte DI Wolfdietrich Ziesel, daß „hier zum ersten mal eine besonders kreative Zusammenarbeit“ stattgefunden hat. Naja, diese Art von Kreativität könnte man uns ruhig ersparen.

Ganz richtig wurde von Jurymitglied Dieter Steiner bemerkt, daß der Auftraggeber, also die Stadt Wien, die Verantwortung für das Resultat trägt. Kaum noch zu schlagen und daher auch recht gut zum Auftraggeber passend, ist die Ignoranz der beteiligten Architektin, Mag. Martha Schreieck mit ihrer Aussage, ihre Aufgabe sei es, „für die Öffentlichkeit zu bauen“ und sie kann es „nicht allen recht machen.“ Mit einer derartig provokanten Äußerung müßte sie in angelsächsischen Ländern wohl um weitere Aufträge bangen. Aber wie gesagt: „Wien ist anders.“

Bemerkenswert ist auch die Tatsache, daß die Raiffeisenbank dafür den stattlichen Betrag von 200.000 Schilling zur Verfügung gestellt hat. Dieses Geldinstitut wird sich nunmehr fragen lassen müssen, welchen Stellenwert die Bürgerrechte von behinderten und alten Menschen oder Eltern mit Kinderwägen für sie haben. Und welchen Stellenwert sie der Frage der barrierefreien Zugänglichkeit ihrer Geschäftslokale beimißt. Schließlich stellt sich auch die Frage für Betroffene, ob es Sinn macht, mit einem Geldinstitut in Geschäftsbeziehung zu stehen, welches seine Gewinne dafür verwendet, behindertenfeindliche und damit diskriminierende Baulichkeiten finanziell zu fördern.

Puplikumssieger beim Adolf Loos Architekturwettbewerb wurde das Wartehäuschen der Wiener Linien. Hier zeigt sich wieder einmal, daß die BürgerInnen den besseren Geschmack und vor allem ein Gefühl für Recht und Unrecht hat.

Die Wiener Bauordnung, an der der Bürgermeister in aller Öffentlichkeit bemängelt, daß sie sogar die Stufen in den Keller regelt, enthält also nichts über behindertengerechte Rampen?

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