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Initiative „Daheim statt Heim“ nun auch in Österreich

Der Kampf um ein Leben in der Gemeinde ist ein grenzüberschreitendes Ziel.

Am 1. Dezember 2006 startete in Berlin die deutsche Initiative „Daheim statt Heim“ mit einer Pressekonferenz. Die sozialdemokratische Bundestagsabgeordnete Silvia Schmidt hatte als Behindertenbeauftragte ihrer Fraktion eingeladen, die Ziele der Initiative vorzustellen.

Nun auch in Österreich

Ing. Gerhard Lichtenauer aus Weistrach/NÖ fand die Idee so gut, dass er den Gedanken auch nach Österreich holte. BIZEPS-INFO führte mit ihm folgendes ausführliche Interview zu seiner persönlichen Motivation und den Zielen der Initiative.

BIZEPS-INFO: Die Initiative „Daheim statt Heim“ gibt es nun seit 1. Juni 2007 auch in Österreich. Wie kam es dazu?

Ing. Gerhard Lichtenauer: Beim Aufkommen des „Pflegenotstandes“ im August 2006 fasste ich Hoffnung, wie viele andere auch. Aus den von der Regierung gesteckten Zielen, die Grundlagen für eine leistbare, bedarfsgerechte und qualitätsgesicherte „24-Stunden-Pflege“ daheim zu schaffen, ist aber tatsächlich eine nicht bedarfsgerechte „HalbRund-um-die-Uhr-Betreuung“, also eine Mogelpackung geworden. Die angeblichen Förderungen oder Kostenübernahmen bewirken eine Verteuerung für die Betroffenen und die „Legalisierung“ bringt nur eine scheinbare Rechtssicherheit. Betroffene und pflegende Angehörige werden weiterhin im Stich gelassen. Die präsentierten Scheinlösungen offenbaren nach wie vor einen Werte- Notstand in der Politik.

Vor einem halben Jahr startete in Deutschland die Bundesinitiative „Daheim statt Heim“, die ich nach Prüfung der Ziele für gut befand. Dies weckte den Wunsch, diese Initiative nach Österreich zu „importieren“. Meine Kontaktaufnahme vor zwei Monaten führte zur Partnerschaft mit der deutschen Bundesinitiative. Dann erfolgte die Umsetzung bis zum Start am 1. Juni.

„Am Anfang steht unsere eigene Mit-Betroffenheit“

BIZEPS-INFO: Welchen Bezug haben Sie zum Thema?

Gerhard Lichtenauer: Am Anfang steht unsere eigene Mit-Betroffenheit eines fehlgesteuerten Hilfesystems als pflegende Angehörige seit fast 18 Jahren, ein ungesetzlicher und fristloser Rauswurf unserer schwerst mehrfachbehinderten Pflegetochter Katja nach nur siebenwöchiger „Unterbringung“ in einer stationären Einrichtung vor gut zwei Jahren, nachdem wir Pflege- und Betreuungsmängel aufzeigten und der erbitterte Kampf gegen die Sozialbürokratien der Länder Wien und Niederösterreich (bis zu den Höchstgerichten) um eine bedarfsgerechte und bedürfnisorientierte Unterstützung für Katjas nötige Lebens-Assistenz „daheim“.

BIZEPS-INFO: Warum gibt es die österreichische Initiative „Daheim statt Heim“?

Gerhard Lichtenauer: Wenn die hohe Politik sich weigert, uns nach den Bedürfnissen für Hilfestellungen zu fragen, müssen wir unsere Rechte und Anliegen eben noch deutlicher formulieren. Wir werden von der Politik immer nur das und nie mehr bekommen, als wir lautstark einfordern.

Man kann sagen, der „Mut der Verzweiflung“ ist der Auslöser dieser österreichischen Bürgerinitiative. Das Kennen von sehr vielen ähnlichen Situationen von Menschen, die sich weniger oder gar nicht mehr bemerkbar machen können, stärkte die Verantwortung, etwas tun zu müssen und nicht aufzugeben.

Die Konfusionen rund um die „Hausbetreuung“ seit 4. Juni 2007, bestätigen die Notwendigkeit eines lautstarken bürgerlichen Protests durch die Betroffenen.

BIZEPS-INFO: Was will die österreichische Initiative „Daheim statt Heim“ konkret bewirken?

Gerhard Lichtenauer: Die Österreichische Sozialpolitik der letzten 12 Jahre war geprägt von Stagnation, Kürzungen und Streichungen zu Lasten der Menschen, die auf Pflege und Assistenz im täglichen Leben angewiesen sind. Da hat sich unter der neuen Regierung kaum etwas geändert.

Die scheinbaren Anzeichen von Veränderung bleiben trotz nun heftig geführter Debatten leider nur „unscheinbar“. Es mangelt immer noch am politischen Willen, die Anliegen und existenziellen Nöte der Menschen ernst zu nehmen. Die Bürgerinitiative soll – als starke Stimme der Betroffenen – öffentlich wahrgenommen werden und politisches Handeln gravierend beeinflussen.

Ziele der Initiative „Daheim statt Heim“

BIZEPS-INFO: … lauten wie?

Gerhard Lichtenauer: Sie sind gleich wie bei der deutschen Initiative. Wir fordern:

  • einen Baustopp für neue Heime,
  • den Abbau bestehender Heimplätze,
  • den flächendeckenden Aus- und Aufbau individuell- bedarfsdeckender vernetzter Unterstützungsangebote für ältere und behinderte Menschen,
  • die Garantie der Wahlmöglichkeiten der Betroffenen, u.a. durch bedarfsdeckendes Pflegegeld und/oder persönliche Assistenzbudgets,
  • die Gewährleistung des Grundsatzes „Daheim statt Heim“ in allen gesetzes- und verwaltungstechnischen Regelungen auf allen Ebenen und in der Praxis,
  • die Beteiligung der Betroffenen an dem Reformprozess nach der Devise „Nichts über uns ohne uns“.

Weiters gibt es auf der Homepage der österreichischen Initiative „Daheim statt Heim“ ein Thesenpapier und ein Eckpunkte-Papier zu einem Assistenzleistungsgesetz (ALG). Es geht um ein völliges Umsteuern im Hilfesystem, bedürfnisgerechte und bedarfsdeckende Hilfen, weitreichende De-Institutionalisierung und um Menschenrechte für behinderte und ältere Menschen, eine tiefgreifende Assistenzreform, ein bundeseinheitliches Assistenzleistungsgesetz.

Menschen mit Hilfebedarf möchten nicht länger im Namen der Barmherzigkeit bevormundet werden, sondern bedarfsdeckende Mittel in die Hand bekommen, um sich die nötigen Hilfen eigenverantwortlich regeln zu können und ein selbstbestimmtes Leben mitten in der Gesellschaft führen zu können.

„Am Ende dieses Prozesses gibt es keine Heime mehr“

BIZEPS-INFO: Wie verändert sich Österreich, wenn die Ziele der österreichischen Initiative „Daheim statt Heim“ erreicht sind?

Gerhard Lichtenauer: Am Ende dieses Prozesses gibt es keine „Heime“ mehr und niemand vermisst sie! Auch all jene, die über diese Forderungen jetzt noch die Hände über den Kopf zusammenschlagen, werden sich am Ende freuen!

Diese Initiative basiert nicht auf Sozialromantik oder unerfüllbaren Wunschvorstellungen, sondern ist eingebettet in eine internationale Bewegung und ganz auf dem Boden der aktuellen UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung. Diese Ziele sind in manchen Ländern bereits Realität und sind durchaus finanzierbar, wenn die verfügbaren Mittel nicht mehr im Auslaufmodell „Heim“ vergeudet werden.

Wie kann man die Initiative unterstützen?

BIZEPS-INFO: Wie kann man die österreichische Initiative „Daheim statt Heim“ unterstützen?

Gerhard Lichtenauer: Damit diese Forderungen unüberhörbar werden und öffentliches Gewicht erhalten, ersucht die Bürgerinitiative „Daheim statt Heim“ um kräftiges Mitwirken beim Ernten von Unterschriften. Gelegenheit dazu gibt es online auf der Webseite, dort gibt es auch Unterschriftenlisten zum Ausdrucken.

BIZEPS-INFO: Wir danken für das Interview und wünschen viel Erfolg!

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0 Kommentare

  • Der Bericht ist sehr gut. Ich vertrete diese Darstellungen in allen Punkten. Wenn ich irgendetwas dazu beitreten kann würde ich dies gerne tun.

  • Sehr geehrter Herr Dr. Wolkerstorfer, mit der Betonung der nötigen Barrierefreiheit (Anm.: besser „Barriere-Minderung“) haben Sie völlig recht. Nicht nur der „öffentliche Raum“, auch in den „Privat-Räumen“ sind die Barrieren immer mehr zu reduzieren, und Vorkehrungen für eine eventuelle Pflegebedürftigkeit zu treffen, damit es eben nicht mehr (vorgeblich wohlmeinend) heißen kann: „Sie sehen doch, es geht daheim nicht mehr, jetzt müssen Sie ins Heim“.
    An barrierearmes bauen gebundene, bedingte Wohnbauförderungen wären wohl ein sehr gutes Steuerungsinstrument, gesetzliche Forderungen wären da eben nicht sinnvoll. Ich persönlich bedauere auch sehr, dass ich manche Freunde schwer zu uns nach Hause einladen kann, weil z.B. die Toilettenbenützung schlicht unmöglich wäre.
    Auch im Sinne von Inklusion aller Menschen ist der flächendeckende Barriereabbau dringendes Gebot, wie es auch in der aktuellen UN- Konvention zum Ausdruck kommt. Jegliche Barrieren, die eine gleichberechtigte Teilnahme und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben“ hindern oder erschweren, müssen „abgerissen“ werden. Das bedarf einer großen gemeinschaftlichen Anstrengung und energisches Engagement der gesamten Zivilgesellschaft.
    In der Bürgerinitiative „Daheim statt Heim“ ist die von Ihnen angeregte Forderung nicht explizit hervorgehoben, jedoch indirekt in den Hauptforderungen enthalten (flächendeckende Unterstützungsangebote, Wahlmöglichkeit, Grundsatz „Daheim statt Heim“ auf allen Ebenen und in der Praxis und „Nichts über uns ohne uns“). Eine extra Initiative, wie z.B. „Barrieren, nein danke!“ sollte vielleicht auch bald angestoßen werden, jetzt ersucht die laufende Bürgerinitiative um volle Unterstützung, damit was weitergeht in unserem schönen Land!

  • Großartige Initiative! Die Forderungen sollten dahingehend erweitert werden, dass alle Landesbauordnungen Barrierefreiheit gewährleisten sollen und Förderungen nur für barrierefreie und pflegegerechte Wohnungen und Infrastruktur (Geschäfte, Veranstaltungsräume, Behörden etc) gewährt werden sollten, sodass eine möglichst lange Teilnahme am gemeinschaftlichen Leben auch außerhalb der Familie stattfinden kann. Bitte um weitere Informationen!