Inklusive Schule in der Steiermark – wie eine Modellregion zu Grabe getragen wird

Österreich hat die UN-Menschenrechtskonvention für Menschen mit Behinderung 2008 ratifiziert und hat sich damit unter anderem dazu verpflichtet, Kindern mit Beeinträchtigungen ein inklusives Lernumfeld zu ermöglichen und Sonderschulen und Sonderklassen zurückzubauen.

Tafel mit dem Aufdruck Steiermark
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Die jeweiligen Bundesregierungen überließen es dabei den Bundesländern, mit welcher Geschwindigkeit und Intensität dies umgesetzt werden sollte. Die Steiermark war hier Vorreiter.

So war es dann auch kein Zufall, dass die Steiermark neben Tirol und Kärnten zur Modellregion erklärt worden ist, nachdem die Bundesregierung wegen Säumigkeit vom UN-Fachausschuss für die Rechte von Menschen mit Behinderungen 2013 wegen mangelnder bzw. ungenügender Umsetzungsschritte massiv kritisiert worden war.

Erklärter Auftrag an die Konzeption einer Modellregion: Forcierung von inklusiven Bildungseinrichtungen mit gleichzeitigem schrittweisem Rückbau der Sonderschulen bis 2020.

Unter der Federführung von LSI Sabine Haucinger wurden danach umgehend Arbeitskreise eingesetzt, die pädagogischen Hochschulen, die Universität in Graz und das BiFIE brachten sich ebenfalls sehr engagiert in den Planungsprozess ein.

Über die pädagogischen Hochschulen wurden Fort- und Weiterbildungsangebote für inklusive Pädagogik angeboten, in der Bildungsregion Steirischer Zentralraum wurde mit über 160 Pflichtschulen an der Qualitätsentwicklung intensiv gearbeitet. Auch im Aktionsplan des Landes Steiermark für die Umsetzung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen sowie im Aktionsplan der Stadt Graz bekannte man sich zur Modellregion.

So wurden auch neue Begleitmodelle für SchülerInnen mit sozial-emotionalen Problemen in Leoben und Gratwein erfolgreich erprobt. Schlussendlich waren im Schuljahr 2017/2018 85 % aller SchülerInnen mit sonderpädagogischen Förderbedarf in inklusiven Bildungssettings beschult.

Umsetzungsprozess kam ins Stocken

Nach anfänglichem Elan tauchte der ohnehin zu erwartende Widerstand bestimmter Gruppen auf und der weitere Umsetzungsprozess kam ins Stocken.

So wurde unter anderem eine Petition gegen die Forcierung der Inklusion und für die Erhaltung der Sonderschulen in den Nationalrat eingebracht. Initiiert durch die Langzeitpräsidentin der steirischen Elternvereine – unterstützt von zum Teil falsch informierten Eltern und LehrerInnen.

Durch die fehlende entschlossene Unterstützung durch die für die Schulpolitik Verantwortlichen auf Landesebene – sowohl in der Landesregierung als auch an der Spitze des Landesschulrates – kam der Motor für die Umsetzung ins Stottern.

Endgültig zum Stillstand gebracht hat ihn dann die derzeitige Bundesregierung.

Deren Bekenntnis zur Wiederaufwertung der Sonderschulen und ihre konsequente Personalpolitik – so wurden im Unterrichtsministerium die bisher für die Umsetzung der inklusiven Modellregionen zuständigen Personen einfach in andere Abteilungen versetzt – führte dazu, dass sich auch in der Steiermark von den wesentlichen Verantwortlichen in der Landespolitik aber auch in der neu geschaffenen Bildungsdirektion (ehemals Landesschulrat) niemand mehr zur Modellregion bekennt.

Der treibenden Kraft für die Umsetzung, LSI Haucinger, wurden im Rahmen des Umgestaltungsprozesses des Landesschulrates die Agenden entzogen und die Befürworter der Sonderschulen haben wieder Oberwasser bekommen. So wurden allein in Graz in den einzelnen Schwerpunktsonderschulen neue zusätzliche Klassen genehmigt.

Neuerliche Überprüfung steht an

Man darf gespannt sein, wie die Bundesregierung argumentiert, wenn sie demnächst wieder eine Überprüfung des UN-Fachausschuss für die Rechte von Menschen mit Behinderungen zu überstehen hat.

Die Zeit läuft und die Hauptbetroffenen sind die Kinder mit Behinderung. Ihnen wird ein inklusives Bildungssetting vorenthalten und das grenzt in vielen Fällen an eine Menschenrechtsverletzung. Zugleich gibt es ganz viele PädagogInnen, die sich tagtäglich den Herausforderungen eines inklusiven Unterrichts mit Selbstverständlichkeit und großer Kompetenz stellen.

Ihnen gilt unser ganz besonderer Dank!

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3 Kommentare

  • Liebe(r) ….,

    Zuerst Entschuldigung für die Fehler wenn ich Deutchs schreibe. Seit 2004 habe ich mich interessiert für die Möglichkeiten für Inklusive Pädagogik in der Steiermark. Mehr als 20 Mahl war ich mit Gruppen von Lehrer und Lehrerinnen, Politiker und Schulbehörden in Graz und Umgebung. Wir haben uns da inspirieren lassen durch die Schulen und Klassen wo das Inklusive Unterricht normal ist. Die Steiermark war für vielen eine Vorreiter und Inspiration. Es tut mir viel Leid um in diesem Bericht von Martin Hochegger zu lesen dass es leider nicht länger gelingt um weitere Fortschritte zu machen. So viele Jahrenlange Arbeit von begeisterte Lehrer und Lehrerinnen, Eltern und Behörden kann doch nicht umsonst sein?

    Drs. Bert Groeneweg. Koordinator der Masterausbildung im Utrecht, Niederlanden.

  • meine Gratulation zu einer sachlichen Darstellung, die von hoher bildungspolitischer Relevanz ist.

  • Damke für dieses Update aus der Steiermark. Wäre auch für die restlichen Bundesländer wichtig, nicht zuletzt im Vorfeld der Staatenprüfung.