Inklusives Gedenken durch das Einbeziehen von Menschen mit Behinderungen

Studierende der Johannes Kepler Universität befragten gehörlose und lernbeeinträchtigte Menschen zu ihrer Wahrnehmung über den Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim. Das Forschungsprojekt soll die Entwicklung von inklusiv gestalteten Lern- und Gedenk-Angeboten an der ehemaligen NS-Tötungsanstalt für „lebensunwertes Leben“ vorantreiben.

Präsentation: Anforderungen und Grundlagen für inklusiv gestaltete Gedenkarbei
Gerhard Traxler

Die Nazis ermordeten zwischen 1940 und 1944 in Schloss Hartheim, einer ehemaligen Behinderteneinrichtung, rund 30.000 Menschen mit körperlichen, kognitiven oder mehrfachen Beeinträchtigungen, psychisch kranke Menschen und KZ-Häftlinge.

Seit 2003 ist im Schloss ein Lern- und Gedenkort eingerichtet, der über den Massenmord und seine Geschichte informiert und in der Dauerausstellung „Wert des Lebens“ aktuelle Fragestellungen aufwirft und diskutiert.

Grundlagen für inklusiv gestaltete Gedenkarbeit

Im Zuge einer einjährigen forschungsorientierten Lehrveranstaltung erarbeiteten Studierende im Rahmen einer qualitativen Studie Anforderungen und Grundlagen für inklusiv gestaltete Gedenkarbeit. Die Ergebnisse wurden in einem Bericht und in einem Forschungsbegleitfilm veröffentlicht.

Die Lehrveranstaltung leiteten Angela Wegscheider und Siegfried Bachmayer – der Soziologe Bachmayer ist selbst gehörlos. Die Gebärdensprachdolmetscherinnen machten Lehre und Forschung barrierefrei möglich. Der Forschungsprozess war durch die Einbeziehung von Menschen mit Behinderungen in allen Schritten partizipatorisch angelegt und hatte auch emanzipatorischen Charakter.

Die Forschung sollte die befragten Menschen stärken, ihre Ansichten und Wünsche zu artikulieren und weiterzutragen. Gerade im Ausstellungs- und Museumsbereich werden Menschen mit Behinderungen noch immer nicht ausreichend als Zielgruppe in ihrer gesamten Heterogenität gesehen, die auch – über eine bauliche Barrierefreiheit hinaus – eigene Vorstellungen und Anforderungen vorbringen kann und will.

Was meinen Menschen mit Lernbeeinträchtigung?

Mit Einzel- und Gruppeninterviews wurden Wissen, Denken, Erfahrungen, Gefühle sowie Wünsche und Bedürfnisse in Bezug auf den Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim erhoben. Die Studierenden befragten Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen, die im nahe gelegenen Institut Hartheim leben.

Um auch die Sicht jener Personen zu erfassen, mit denen nicht verbal kommuniziert werden konnte, befragten sie auch BetreuerInnen in ihrer Rolle als professionelle Beobachter, Begleiter und Unterstützer ihrer Bezugspersonen.

Sowohl die lernbehinderten Personen als auch BetreuerInnen berichteten von einmaligen, eher kurzen Besuchen im Schloss. Interessant war, dass die Menschen mit Beeinträchtigungen wesentlich mehr über das Schloss wussten, als ihre BetreuerInnen glaubten. Allerdings erschien dieses Wissen eher zufällig gesammelt.

Während die BetreuerInnen der Meinung waren, ein Besuch im Lern- und Gedenkort würde eher auf wenig Interesse bei den BewohnerInnen des Instituts Hartheim stoßen, gaben die befragten Menschen mit Beeinträchtigungen an, mehr Aufklärung über die Vergangenheit des Schlosses zu wollen.

Alle Befragten empfahlen, ein Besuch im Lern- und Gedenkort sollte freiwillig und gut vorbereitet sein. Sie wünschen ein Angebot von regelmäßigen Veranstaltungen im Lern- und Gedenkort, denn dies könnte eine positive Abwechslung im Alltag darstellen. Sie würden dabei auch gerne aktiv mitarbeiten.

Gehörlose Menschen zu befragen, ist keine leichte Sache

Zusätzlich befragten Studierende mit Unterstützung von Gebärdensprachdolmetscherinnen gehörlose bzw. hörbeeinträchtigte Menschen aus Oberösterreich in einem ähnlichen Setting. In der Gehörlosengemeinschaft war das Interesse, an dieser Studie teilzunehmen, gering.

Die Suche nach InterviewpartnerInnen stellte sich als schwierig heraus. Auch zeigten die Ergebnisse der empirischen Erhebung, dass das Interesse am Schloss aufgrund fehlender persönlicher Bindung oder Bezug zur eigenen Identität eher gering war.

Präsentation: Anforderungen und Grundlagen für inklusiv gestaltete Gedenkarbei
Gerhard Traxler

Nicht allen Befragten war die Tötungsanstalt Hartheim und der heute bestehende Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim bereits vor dem Interview bekannt. Die Befragten meinten, dass die Mehrheit der Gehörlosen wenig über die Geschichte von Hartheim und die Ausstellung dort wisse.

Jene Befragten, die Schloss Hartheim schon besucht hatten, empfanden die Gedenkstätte und die Ausstellung aber als sehr informativ und lehrreich, allerdings auch als traurig- und nachdenklich stimmend. Positiv fiel auf, dass Bildschirme mit Übersetzungen in Gebärdensprache vorhanden waren.

Die interviewten Personen wussten besser über die Geschehnisse in der Vergangenheit Bescheid als darüber, was es heute im Schloss zu sehen gibt. Wichtig sei ihnen, dass sie bei Besuchen Unterstützung durch GebärdensprachdolmetscherInnen bekommen.

Das Fazit der Lehrveranstaltung ist

Eine inklusiv gestaltete Gedenkkultur zu etablieren, muss als Herausforderung und Aufgabe gesehen werden. Das Problem ist weniger ein mangelndes Interesse der Menschen mit Beeinträchtigungen, sondern vielmehr der Mangel an geeigneten Angeboten und Zugängen.

Der Besuch von Hartheim könnte dazu verwendet werden, sie in ihrer selbstbewussten Forderung auf ihr Recht auf Teilhabe in allen Lebensbereichen zu stärken. Inklusives Gedenken versucht nicht nur, Wissen barrierefrei weiterzugeben, sondern will die Menschen auch aktiv in den Prozess des Gedenkens und der Auseinandersetzung mit aktuellen Themen aus den Bereichen von Ethik, Demokratie und Inklusion einzubinden.

Download Bericht

Präsentation: Anforderungen und Grundlagen für inklusiv gestaltete Gedenkarbei
Márk Stégmayer
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3 Kommentare

  • Ich interessiere mich gerne auf diesen Ort, vielleicht werde ich jemand fragen, wie wir mit Bus oder Zug fahren werden.
    Lg. Leop. H.

  • Gelungenes und wichtiges Projekt!
    Und nett auch, dich Gerhard, auf dem Foto wiederzusehen! Deine Peer-Beratungskollegin.

  • eine großartige initiative! gratulation! damit seid ihr bahnbrecher.