Interview: Grünen-Chef Alexander Van der Bellen zur neu aufgeflammten Sterbehilfe-Debatte.

"Will über meinen Tod entscheiden"

Interview mit Mikrofon
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Folgendes Interview kann man in der heutigen Kleine Zeitung lesen:

Kleine: Der Grünen-Gesundheitssprecher und Arzt Kurt Grünewald ist mit seinem gestrigen Vorstoß für Sterbehilfe auf breite Ablehnung gestoßen – auch in Ihrer Partei. Teilen Sie die Irritation?

Alexander Van der Bellen: Ich persönlich würde mir nicht das Recht nehmen lassen, über mein Leben zu bestimmen und im Ernstfall zu sagen: „Freunde, es ist genug, ich möchte jetzt gehen!“ Solange ich mich bewegen kann, kann mich ohnedies niemand hindern, einen Berg zu besteigen, mich in eine Kluft zu setzen und auf den Tod zu warten. Für mich wäre es aber ein Horror, mit meinem Wunsch allein gelassen zu werden, wenn ich mich nicht mehr artikulieren kann. Das sind die wirklich heiklen Fälle, wenn das menschliche Leid ohne Aussicht auf Heilung unvorstellbar groß geworden ist. In solchen Fällen trete auch ich für eine Entkriminalisierung passiver Sterbehilfe ein. Ich persönlich würde mir daher das holländische Modell sehr gerne genauer anschauen und beobachten, wie das dort läuft.

Kleine: Besteht nicht die Gefahr, dass Sterbehilfe missbraucht würde, um Alte, Kranke und Behinderte aus ökonomischen Gründen quasi zu entsorgen?

Van der Bellen: Natürlich respektiere ich jede andere Meinung. Ich will lediglich eine offene Diskussion. Mir ist klar, dass Länder, in denen so wie in Deutschland und Österreich die nationalsozialistische Vergangenheit noch präsent ist, mit diesen Themen vorsichtig umgehen müssen. Die Holländer tun sich als ehemals besetztes Land da leichter. Für sie spricht nichts gegen Sterbehilfe, wenn der Tod mit Sicherheit bevor- steht, unerträgliche Qualen objektiv festgestellt werden und es genug Kautelen gibt, damit das ganze System nicht missbraucht werden kann.

Kleine: Wie wollen Sie einen Alzheimer-Patienten fragen, ob er sterben will oder nicht?

Van der Bellen: Das ist in der Tat sehr schwierig.

Kleine: Können Sie der katholischen Position, dass Beginn und Ende des Lebens nicht im Ermessen des Menschen liegen, auch etwas abgewinnen?

Van der Bellen: Natürlich. Als Grundposition. Aber ich glaube, es gibt dann aber trotzdem noch einen kleinen Rest existenzieller Not.

Kleine: Ein bisserl holländisch, ein bisserl katholisch, kurzum, Sie wollen für alle wählbar bleiben?

Van der Bellen: Selbstverständlich liegt die Priorität im Ausbau der Sterbebegleitung und der Palliativmedizin. Ansonsten würde man sich ja unglaubwürdig machen. Hier hat unser Land einen riesigen Nachholbedarf, das muss auch Geld kosten. Hier teile ich die katholische Position vollkommen. Meine Frage ist ja nur: „Und der kleine Rest?“. Ist da wirklich alles in Ordnung? Tun wir doch nicht so, als gäbe es in Österreich nicht auch diesen Graubereich der passiven Sterbehilfe.

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