Interview mit Horst Frehe

Martin Ladstätter führte für Muskel Aktiv mit Horst Frehe folgendes schriftliches Interview.

Horst Frehe
selbst aktiv

Muskel Aktiv: Du giltst als Befürworter des hier in Bremen angewandten Systems einer Kombination von Niederflurbussen/-straßenbahnen mit einem Hublift. Welches sind die Vorteile dieses Systems gegenüber anderen Systemen?

Horst Frehe: Erst einmal zum Unterschied von den Niederflur- zu den Hochflurbussen: Die Niederflurtechnik ermöglicht es, daß alle ohne Komplikationen besser einsteigen können, d. h. alte Menschen, Gehbehinderte, Leute mit Kinderwagen oder mit Taschen kommen leichter in den Bus rein, wenn sie nur eine Stufe überwinden müssen – das ist der große Vorteil der Niederflurtechnik.

Es hat auch noch den großen Vorteil mit dem „kneeling“, dem Absenken auf einer Seite, daß auch da die Stufe noch einmal reduziert wird. Das ist der erste Schritt. Der zweite Schritt ist, daß die Resthöhe auf keinen Fall ausreichend ist, um einen behindertengerechten Einstieg sicherzustellen, d. h. RollstuhlfahrerInnen sind nach wie vor ausgeschlossen, also muß ein Hublift her.

Der Hublift hat zwei Funktionen: Die erste ist die, daß er zunächst eine Brücke schafft zwischen dem Bus und dem Randstein, weil der Spalt unterschiedlich breit ist, je nachdem wie der Bus ranfahren kann. Wir haben getestet, daß im Durchschnitt noch immer nicht weniger als 12 cm Differenz bleiben. Also brauchen wir auf jeden Fall eine Brücke.

Das zweite ist: Randsteine sind unterschiedlich hoch und die unterschiedlichen Höhen kann nur ein Hublift ausgleichen.

Muskel Aktiv: Spielt das Argument, es dauert zu lange, wenn RollifahrerInnen einsteigen überhaupt eine Rolle?

Horst Frehe: Dieses Argument ist eines der dümmsten und auch eines, mit dem am übelsten gepokert worden ist. 1981 erstellte die Bremer Straßenbahn AG eine Studie, die die Einstiegszeiten von drei Minuten als ein Hauptargument für die Unmöglichkeit der Beförderung von RollstuhlfahrerInnen angab.

Diese drei Minuten wurden immer behauptet und nie gemessen. Wir sind dann nach Heidelberg gefahren, wo es damals bereits Busse mit Hubliften gab und haben 35 Sekunden gemessen. Wir haben dann die Bremer Straßenbahn AG der Lüge bezichtigt.

Die Bremer Straßenbahn AG rückte von den drei Minuten ab und sagte, sie wären selber in Heidelberg gewesen und hätten selbst gemessen und zwar 1 1/2 Minuten Einstiegszeit. (Es hat sich dann herausgestellt, daß in der Tat die Bremer Straßenbahn AG in Heidelberg gewesen ist, nur hat sie nicht 1 1/2 Minuten gemessen, sondern 30 Sekunden.)

Sie hat also schlicht versucht uns und die Öffentlichkeit zu belügen und die Diskussion durch Lug und Trug zu beeinflussen. Das kam dann raus und das hat dazu geführt, daß sich heute niemand mehr trauen würde, die Einstiegszeit als Argument zu verwenden.

Eine Einstiegszeit von 30 Sekunden bedeutet, daß schon eine umspringende Ampel eine längere Wartezeit bewirkt, als ein Einstiegsvorgang von Rollstuhlfahrerinnen.

Muskel Aktiv: Danke für das Interview!

Übrigens

Mittlerweile gibt es bereits in vier deutschen Städten politische Beschlüsse darüber, Niederflurstraßenbahnen mit Hubliften anzuschaffen: Es sind dies die Städte Bremen, Berlin, Frankfurt und München. Weitere werden folgen.

Zum Vergleich: In Österreich wurde noch in keiner einzigen Stadt ein derartiger Beschluß gefaßt!

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