Ist DEIN Talent eine Förderung wert?

Dieser Kommentar ist ein Plädoyer für echte Gerechtigkeit im Bildungssystem.

Cartoon: Jedes Talent ist förderungswert
BIZEPS / ChatGPT

Liebe Schüler:innen und Studierende, schöne Ferien!

Seid ihr gut in Mathematik, logische Denker? Die Gesellschaft braucht euch, ihr klugen Köpfe!

Oder ist es eher der kreative und sprachliche Bereich, in dem ihr brilliert? Da habt ihr zwar ein schönes Hobby, hört aber auch immer wieder „Lern lieber was Gscheites!“

Reminiszenz: Der Tag, an dem ich ein „Dodl“ wurde

Wir schreiben das Jahr 2000. Fein herausgeputzt, nach unzähligen Nachhilfestunden betrete ich den Klassenraum zur mündlichen Mathematikmatura. Durch die schriftliche Prüfung bin ich durchgefallen, ich habe auch nichts anderes erwartet.

Seit der Volksschule kämpfe ich mit diesem Fach. Viel Geld und Zeit wurde investiert, aber niemand konnte mir dieses Thema begreiflich machen.

Auch heute wieder: Alles umsonst, bitte im Oktober wiederkommen. Die schmerzhafte Erkenntnis für mich war damals klar: Ich bin dumm.

Wer lernt und lernt und trotzdem keinen Erfolg hat, muss eben dumm sein. Denn in unserer Gesellschaft gilt das ungeschriebene Gesetz: Nur wer Mathematik beherrscht, ist wirklich schlau.

Doch Überraschung: Im Jahr 2025 erhalte ich nicht nur meine ADHS-Diagnose, sondern bekomme auch eine Hochbegabung attestiert! Ich? Aber ich bin doch dumm? Wer schlecht in Mathe ist, kann doch nicht hochbegabt sein! All diese klassischen IQ-Tests bestehen doch gefühlt nur aus Logik und Zahlenreihen?

Das „Spiky Profile“

Besonders bei neurodivergenten Menschen zeigt sich oft ein sogenanntes „Spiky Profile“: spitzenmäßig in Bereich A, doch unterdurchschnittlich in Bereich B.

Meine Hochbegabung liegt im sprachlich-kreativen und konzeptionellen Bereich. Dazu kommt eine von mir vermutete Dyskalkulie. Meine allgemeine logische Kapazität ist riesig – aber mein Gehirn kann sie nicht auf die visuell-räumliche oder mathematische Säule übertragen, weil dort die neurobiologische Leitung blockiert ist.

Bei den üblichen Matrizen-Tests versage ich schlichtweg, weil mein ADHS-Anteil nach der vierten „Welches Muster kommt als nächstes“-Aufgabe wegen Langeweile den Dienst verweigert.

Ohne Mathematik keine Logik? Ausgemachter Unsinn!

Immer wieder höre ich, dass man nur durch Mathe logisches Denken und Problemlösung lernt. Das stimmt nicht. Auch Sprachen mit ihrer Grammatik sind hochkomplexe, logische Systeme.

Hochbegabte Menschen ohne mathematische Intuition können das Problem meistern, indem sie Mathe wie eine Fremdsprache lernen – über sprachliche Schablonen statt über ein „Zahlengefühl“.

Einem neuen Nachhilfelehrer ist genau das gelungen, und so konnte ich im Oktober die Matura schließlich mit einem „Gut“ bestehen. Das habe ich aber eher als Glück, denn als Können abgespeichert.

Das Problem mit dem Matura-Zwang: Mathe ist nur ein Beispiel

Mir geht es jetzt absolut nicht darum, ein einzelnes Fach schlechtzureden. Mathematik dient hier nur als mein persönliches Paradebeispiel. In der Pflichtschule (Volksschule und Unterstufe) sind sowohl mathematische als auch sprachliche Grundlagen essenziell für den Alltag.

In der Oberstufe jedoch sollte das starre Korsett der Pflichtfächer bei der Matura fallen – und zwar in beide Richtungen. Denn das System krankt daran, dass es sich auf Schwächen konzentriert, statt Stärken zu fördern:

  • Sackgassen statt Praxisbezug: Themen der mathematischen Oberstufe wie Kurvendiskussionen oder Integrale sind mir in meinem Leben nie wieder begegnet. Ich habe mich jahrelang umsonst gequält. Eine weitere Fremdsprache hätte mir echte Erfolgserlebnisse geschenkt.
  • Wahlfreiheit für alle Talente: Wer sprachlich-kreativ hochbegabt ist, sollte in der Oberstufe die Möglichkeit haben, höhere Mathematik abzuwählen. Und umgekehrt gilt genau dasselbe: Ein naturwissenschaftliches Genie, das sich durch Sprachen quält und dessen Stärken in der reinen Logik der Zahlen liegen, sollte ebenso die Freiheit haben, stattdessen tiefer in die Informatik oder Physik einzutauchen!
  • Starres Denken aufbrechen: Unser Schulsystem schult vor allem das konvergente Denken – das Suchen nach der einen Lösung nach Schema F. Die Welt von morgen braucht aber divergentes Denken: Menschen, die starre Boxen verlassen. Ein System, das nur den einen vorgegebenen Rechenweg oder die eine starre Schablone belohnt, erzieht zu Gehorsam, aber nicht zum kritischen Hinterfragen.
  • Die Lösung über Zusatzprüfungen: „Aber man braucht Fach X fürs Studium!“, heißt es dann. Das kommt ganz auf das Fach an – ich absolviere mittlerweile mein viertes Studium ohne höhere Mathematik. Warum führen wir für Spätentschlossene nicht einfach – analog zum Kleinen Latinum – ein „Kleines Mathematikum“ als gezielte Zusatzprüfung vor dem Studienstart ein?

Ein Plädoyer

Es geht mir nicht darum, Fächer abzuschaffen. Wer gut in Mathematik ist, soll dort unbedingt glänzen und maximal gefördert werden – wer gut in Sprachen oder Kunst ist, aber ebenso! Es geht mir darum, aufzuhören, Menschen als „weniger wert“ oder „dümmer“ abzustempeln, nur weil sie nicht in das starre Durchschnittskonzept von Intelligenz passen.

Jahrzehntelang dachte ich, ich bin dumm. Wie vielen Jugendlichen geht es heute genauso? Wie viele müssen Zeit, Energie, Geld in eine Schwäche investieren – und würden auf ihrem eigentlichen Spezialgebiet brillieren!

Liebe Schüler:innen und Studierende! Ihr seid nicht dumm, schwierig oder faul!

Ihr kämpft euch durch ein System, das euer spezifisches Talent aktuell nicht zu schätzen weiß. Ein System, gebaut für einen „Durchschnittsmenschen“, der eigentlich gar nicht existiert. Ein System, das euch für Schwächen bestraft, statt eure Stärken zu fördern.

Egal was es ist, dass ihr gut könnt – es ist wichtig für euch und für uns alle!

Genießt die Ferien!

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  • Herbert , Antworten

    15.06.2026, 19:02

    Super Artikel !!

    Sollte umgesetzt werden bzw allen
    Schülern nahegebracht werden

    Besten dank für so tollen Artikel

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