It’s the law, guys

80 Prozent aller Geschäfte sind nur über Stufen zugänglich, Rampen in Kulturstätten eine Rarität. Aus dem Alltag eines Rollstuhlfahrers. Plädoyer für barrierefreies Bauen.

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BIZEPS

Jedes Jahr dasselbe Spiel: Millionen für „Licht ins Dunkel“. Millionen für den Ausbau von Heimen, für die Anschaffung von Behindertentransportern, für Therapieplätze. Kaum beachtet wird, daß von „Licht ins Dunkel“ Aktivitäten gefördert werden, die vor Jahren noch aus öffentlichen Budgets gespeist wurden. Als nicht weiter störend wird auch der Umstand gesehen, daß die „Licht-ins-Dunkel“-Gelder überwiegend Institutionen zugute kommen; selten, daß das selbständige Leben einzelner behinderter Menschen unterstützt wird. Einen Effekt hat die Mitleidsmaschinerie aber dennoch: Sie vermittelt der Öffentlichkeit das Bild, es werde ohnehin alles für die armen Tschapperl getan.

Leider stimmt dieses Bild nicht mit der Wirklichkeit überein. Am Beispiel der baulichen Situation kann das verdeutlicht werden.

Nach wie vor sind 80 Prozent aller Geschäfte in den Wiener Geschäftsstraßen nur über Stufen zugänglich. Stellvertretend sei die Kreuzung Siemensstraße/Brünner Straße in Floridsdorf genannt. Drei Banken und eine öffentliche Bedürfnisanstalt begrenzen die Seiten des Platzes. Keines der Institute ist ohne Stufen erreichbar. Die kürzlich generalsanierte Bawag mochte auf eine Eingangsstufe nicht verzichten, obwohl verschwenderisch viel Platz für eine Abschrägung gewesen wäre.

Um das Bild zu vervollständigen: In der Nähe befinden sich eine Konditorei, ein China-Restaurant, ein Hartwarengeschäft, eine weitere Bankfiliale, ein Bäcker und eine Apotheke. Keines dieser Geschäfte ist stufenlos zugänglich. Das Bild von im Regen stehenden Rollstuhlfahrern, die einen freundlichen Zeitgenossen ersuchen, mit einem Rezept die Apotheke aufzusuchen, ist in dieser Gegend vertraut. Leider gilt dieser Befund nicht nur für viele andere Apotheken, sondern auch für die Mehrheit der Arztpraxen. Aber man kann ja in die Spitalsambulanzen ausweichen. Ein paar Netsch muß einem die Gesundheit schon wert sein.

Einkaufszentren sind für behinderte Konsumenten ein Segen. Von Witterungsunbilden unbehelligt seinen Erledigungen nachzugehen, in stufenlose Geschäfte zu rollen und in stufenlosen Cafés Zeitung zu lesen ist kein geringer Fortschritt. Das Vorhandensein von Behinderten-WCs rundet das entspannte Einkaufserlebnis ab. Wenn, ja wenn die Behindertenparkplätze nicht verparkt sind. Meist sind zuwenig Parkplätze vorhanden, meist sind sie schlecht beschildert, am störendsten aber ist: Niemand, der unberechtigt die Annehmlichkeit eines Behindertenparkplatzes für sich in Anspruch nimmt, muß Strafe befürchten. Die Parkplätze befinden sich auf Privatgrund, und keinem Betreiber von Einkaufszentren ist die Fairneß gegenüber gehandikapten Kunden wichtig genug, daß er deswegen andere Kunden durch Besitzstörungsklagen vergraulte.

Auch bei den Kulturstätten ist die Situation prekär. Drachengasse, Gruppe 80, Theater Echoraum, Künstlerhaus- und Ensemble-Theater und viele andere sind nicht mit dem Rollstuhl benutzbar. Was das Schauspielhaus (nach Jahren) oder das Frauentheater Kosmos (auf Anhieb) kürzlich verwirklichten, nämlich Rampen respektive Hebeplattformen für behinderte Gäste einzubauen, ist diesen Theatern, trotz gesicherter Förderungen durch das Kulturamt der Stadt Wien, unmöglich. Der Grund: Die Theaterleiter stellen keine Anträge. Wie heilsam wäre doch hier eine Koppelung der Subventionen an einen Umbauplan! Nicht nur Theater türmen Barrieren auf: Versuchen Sie einmal mit dem Rollstuhl in das mit großem Aufwand errichtete Jazzlokal Porgy & Bess zu kommen. Stufen ins Lokal, Stufen zur Kassa. Und kein Hinweis auf einen Behinderteneingang, den es angeblich irgendwo gibt.

In den Bundesländern ist es nicht besser. Ein Beispiel: Das Stadttheater St. Pölten. Dort gibt es für Rollstuhlfahrer, nachdem sie 40 Stufen überwunden haben, nicht einmal einen Platz im Zuschauerraum. Man wird von der Direktion in den hintersten Winkel des Raums verbannt; dorthin, wo einen niemand sieht, wo es aber andrerseits auch unmöglich ist, von den Vorgängen auf der Bühne etwas mitzubekommen.

Dummheit? Borniertheit? Ignoranz? Bewußte Ausgrenzung? Zutreffendes bitte ankreuzen. Mehrfachnennungen möglich.

Architektur ist gebaute Politik. Vor der Wiener Wahl wurde die Wiener Bauordnung novelliert. Nahezu alle Vorschläge einer Expertengruppe zum barrierefreien Bauen wurden ignoriert. So bleiben die einschlägigen Bestimmungen weiterhin Makulatur. Als die Wiener Gemeinderätliche Behindertenkommission vor Jahren eine Studienreise nach Los Angeles unternahm, wurde sie von ihren – behinderten – amerikanischen Kollegen abgeholt. Wo sind eure Behinderten? fragten die Amerikaner erstaunt. Es gab keine. Die Wiener Gemeinderätliche Behindertenkommission kommt ohne Behinderte aus.

Immer wieder heißt es, barrierefreies Bauen koste zuviel. Alle Studien zu diesem Bereich kommen zum gegenteiligen Ergebnis. Wird bei Neubauten auf die Grundsätze barrierefreien Bauens bereits in der Planung geachtet, erwachsen keine oder vernachlässigenswert geringe Mehrkosten. Für umfassende Sanierungen gilt dasselbe.

Eine Ursache für das Fortbestehen alter und das Auftürmen neuer Barrieren liegt darin, daß im Parlament ausschließlich nichtbehinderte Abgeordnete über behindertenrelevante Themen beraten und Gesetze beschließen. Einzig die Grünen verfügen über eine behinderte Volksvertreterin. Deren Stimme ist aber kaum zu hören, und daran sind nicht die Medien schuld.

Wie diesem Chaos der vielfachen Zuständigkeiten, der Gewerbe- und Bauordnungen, der Veranstaltungsstätten- und Beförderungsgesetze Abhilfe schaffen? Die Antwort ist einfach: durch ein Antidiskriminierungsgesetz, das – nach vielfachem Vorbild westlicher Staaten – Verstöße gegen die Grundsätze des barrierefreien Bauens bei Neubauten und Generalsanierungen mit strengen Strafen bis hin zur Schließung von Lokalitäten ahndet.

Wer eine Klagsflut befürchtet, irrt. In den USA sind seit der Einführung des „Americans with Disabilities Act“ (ADA) Anfang der neunziger Jahre nicht einmal zweitausend Verfahren gerichtsanhängig geworden, und nur einige Dutzend endeten mit Verurteilungen. Der beabsichtigte Lenkungseffekt aber trat in einem ungeahnten Ausmaß ein. Öffentliche Verkehrsmittel und Lokale aller Art sind innerhalb weniger Jahre zugänglich geworden. Noch erstaunlicher: Im Land der Kostenwahrheit redet niemand mehr über die Kosten. Und: Kein Politiker getraut sich mehr, seinem Publikum die Mär vom notwendigen Bewußtseinswandel aufzu-tischen, der allem vorangehen müsse.

In letzter Zeit ertappe ich mich manchmal dabei, daß ich, wenn ich wieder einmal vor Stufen stehe oder mich mit freundlichen Zeitgenossen darüber auseinandersetzen muß, daß Behindertenparkplätze nicht für die Bequemlichkeit nichtbehinderter Personen eingerichtet wurden, eine Vision in mir aufsteigt. Anstelle von gutem Zureden, Erklärungsversuchen oder Schreiduellen würde ich mich gerne im Rollstuhl zurücklehnen und die Arme verschränken. Und dann würde ich sagen: It’s the law, guys – So will es das Gesetz.

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