IVS Wien will Dialog über die Weiterentwicklung der Angebote der Behindertenhilfe führen

Im Mai 2011 gründete sich die "Interessenvertretung sozialer Dienstleistungsunternehmen für Menschen mit Behinderung (IVS Wien)". Was die IVS Wien erreichen möchte, erzählt Robert Mittermair im BIZEPS-INFO Interview.

IVS Wien
IVS Wien

Wenige Wochen später – am 16. Juni 2011 – organisierte die IVS Wien eine Antrittspressekonferenz unter dem Titel „Ist das Angebot der Wiener Behindertenhilfe noch zeitgemäß?„.

Wer ist IVS Wien?

Die IVS Wien besteht aus Wiener Sozialeinrichtungen, die mit knapp 2.400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern rund 3.900 behinderte Menschen in Wien betreuen. (Assist GmbH, Auftakt GmbH, BALANCE, Bandgesellschaft, Caritas Wien, GIN, HABIT GmbH, Humanisierte Arbeitsplätze, ITA GmbH, KoMIT GmbH, Lebenshilfe Wien, LOK, ÖHTB, ÖVSE – SHT, Rainmans Home und die Sozialtherapeutische Lebens- und Arbeitsgemeinschaft).

Warum eigentlich?

Robert Mittermair, Vorstandssprecher der IVS Wien, informierte im BIZEPS-INFO Interview von Mitte Juli 2011 über die Hintergründe und Ziele der IVS Wien.

BIZEPS-INFO: Warum wurde die IVS Wien gegründet, wo doch diese Organisationen Mitglieder im „Dachverband Wiener Sozialeinrichtungen“ sind?

Robert Mittermair (IVS Wien): Die Vertragspartner im Bereich der Behindertenhilfe sind 2006 geschlossen in den Dachverband der Wiener Sozialeinrichtungen aufgenommen worden. In den letzten fünf Jahren haben wir die Erfahrung gemacht, dass der Dachverband eine sinnvolle Koordinationsplattform zwischen den Trägerorganisationen, dem FSW und der Politik darstellt.

Der Dachverband kann allerdings nicht als politische Interessensvertretung für seine Mitglieder fungieren. Diese Funktion will in Zukunft die IVS Wien wahrnehmen. Die Mitglieder der IVS Wien werden sich also weiterhin in den Gremien des Dachverbandes einbringen und dort operative Themen zwischen dem FSW und den Trägerorganisationen in bewährter konstruktiver Form diskutieren und verhandeln.

Aufgabe der IVS Wien wird es sein, auf politischer Ebene den Dialog über die Weiterentwicklung der Angebote der Behindertenhilfe zu führen.

BIZEPS-INFO: Die IVS Wien stellt die berechtigte Frage „Ist das Angebot der Wiener Behindertenhilfe noch zeitgemäß?“, um diese zu verneinen. Die IVS Wien will einen „offenen Dialog über die Weiterentwicklung der Angebote der Wiener Behindertenhilfe und neue Finanzierungsmodelle“ starten. Was genau wollen Sie erreichen?

Robert Mittermair (IVS Wien): Das Angebot der Wiener Behindertenhilfe beruht auf Konzepten zur Gemeinwesenintegration der 70er und 80er Jahre. Diese in Skandinavien entwickelten Konzepte wurden als emanzipatorische Reaktion auf die von struktureller Gewalt geprägte „Heim- und Anstaltsphase“ in der Nachkriegszeit entwickelt.

Sie ermöglichten einen gewaltigen Paradigmenwechsel: als Alternative zu entwürdigender und entrechtender Segregation und Hospitalisierung von Menschen mit kognitiven und psychischen Behinderungen wurden nun kleine gemeinwesenintegrierte Einheiten (Wohngemeinschaften mit 8-10 Bewohnern) entwickelt. Ein „normaler“ Lebensalltag wurde postuliert und zwischen „Wohnen“ und „Arbeiten“ in Wohngemeinschaften und Beschäftigungstherapie unterschieden.

Natürlich war dies sehr oft auch eine „Simulation von Normalität“ und von Rechten im Sinne der UN-Konvention war noch wenig die Rede – da setzt auch unsere heutige Kritik an.

Aber im Unterschied zu vielen Bundesländern wurden diese modernen gemeinwesenintegrierten Modelle in Wien konsequent für alle Betroffenen umgesetzt. Parallel entwickelte sich eine vielteilige Trägerlandschaft mit individuellen Angeboten, die unterschiedlichste Bedürfnisse abdecken.

Dieser „Markt“ hat nicht nur Vielfalt geschaffen sondern auch die Bildung von Anbietermonopolen verhindert. Auch hier macht der Vergleich mit anderen Bundesländern sicher: Österreichweit leben heute noch 50 % aller institutionell untergebrachten Menschen mit kognitiven oder psychischen Behinderungen in Heimen mit über 50 BewohnerInnen.

Nach wie vor gibt es (Anm.: in der Steiermark) eine Großeinrichtung die als Sonderkrankenanstalt 600 (!) Menschen mit Behinderung „beherbergt“. Und sogar im sonst vielgelobten Inklusions-Vorzeigeland Vorarlberg leben Menschen mit basalem Unterstützungsbedarf zumeist noch im „Lebensraum“ Pflegeheim!

Wien gehört deshalb bei der Umsetzung des Konzepts Gemeinwesenintegration bis heute zu den Vorreitern. Dennoch braucht es unserer Meinung nach im Zeichen der UN-Konvention deutlich mehr als eine gute „Simulation von Normalität“.

BIZEPS-INFO: Was konkret fordern Sie?

Robert Mittermair (IVS Wien): Unsere Forderungen richten sich an Politik und Verwaltung und betreffen die UN-konventionskonforme Weiterentwicklung des Wiener Modells.

Wir fordern:

  • Drei Jahre nach Ratifizierung hat die Stadt Wien noch immer kein Konzept zur Umsetzung der UN-Konvention. Wir fordern die Entwicklung einer Strategie zur Umsetzung der UN-Konvention unter Teilnahme aller Betroffenen in Wien. Aus dieser Strategie muss ein konkreter Maßnahmenplan entwickelt werden. Für die Umsetzung müssen die notwendigen strukturellen und finanziellen Rahmenbedingungen geschaffen werden.
  • Wir fordern echte Wahlfreiheit für Menschen mit Behinderung: Durch die starre Kontingentierung (die der finanziellen Deckelung dient) und die volle Auslastung der bestehenden Plätze wird die Wahlmöglichkeit zwischen unterschiedlichen Wohn- und Unterstützungsangeboten sehr eingeschränkt.
  • Eine Trennung von Wohn- und Betreuungskosten wäre ein möglicher Weg einer Weiterentwicklung des Wohnangebotes. Hierzu müssten konsequent Modelle einer intensiven aber ambulanten Betreuung auch für Menschen mit kognitiven und psychischen Beeinträchtigungen mit hohem Unterstützungsbedarf erarbeitet werden. Dies würde die Wahlmöglichkeiten der Betroffenen stärken und die strukturelle Macht der Anbieter sinnvoll einschränken.
  • Wir fordern besonders dringlich die rasche Schaffung inklusiver Alternativen zur traditionellen Beschäftigungstherapie, wie sie in anderen Bundesländern erfolgreich umgesetzt werden (z.B. im Spagat-Modell in Vorarlberg). Es ist völlig unverständlich, dass in Wien immer noch 4.000 Beschäftigungstherapieplätze betrieben werden, aber echte Arbeitsplatzintegration für Menschen mit intellektueller Behinderung in der Praxis fast nicht vorkommt.
  • Wir fordern eine offene Diskussion über alle Finanzierungsmodalitäten, wobei auch das Thema Persönliches Budget für Menschen mit intellektuellen und psychischen Behinderungen nicht ausgeklammert werden darf. In der Umsetzung muss hier unserer Meinung nach aber immer auch auf möglichen Missbrauch (nicht durch die Betroffenen!) geachtet werden.

BIZEPS-INFO: Als einige der Ziele der IVS Wien werden Inklusion und Selbstbestimmung sowie die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention genannt. Es gibt kritische Stimmen, die fragen: Sind nicht genau auch jene Organisationen mit ihren Aussonderungsmodellen schuld an der derzeitigen Situation?

Robert Mittermair (IVS Wien): Aus der Beantwortung der letzten Frage kann man, glaube ich, ableiten, dass wir kein Interesse an einer Einzementierung des Status Quo haben. Uns ist sehr wohl bewusst, dass die derzeitigen Unterstützungsangebote in vielen Belangen nicht allen individuellen Bedürfnissen jedes/r einzelnen NutzerIn/s gerecht werden können.

Nicht zuletzt, weil wir unsere Angebote hinterfragen und die Wünsche der NutzerInnen ernst nehmen, wollen wir mit Hilfe der IVS Wien eine Weiterentwicklung der Angebote vorantreiben.

Grundsätzlich gehen wir davon aus, dass es auch in Zukunft Anbieter von professionellen Dienstleistungen brauchen wird (selbst in Schweden kaufen ja 60 – 70 % aller Betroffenen mit ihrem persönlichen Budget Unterstützungsleistungen bei institutionellen Anbietern ein).

Die spannende Frage ist, ob und wie es gelingt, Menschen mit Behinderung (und zwar auch solche mit schweren kognitiven und psychischen Beeinträchtigungen) tatsächlich in eine echte KundInnenrolle zu bringen.

Dafür sind politische Maßnahmen und grundlegende Änderungen in der Verwaltung notwendig, die sicher nicht alle in kurzer Zeit umsetzbar sind.

BIZEPS-INFO: Was planen Sie als nächste Schritte?

Robert Mittermair (IVS Wien): Die IVS Wien wird sich in den nächsten Wochen und Monaten mit allen relevanten Interessensgruppen (vor allem auch mit den Interessensvertretungen der Menschen mit Behinderung) in Verbindung setzen. Wir hoffen, dass es dabei gelingt, gemeinsame Strategien zu entwickeln und gängige Feindbilder etwas abzubauen.

BIZEPS-INFO: Wir danken für das Interview.

Hier beginnt der Werbebereich Hier endet der Werbebereich
Hier beginnt der Werbebereich Hier endet der Werbebereich

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

0 Kommentare

  • @ Oberösterreicher: Ich denke, Sie polemisieren, – Verbandsklage? Sie sind ein Träumer!!!

  • Gute Idee. Um als ersten Schritt einmal die widerrechtlich Untergebrachten zu befreien. Und in einem weiteren Schritt sie bei der Geltendmachung von Schadenersatz zu unterstützen.
    Und dann den Entrechteten in den „Geschützen Werkstätten“ zu gleichen Rechten verhelfen. Gerade weil es in der Arbeitswelt gibt es keine Verbands-Klagemöglichkeit gibt …

  • @ Oberösterreicher: Was schlagen sie vor? Sollen an die 180 Betroffenen Wiener die die PGE beziehen aus Solidaritätsgründen in ein Heim gehen?

  • Barriereträchtige PGE für eine Handvoll „Blitzgneisser“ — solche Ausschluss-Leistungen sind einer solidarischen autonomen Behindertenbewegung nicht förderlich und auch unrichtig …

  • Was sind das für kryptische Aussagen – in diesen Artikel kommt der FSW gar nicht vor – was meinen Sie konkret – „Richtigkeit des Infos des FSW? – mir geht es um Ihre Aussage: „Betätigen sich dann die Doppel-EmpfängerInnen dieser „Spaltpilze“ zum Dank als die „netten sprachrohre“ des „roten wiens“? – Diese Aussage ist beleidigend. Die „PGE“ ist sicherlich ein besseres Modell, als das Obersterreichische – Dass die PGE „nur“ für Körperbehinderte bewilligt wird, finde ich auch nicht richtig, liegt jedoch sicherlich auch an den Kosten und am nicht einfachen Abrechnungssystem. Es ist sicherlich nicht jeder Betroffene geeignet, sich PA zu organisieren.

  • @ Wiener: Dann besteiten Sie die Richtigkeit des Infos des FSW?

  • @ Oberösterreicher – solche Aussagen sind einer solidarischen autonomen Behindertenbewegung nicht förderlich und auch unrichtig …

  • @ anita
    Schwammige Pflegegeldergänzungsleistungdn NUR für Körperbehinderte — sowas darfs im Kasten-Wien ungestraft geben. Betätigen sich dann die Doppel-EmpfängerInnen dieser „Spaltpilze“ zum Dank als die „netten sprachrohre“ des „roten wiens“?

  • @anonym: stimmt punktgenau – wobei die „Wr. Interessenvertretung der Menschen mit Behinderung“ sicher nicht die autonome Behindertenbewegung ist. die „Wr. Interessensvertretung“ ist viel zu zahnlos, ist ein nettes sprachrohr des roten wiens, keiner kennt sie, weil sie auch überhaupt keine darstellung nach außen hat u es sitzen leute in doppelrollen drin, wasser predigen und wein trinken… naja…

  • @Wirtschafts-Realo: Es geht um die Priorität der Interessen. So überspitzt („kann NIE die selben Interessen … haben“) trifft es nicht zu. Natürlich muss und soll jedes Unternehmen positive Ergebnisse erzielen, um langfristig bestehen zu können. Nach der Grundidee sollen sie über Beschäftigungen und Abgabenleistungen zum Gemeinwohl beitragen.
    „Gemeinnützige“ Unternehmen im Sozialbereich, so sie nicht statt Gemeinnutzen betrügerisch einen gemeinen Nutzen aus dem Unterstützungsbedarf Betroffener ziehen wollen (wie mutmasslich eine „anerkannte“ Organisation in Tirol und es gibt noch andere), sollen natürlich auch ausgeglichen bilanzieren und dürften auch nichts anderes im Sinn haben. In der Praxis geht es aber bei den „Gemeinnützigen“ auch um Refinanzierungen und weitere Expansion sowie darum, das Renommee auszubauen und zu pflegen.
    Nach den Marktregeln muss auch die Kundenzufriedenheit eine große Priorität haben, um erfolgreich zu bleiben. Genau da hapert es bei den sozialen Dienstleistern, weil die Leistungsempfänger fast nie eine freie Auswahl zwischen mehreren Leistungsanbietern haben. Wegen diese Quasi-Monopole spielt die Zufriedenheit der Klienten kaum eine Rolle. Die Zufriedenheitsverpflichtung besteht vielmehr gegenüber den öffentlichen Kostenträgern, weil sie nur dann „gut im Geschäft bleiben“, wenn sie deren egenischen Ökonomisierungsdruck willfährig Folge leisten (wie das derzeit durch das Land Steiermark krass exerziert wird).
    Gefährlich bis fatal (mitunter letal) ist diese Lakaienstellung deshalb, weil Landesaufsichtsbehörden, die die Qualität kontrollieren sollten, dazu aber kaum bis keine Fachkompetenz haben, stattdessen sich blind auf den „renommierten“ Einrichtungsbetreiber verlassen. Die Kontrollbehörde ist wiederum zugleich der Kostenträger (Sozialabteilung) und als solche z.T. skrupellos auf Einsparungen erpicht, was sich auch in den Vorgaben an ihre Dienstleistungspartner, die Betreiber abzeichnet, die ihrerseits immer prekärere Unterstützungsleistungen realisieren (sollen).
    Fast schon erheiternd (wenn es nicht so traurig wäre) wirkt die Tatsache, dass sich diese Absichtsbehörden sogar als Akquisiteure für die gedeihliche Vollauslastung der Einrichtungen verdingen (in NÖ sogar in Personalunion). Bei den vorprogrammierten Interessenkollisionen bleiben dann die Interessen derer, um die es eigentlich geht, regel- und gesetzmäßig auf der Strecke.
    Ausweg aus dem Dilemma sehe ich nur im bedarfsdeckenden persönlichen Budget für alle Assistenz-, Betreuungs- und Pflegeleistungen.

  • Diese Abgrenzung ist NOTWENDIGT! Warum? Ein Dienstleister kann NIE die selben Imnteressen wie der Kunde, der die Dienstleistung konsumieren sollte, haben! Das liegt in der Natur der Sache! Daher, bitte eines NIE vergessen: in Äußerung wie „Das kommt Menschen mit Behinderung zugute“, die von Dienstleistern kommen, fehlt meist der Zusatz „…und unserer Brieftasche“. Letzte kommt für den Dienstleister (meist) zuerst, dann der Menasch mit Behinderung, das ist Faktum oder kennt jemand einen Supermarkt der sagt: Ich will zuerst, dasas es dem Kunden gut geht, dann erst will ich etwas verdienen? Eher nicht und würde auch jeder wirtschaftlichen Überlegung widersprechen, od.?

  • Klaus Widl hat recht! Die Interessen der IVS sind nicht die Interessen der autonomen Behindertenbewegung

  • ABGRENZUNG SINNVOLL UND NOTWENDIG

    Einige Rückmeldungen bestätigen mir eine öffentliche Verunsicherung und Verwirrung in der Unterscheidung zwischen der neu gegründeten IVS und der „Wr. Interessenvertretung der Menschen mit Behinderung“, die laut § 38 CGW das offizielle und legitimierte Beratungsgremium der Wiener Landesregierung ist.

    Um in der Öffentlichkeit also nicht weitere Verwirrung zu verursachen, erscheint mir eine klare Abgrenzung als sinnvoll und notwendig.

  • Die Würde des Menschen ist unantastbar. Die Menschenrechte sind allgemeingültig, unteilbar und voneinander abhängig. Wird eines der Rechte missachtet, sind andere mit beeinträchtigt und die Gesamtheit ist verletzt. Die UN-Behindertenrechtskonvention war KEIN weiterer Evolutionsschritt zur Erklärung der Allgemeinen Menschenrechte, sondern deren Auslegung und Präzisierung. Sie war nur nötig wegen der persistenten Menschenrechtsdelinquenz der Gesetzgeber, die Universalität und Unteilbarkeit zu respektieren. Behinderte Menschen sind nicht erst seit der UN-BRK „auch als Menschen“ anzusehen. Die Segregationsideologie ist nicht reformierbat, Narrenturm bleibt Narrenturm.