„Kampf um’s Pflegegeld und meine Menschenwürde“

Ich bin Elektro-Rollstuhlfahrerin, 36 Jahre und lebe seit meiner Geburt mit einer sehr schweren körperlichen Behinderung (Diagnose: spinale, progressive Muskelatrophie).

Somit erhalte ich seit der Einführung des Pflegegeldes im Jahr 1993 Pflegegeld der Stufe 7. Damit und mit einer weiteren finanziellen Unterstützung des Sozialamtes der Stadt Salzburg ist es mir möglich meine rund-um-die-Uhr-Assistenz zu finanzieren und dadurch ein möglichst selbstbestimmtes und würdevolles Leben zu führen.

Trotz meiner schweren Behinderung war ich halbtags berufstätig. Da sich mein körperlicher Zustand zunehmend verschlechtert hat, traf ich vor einigen Monaten die für mich sehr schwierige Entscheidung doch einen Antrag auf Berufsunfähigkeitspension zu stellen.

Das Ergebnis liegt nun auf dem Tisch: Dem Pensionsantrag wurde stattgegeben, was bedeutet, daß in Sachen Pflegegeld nun nicht mehr das Amt der Sbg. Landesregierung zuständig ist, sondern ab sofort die Pensionsversicherungsanstalt der Angestellten.

Diese neue zuständige Behörde hat mich jetzt in einem rückwirkenden Bescheid mit Juli 2000 in die Pflegegeldstufe 5 zurückgestuft!!! Konkret heißt das monatlich ATS 10.000,– weniger für die notwendigen Assistenzleistungen die ich zum täglichen „Überleben“ benötige.

Diese sind: auf’s WC heben, Reinigung des Intimbereiches, gesamte Körperpflege, was heißt: baden, waschen, abtrocknen, eincremen, ankleiden, frisieren, in den Rollstuhl setzen und zentimetergenaues Einrichten von Armen, Händen, Beinen, Rumpf und Kopf, zubereiten der Mahlzeiten, Unterstützung beim Essen und Trinken, komplette Führung des Haushalts, Einkauf, Erledigungen, Transport mit dem rollstuhlgerechten Kfz, sowie die Notwendigkeit eines Nachtdienstes zum 1 1/2-stündigen Lagewechsel aufgrund starker Schmerzen.

Durch den ausgestellten und gültigen Bescheid der PVA mit der Rückstufung in Pflegestufe 5 und den daraus jetzt resultierenden Konsequenzen fühle ich mich in meinem Lebensalltag und in meiner Existenz massiv bedroht, da ab sofort die Grundversorgung meines Alltags nicht mehr gewährleistet ist und ich nicht weiß, wie ich mein Team von 7 Assistentinnen bezahlen soll.

Mein durchschnittlicher Stundenaufwand pro Monat, inkl. der Nachtdienste beträgt an die 530 Stunden. Dabei sind allerdings keine Arztbesuche oder sonstige Teilnahme am öffentlichen und gesellschaftlichen Leben, sowie Freizeitaktivitäten inbegriffen.

Dem jetzt gültigen Bescheid ging eine einzige, ca. 12 Minuten dauernde, Untersuchung bei einer Fachärztin für Neurologie der PVA am 10. August 2000 voraus, die die Feststellung zur Berufsunfähigkeit und gleichzeitig die Einstufung des Pflegegeldes zum Inhalt hatte.

Diese spielte sich folgendermaßen ab: als ich den Praxisraum „berollte“ wurde ich zuerst mit der Aufforderung konfrontiert vom Elektro-Rollstuhl auf die Untersuchungsliege zu wechseln, da ein EKG durchgeführt werden sollte. Als ich erklärte, daß ich diese für mich „spitzensportmäßige Aktivität“ noch nie in meinem Leben selbständig tätigen konnte und kann und dazu immer fremder Hilfe bedarf, um meinen Rollstuhl überhaupt verlassen zu können, wurde mir vorgeschlagen den Hausmeister zur Hilfestellung zu holen.

Dies allerdings wehrte ich strikt ab, da ich mich nicht von einem fremden Mann angreifen lassen wollte. Abermals versuchte ich deutlich zu machen, daß meine Sitzposition im E-Rollstuhl ein exaktes „Einrichten und zentimetergenaues Zurechtrücken“ aller Körperteile erfordert um meinen Rollstuhl lenken und möglichst schmerzfrei darin sitzen zu können und daß Hilfestellung eine genaue Einschulung der handelnden Personen bzw. Assistentinnen erfordert.

Danach wurde von mir abgelassen und die Untersuchung beschränkte sich auf das Durchleuchten von Augen, Ohren, Mund, sowie das Drücken der Hände und Reflextesten meiner Beine. Im weiteren Gespräch wurde ich gefragt, welche Beschwerden ich denn hätte, worauf ich sehr detailgenau schilderte, daß ich seit ca. 2 Jahren Probleme habe z. B. ein Essensbesteck in der Hand zu halten und zum Munde zu führen, da die Muskelkraft in den Handgelenken weiter geschrumpft ist und vor allem mein linkes Handgelenk nach 30 Sekunden seine Kraft verliert und hinunterkippt und damit keine zielgerichteten Bewegungen mit funktioneller Umsetzung für mich mehr möglich sind. Daraufhin diktierte die Ärztin in ihr Sprechgerät: „Patientin habe Probleme das Messer vom Boden aufzuheben …“

Danach war ich keiner erklärender Worte mehr fähig. Somit nehme ich an, daß diese mißverständliche, äußerst kurze und inkompetente Untersuchung die Schlechterstellung zur Pflegeeinstufung zur Folge hatte und alle von mir beigelegten ärztlichen Gutachten und Bestätigungen, sowie der (nichtgelungene) Versuch, meine spezielle Situation verständlich zu machen in keinster Weise Berücksichtigung fanden und deshalb in der letztendlichen chefärztlichen Entscheidung am sogenannten „grünen Tisch“ in Wien, mit Ärzten welche mich nie sahen und nie zu Gesicht bekommen werden, die für mich vernichtende und lebensbedrohende Entscheidung für die Pflegestufe 5 getroffen wurde.

Ich hoffe inständig, daß ich noch genügend Kraft, Energien und Nerven haben werde, um diesen Kampf um mein „Lebensrecht“ zu kämpfen und durchzustehen. Gleichzeitig weiß ich und fühle es ganz tief in mir, daß dieses neuerliche Kämpfen um meine notwendigsten Bedürfnisse, mir auch ein Stück Leben kostet und alle Aufmerksamkeit und völligen Einsatz von mir abverlangt. Ich fühle mich schwach, hilflos, ohnmächtig, verzweifelt, diskriminiert, total entwürdigt und zutiefst in meinem Selbstverständnis als behinderte Frau mit besonderen Bedürfnissen bedroht.

Daneben spüre ich eine so enorme Wut im Bauch und wünschte, daß so manche Menschen, die Entscheidungen solcher Tragweite und Konsequenz treffen, wie diese Ärztin der PVA, nur einen Tag lang, 24 Stunden, meinen Alltag mit all seinen Erschwernissen und Schwierigkeiten, mit der gesamten massiven Abhängigkeit von fremden Händen leben müßten, damit ihre begrenzten und beschränkten Gehirne endlich begreifen und eine leise Ahnung davon bekommen, was es heißt und wie es ist, als schwerstbehinderter Mensch in diesem Staat zu leben.

Am Dienstag, dem 28.November 2000, habe ich Klage gegen den Bescheid der PVA bei Gericht eingereicht.

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