Keine Begegnung auf Augenhöhe

Der ORF verabschiedet sich von seinem öffentlich-rechtlichen Auftrag. Menschen mit Behinderung werden diskriminiert. Kommentar in der Presse vom 22. April 2009.

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BIZEPS

Sehr geehrter Herr Bundeskanzler! Sie haben dem ORF vor Kurzem zugesagt, dass er den Gebührenentgang der befreiten FernsehzuseherInnen aus dem Budget ersetzt bekommt. Dies scheint nur dann gerechtfertigt zu sein, wenn der ORF wieder seinen öffentlich-rechtlichen Auftrag erfüllt. An einigen Beispielen zum Thema Behinderung möchte ich Ihnen aufzeigen, wie sich der ORF sukzessive von diesem Auftrag verabschiedet.

1. Februar: Ich machte es mir vor dem Fernseher gemütlich. Im Hintergrund surrte leise meine Beatmungsmaschine. Der ORF bot uns mit dem Spielfilm „Million Dollar Baby“ beste Unterhaltung. Eine aufstrebende Boxerin wacht nach einem unfairen Kampf mit Beatmungsschlauch im Krankenhaus auf. Das Leben ist für sie offenbar am Ende. Der Trainer eröffnet ihr keine neue Lebensperspektive, sondern „hilft ihr“, mit einer Spritze und durch Abschalten der Beatmungsmaschine aus dem Leben zu scheiden. Ein hinterfragungswürdiges Plädoyer für aktive Sterbehilfe, das nicht hinterfragt wurde.

Ich fühlte mich bemüßigt, meiner Assistentin deutlich zu sagen: „Nur dass du’s weißt: Ich lebe gerne! Auf keinen Fall abschalten!“ Es blieb ein merkwürdiges Gefühl. Es wäre beispielsweise spannend gewesen, in einer „Club2“-Diskussion die Medienwirklichkeit mit der Lebensrealität beatmeter Menschen gegenüber zu stellen.

Betroffene werden nicht einbezogen

Szenenwechsel: Nach den Olympischen Spielen baute der ORF seine ganze Infrastruktur in Peking ab. Für die anschließenden Paralympics war nur Geld für ein Kamerateam vorgesehen. Das Paralympic-Komitee sponserte darauf hin dem ORF aus öffentlichen Geldern ein zweites Kamerateam, damit ausführlicher von den Sportwettkämpfen behinderter Menschen im ORF berichtet werden konnte. Im Gegensatz zum ZDF, das diese Sportwettkämpfe in voller Länge übertrug, gab es im ORF-Sportmagazin ausschließlich Kurzmeldungen über die Medaillenerfolge. Selbst der Rollstuhlmarathon, bei dem der Österreicher Thomas Geierspichler einen Sensationserfolg erzielte, wurde im ORF so nicht übertragen.

Seit vielen Jahren kritisieren Betroffene die klischeehafte Darstellung behinderter Menschen in der Tränendrüsen- und Mitleidskampagne „Licht ins Dunkel“.

Der gesellschaftliche Paradigmenwechsel durch Integration und Gleichstellung, der die Lebenssituation behinderter Menschen wesentlich verändert hatte, wurde in der Spendenaktion nicht mitvollzogen. Während das ZDF Betroffene seit Jahren mitgestalten lässt, ignoriert der ORF die Kritik und beharrt auf eine Spendenkampagne für behinderte Menschen ohne behinderte Menschen. Betroffene nicht einzubeziehen hat im ORF System, wie auch die Einladungspolitik zeigt. Wenn schon über das Thema Behinderung diskutiert wird – was selten genug vorkommt -, werden Betroffene nicht eingeladen, so etwa im Vorjahr bei den Themen eugenische Indikation („Im Zentrum“) und behinderte Kinder als Schadensfälle („Kreuz & Quer“). Von einer Begegnung „auf gleicher Augenhöhe“ kann keine Rede sein.

Obwohl behinderte Menschen seit 2003 ORF-Gebühren zahlen, ist nur ein Bruchteil des ORF-Angebots barrierefrei zugänglich. Auch blinde Menschen wollen Fernsehen. Das Problem dabei: Wenn es im Krimi spannend wird, ist meist nur mehr Musik zu hören, und der blinde Zuseher weiß nicht, ob der Mörder zugeschlagen hat. Hier helfen Erklärungstexte, die am zweiten Hörkanal zugeschaltet werden können. Während international Spielfilme in Audiodeskription zum Standard gehören, spielt der ORF nur einmal pro Woche „Ein Fall für zwei“ in diesem Format. „ORF ON“, als wichtige öffentlich-rechtliche Informationsplattform, ist weder für blinde noch für gehörlose Menschen barrierefrei zugänglich.

Ein Vertrag zwischen ORF und einem gehörlosen Mann, der im Rahmen der Schlichtungsverfahren zum Behindertengleichstellungsgesetz abgeschlossen wurde, wird seitens des ORF nicht eingehalten. Jetzt klagt er sein Recht per Gericht ein, dass die im Internet verfügbaren Filme durch Gebärdensprachdolmetschung zugängig gemacht werden. Für gehörlose Menschen ist aufgrund ihrer Behinderung das Fernsehen ein wichtiges Hauptmedium, das jedoch nur durch Gebärdensprachdolmetschung oder Untertitelung barrierefrei rezipierbar ist.

Die BBC untertitelt bereits 100 Prozent des Programms. Der ORF liegt bei mageren 30 Prozent, beide Programme und die Wiederholungen inkludiert. 2006 wurde im Parlament das Behindertengleichstellungsgesetz beschlossen,das Barrierefreiheit und die Beseitigung von Diskriminierungen innerhalb einer Zehnjahresfrist im öffentlichen wie auch im privatwirtschaftlichen Bereich vorsieht.

Debatten auch für gehörlose Menschen

Im Vergleich zu anderen öffentlichen Einrichtungen hat der ORF nie von sich aus einen Etappenplan vorgelegt. Bis 2016 muss auch das gesamte Angebot des ORF barrierefrei zugänglich sein. Dies ist, Herr Bundeskanzler, im neuen ORF-Gesetz dringend zu verankern. Der ORF hat als staatstragendes Medium eine öffentlich-rechtliche Verpflichtung, woran er erinnert werden muss.

Übrigens: Demnächst wird mit Helene Jarmer die erste gehörlose Abgeordnete ins Parlament einziehen. Dann müssen alle Plenarreden in Gebärdensprache gedolmetscht werden. Ich erwarte mir vom ORF, dass bei den Live-Übertragungen nicht nur die jeweiligen RednerInnen, sondern auch die GebärdensprachdolmetscherInnen im Fernsehen zu sehen sind. Damit könnten endlich auch gehörlose Menschen die politischen Debatten mitverfolgen.

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