Kino und Behinderung | Perspektiven 03|10

Anmerkungen zu Filmen der "60. Internationalen Filmfestspiele in Berlin, 11. - 21. Februar 2010"

Berlinale
Kantel, Jörg

Die Berlinale, die an die 400 Filme zeigt, hat dieses Jahr auch eine vermehrte Nachfrage von Personen, die Rollstuhlplätze benötigen, zu verzeichnen. Ob das am Angebot von Filmen zum Thema Behinderung liegt? Wohl kaum, denn beispielsweise haben zwei junge behinderte Cineasten, die aus der Schweiz angereist sind, keinen Film mit Disability-Bezug angeschaut.

Im Folgenden einige Anmerkungen zu Filmen, in denen das Thema Behinderung oder Personen mit Behinderung vorkommen. Information zu den Filmen unter www.berlinale.de.

Caterpillar (Koji Wakamatsu, JP 2010)

Der Film Caterpillar, der im Wettbewerb läuft, das heißt, er ist einer der potentiellen Bären-Gewinner, ist ein bewegender Antikriegsfilm und erzählt die Geschichte des Kriegsheimkehrers Tadashi Kurokawa (Shima Onishi). Der nicht behinderte Schauspieler spielt eine Figur, der beide Arme und Beine fehlen, die sich sprachlich sehr schwer artikulieren kann und eine großflächige Verbrennungsnarbe im Gesicht hat.

So wird er nach dem Krieg, mit drei Kriegsverdienstorden als Kriegsheld in sein Dorf gebracht. Seine Frau Shigeko Kurokawa (Shinobu Terajim) rennt, nachdem sie ihn zum ersten Mal sieht, aus dem Haus und schreit verzweifelt: Das ist nicht mein Mann. Die anfängliche Verleugnung weicht einem aufeinander Zugehen.

Shigeko kocht für ihren Mann, füttert ihn, hat Sex mit ihm, will allerdings auch, dass er sich als Kriegsheld im Handwagen durch das Dorf führen lässt und sie zur Arbeit in die Reisfelder begleitet. Gegen dieses „Ausführen“ seiner Person wehrt sich Tadashi. Die Eheleute pendeln im Film zwischen Annäherung und Ablehnung, eine Besserung der Situation wird auf längere Sicht nicht erreicht.

Die Sexszenen, die den Film sehr stark und gut machen, werden bald zu Gewaltszenen und zu Belohnung und Bestrafung degradiert. Beide hören und reden aneinander vorbei, eine Kommunikation zwischen den beiden ist nicht mehr möglich. Der Film, fast ein Meisterwerk, wäre nur die Realität und Ausgestaltung der Behinderung besser gezeigt worden.

Nur einmal schreibt Tadashi Kurokawa mit seinem Mund auf ein Blatt Papier, viel zu selten für einen Film, der in einem Zeitraum von cirka fünf Jahren spielt. Ebenso ist der Schluss des Films ein grausamer, der Krieg ist aus, und der als „lebender Kriegsgott“ verehrte Tadashi Kurokawa, robbt sich zum Dorfteich, schaut im Teich sein eigenes Spiegelbild. Man phantasiert, dass der Protagonist sich wieder in die Augen sehen kann, aber es gibt keine Vergebung, keine Versöhnung, später sieht man seinen Leichnam im Wasser treiben.

Behinderung bleibt – wie im archaischen Weltbild – reduziert auf Strafe für eigenes Vergehen. Die anfangs im Films gestellten Fragen nach dem Wert des Lebens werden also recht eindeutig beantwortet. Der Regisseur sagte in der Pressekonferenz, er wollte zeigen, dass der Krieg auch zu Hause stattfindet und dass Frauen und Kinder im Krieg am meisten leiden.

Die behinderte Figur dient also auch in der Familie als ein „lebender Kriegsgott“, auf das Triebhaft-Aggressive reduziert, dem bei Kriegsende ein Leben abgesprochen wird.

Renn, wenn du kannst (Dietrich Brüggemann, D 2009)

Der Regisseur wird in der Ankündigung des Films auf www.berlinale.de so zitiert: „Zuneigung ist in unserer Welt eine Ware, die gehandelt wird. Welchen Wert habe ich selbst? Wie attraktiv bin ich? Für unseren Protagonisten stellen sich diese Fragen in der denkbar härtesten Form. Ich wollte der Frage nachgehen, ob man durch die Kraft der Ideen seine physischen Beschränkungen überwinden kann – eine Frage, die eng mit der Natur des Kinos verknüpft ist.“

Aha! Geht es in diesem Film darum die Behinderung zu überwinden, gar zu bekämpfen? Florian Seelmann aus Hamburg hatte Karten für einen Rollstuhlplatz ergattert und meinte, der Film sei sehr gut, er zeige die positive Entwicklung des Protagonisten Ben (Robert Gwisdek), der im Rollstuhl sitzt, auf.

Im Übrigen sei bei der anschließenden Podiumsdiskussion von einem engagierten Zuschauer die Frage aufgeworfen worden, warum für die Hauptrolle kein „echter“ rollstuhlfahrender Schauspieler zum Zug kam. Auch wurde die mangelnde Zugänglichkeit der Filmhochschulen für Personen mit Behinderung thematisiert. Ein Erfolg also.

Please Give (Nicole Holofcener, USA 2009)

Diese Komödie, im Wettbewerb außer Konkurrenz gezeigt, nimmt die Schuldgefühle und Charity-Leidenschaft einer Frau aufs Korn, die Designer-Mobiliar von Verlassenschaften billig aufkauft und teurer verkauft.

Sie gibt also den Obdachlosen Geld, versucht ihnen Essen anzudrehen und will ehrenamtlich bei einer guten Sache mitarbeiten. Sie spricht nun bei einer dieser Organisationen vor und wird in einer Einrichtung sogar den Jugendlichen als zukünftige Betreuerin vorgestellt.

Dabei trifft sie auf Personen mit Down-Syndrom, die in einer Halle Basketball spielen. Den Anblick dieser Personen hält die Protagonistin des Film allerdings nicht aus, sie wird gebeten, die Turnhalle zu verlassen und zieht sich heulend auf die Toilette zurück. Eine junge Frau mit Down-Syndrom fragt wiederholt, ob sie Hilfe bräuchte. Auch dieses Angebot lehnt die Protagonistin ab.

Damit bringt die Protagonistin zum Ausdruck, wie schwer ihr der Umgang mit Personen mit Down-Syndrom fällt. Die indirekte Herabwürdigung dieser Personengruppe macht jedenfalls die feinsinnige Komödie nicht besser.

Die Haushaltshilfe (Anna Hoffmann, D 2009)

Dieser Dokumentarfilm hat möglicherweise „Persönliche Assistenz“ zum Thema. Aus dem Berlinale Katalog: „Lore, die Hausherrin, sitzt im Rollstuhl und hat Schwierigkeiten, sich zu bewegen. Sonst strotzt sie vor Tatendrang. Im Haushalt hat sie die Zügel nach wie vor fest in der Hand. Ihr Mann Max kann zwar nicht mehr sprechen, beobachtet aber alles, was um sein Bett herum passiert. Es ist eine kleine Welt, der Lore vorsteht. Dass in dieses Idyll jetzt eine junge Slowakin eingedrungen ist, die Max und Lore pflegen und mit ihnen den Sommer verbringen soll, ist für Lore mehr als nur ein Wermutstropfen.“

Barrierefreiheit

Achtung! Barrierefreiheit ist nicht in allen Berlinale-Kinos gewährleistet.

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  • Nur eine kleine Korrektur zum Film „Renn, wenn du kannst“: bei der Podiumsdiskussion ging es nicht um die Zugänglichkeit der Filmhochschulen, sondern um die der Schauspielschulen.