Knochenleitkopfhörer – Spielzeug oder Hilfsmittel?

Schon seit Jahren hört Mensch immer wieder von der Nützlichkeit von Knochenleitkopfhörern. Aber wenige blinde Menschen hatten bis dato einen in der Hand oder im praktischen Einsatz.

Bebilderung: Ein menschliches Ohr, formatfüllend; Zwischen Schläfe und Ohrmuschel in etwa halber Höhe des Ohrs ein Kunststoffkörper; Der Kunststoffkörper ist länglich mit abgerundeten Ecken, etwa 1,5cm lang und halb so breit; Durch eine gut erkennbare Drucktaste auf seiner Oberfläche ist der Gegenstand als elektronisches Gerät erkennbar; Am oberen Ende verschwindet ein dünner Fortsatz hinter der Ohrmuschel; Hinter dem Ohr geht das Gerät weiter; Ein dünner Fortsatz verschwindet am rechten Bildrand.
Jürgen Schwingshandl

So ging es auch mir bis vor ein paar Wochen. Dann habe ich mir einen zugelegt und möchte euch an meiner Erfahrung teilhaben lassen.

Die Auswahl

Die meisten Kritiken im Netz beziehen sich nicht auf die Bedürfnisse, die speziell blinde Menschen haben, sondern eher auf Klangqualität, Aussehen oder ähnliche Nebensächlichkeiten. Einschlägige Hilfsmittelfirmen wiederum neigen dazu, die angebotenen Produkte unter fantasievollen Namen anzubieten, damit niemand auf die Idee kommt, Preise vergleichen zu wollen.

Das im Folgenden beschriebene Modell habe ich also mehr oder minder im Blindflug erworben und bin damit leidlich zufrieden. Die genaue Produktbezeichnung lässt sich dem Text entnehmen, ich vermeide aber, sie zu sehr herauszustellen, weil ich keinesfalls Werbung dafür machen oder genau dieses Produkt kritisieren möchte.

Beschreibung des Knochenleitkopfhörers

Sehende Menschen können diesen Abschnitt gerne überspringen. Ihr seht es ja schließlich am Foto. Ihr könnt ihn aber auch lesen, weil es ja auch spannend sein kann, wie ein Produkt in einem Online-Shop so beschrieben werden könnte, dass auch blinde Menschen es gerne kaufen würden.

Überblick

Das Gerät fühlt sich zunächst an wie ein üblicher Kopfhörer mit Nackenbügel. Auffällig ist jedoch, dass die Schallkörper an den Enden außergewöhnlich groß sind und sich nicht in der Stellung oder Position befinden, wie Mensch das von solchen Kopfhörern gewohnt ist.

Liegt das Gerät frei auf dem Tisch, so wird es vom Nackenbügel so weit zusammengezogen, dass sich die beiden Ohrenbügel überkreuzen und die Schallkörper sich fast berühren. Zieht Mensch es auseinander, so ergibt sich die Abfolge:

  • linker Schallkörper,
  • linker Ohrenbügel,
  • linke Gehäusekapsel,
  • Nackenbügel,
  • rechte Gehäusekapsel,
  • rechter Ohrenbügel und
  • rechter Schallkörper

Um das Gerät anzulegen, führt Mensch es von hinten um den Hinterkopf und legt die Ohrenbügel über die Ohrmuscheln. Die Schallkörper kommen damit vor den Ohrmuscheln, in etwa auf deren halber Höhe zu liegen. Die Gehäusekapseln befinden sich hinter den Ohrmuscheln. Für die weitere Beschreibung wird davon ausgegangen, dass das Gerät in dieser Weise angelegt ist.

Bedienelemente

Der AfterShokz Aeropex Open Ear verfügt über 3 leichtgängige Tasten mit fühlbarem Druckpunkt und dem Ladeanschluss. Die Tasten sind etwas gewöhnungsbedürftig über verschiedene Teile des Gerätes verteilt, aber gut zu erreichen.

Start/Stopp

Die Start- / Stopptaste ist an der Außenseite des linken Schallkörpers angebracht. Sie ist etwa einen Zentimeter lang und etwa halb so breit. Da sie etwas gegen die Oberfläche des Schallkörpers erhoben ist, ist sie leicht zu finden.

Laut/Leise

Die Tasten für die Lautstärkeregelung befinden sich an der Unterseite der rechten Gerätekapsel hintereinander. Da die Unterseite der Gerätekapsel recht schmal ist, sind sie nicht so leicht zu fühlen wie die Start- / Stopptaste. Außerdem sind sie mechanisch zu einer Art Wippe verbunden.

Das hintere Ende der Wippe ist mit einem Minuszeichen gekennzeichnet und das vordere mit einem Pluszeichen und dem Zeichen für Ein/Aus. Diese Markierungen sind allerdings so klein, dass sie durch Fühlen kaum zu lesen sind. Ihre Fühlbarkeit reicht allerdings aus, um das vordere bzw. hintere Ende zu ertasten.

Langes Drücken des vorderen Endes der Wippe schaltet das Gerät ein bzw. aus. Ein kurzer Druck sorgt während des Betriebs für die Erhöhung der Lautstärke. Das hintere Ende der Wippe vermindert die Lautstärke.

Ladeanschluss

Der Anschluss für das Ladekabel befindet sich ebenfalls an der Unterseite der rechten Gerätekapsel; hinter der Wipptaste für die Lautstärke. Es handelt sich um einen proprietären Anschluss mit magnetischer Arretierung, der nur für das mitgelieferte Ladekabel geeignet ist. Im angeschlossenen Zustand läuft das Kabel parallel zum Nackenbügel.

Das erste Mal

Die Kopplung mit dem Handy oder PC verläuft wie üblich und wird hier nicht weiter beschrieben. Da unsereiner auf ein Bildschirmleseprogramm angewiesen ist, ist der erste Eindruck der, der gewählten Sprachausgabe.

Im ersten Moment war es zugegebenermaßen schon komisch. Instinktiv wollte ich mir die Fliege aus den nicht vorhandenen Koteletten wischen, aber ich konnte mich nicht entscheiden, ob ich die links oder rechts zuerst vertreiben sollte, weil ich ja in einer Hand das Handy hatte. Dieser seltsame Eindruck hat sich aber binnen Minuten verflüchtigt und tritt jetzt nicht mehr auf, außer ich stelle die Lautstärke viel zu hoch ein.

Im Alltag

Im Gegensatz zu den vorher verwendeten Kopfhörerbrillen hat sich der Aeropex rasch zum alltäglichen Hilfsmittel entwickelt. Er verfügt über eine hinreichende Akkulaufzeit, ist bequem zu tragen, offensichtlich robust gegen Bedienung mit nassen Fingern beim Geschirr waschen und hat für mich eine völlig ausreichende Klangqualität fürs Musikhören.

Aus eigenem Eindruck kann ich noch Nichts über seine Langlebigkeit sagen. Wegen schlechter diesbezüglicher Erfahrungen bei früheren Testkäufen habe ich mir aber etliche Kritiken und Testberichte durchgelesen und bin auf keine entsprechenden Warnungen gestoßen.

Ein paar Schlaglichter

  • Außenhörbarkeit: Bei der für mich passenden Lautstärke, ist das von mir Gehörte in der Umgebung eher weniger zu hören, als bei anderen Kopfhörern. Es sei denn, das Gerät liegt auf einer Tischplatte, die als Resonanzboden dienen kann.
  • Transport: Jeder Kopfhörer mit Nackenbügel und ohne Klappmechanismus verbraucht einen gewissen Platz. Aber das Gerät wohnt seit Wochen ohne Schutzhülle in meiner Bauchtasche zwischen Portemonnaie, Handdesinfektion und Handy, ohne dass es irgendwelche Abnützungserscheinungen zeigt. Es besitzt ja auch keine Öffnungen, in denen sich allfällige Krümel verkrümeln könnten.
  • Gesprächsqualität: Ich selbst habe keinerlei Schwierigkeiten, mein Gegenüber zu verstehen. Vereinzelt gibt es Beschwerden des Gegenübers, was meine Verständlichkeit angeht, aber die gibt es ja immer, wenn Mensch Headset verwendet, sodass ich nichts Negatives sagen kann.

Tragekomfort: Gelegentlich vergesse ich, den Kopfhörer abzunehmen und wundere mich dann irgendwann beim Anlegen der FFP2-Maske oder beim Haare zurückstreichen, dass er noch da ist.

Einsatz mit dem Navi

Obwohl Hörbuch hören beim Geschirr waschen nicht zu verachten ist, war der eigentliche Zweck des Kaufs der Einsatz des Gerätes zusammen mit dem Navi. Hier gibt es einen großen Vorteil und einen störenden Nachteil.

Der große Vorteil

Endlich gibt es ein Gerät, das zuverlässig ist, fest am Körper sitzt, eine gute Verständlichkeit gewährt und die Wahrnehmung der Umgebung in keiner Weise einschränkt.

Der störende Nachteil

Viele Navis – z.B. Google Maps – geben ihre Navigationsanweisungen in der Form „Rechts abbiegen in Hauptstraße“ aus.

Gab es für längere Zeit keine Ausgabe über den Kopfhörer, so ist dieser in den Energiesparmodus gegangen und das erste Wort – im vorliegenden Fall „rechts“ – wird nicht ausgegeben. Somit ist zwar klar, dass ich abbiegen soll, aber nicht in welche Richtung.

Dies lässt sich weder durch einen Blick ins Handbuch, noch via Kontakt mit dem Support verhindern. Ein echtes Problem, das den Hersteller (natürlich) nicht interessiert.

Das ließe sich auch Navi-seitig beheben, indem nach längerer Inaktivität der Sprachausgabe ein Piepton vorangestellt oder auch nur die Lokalisierung auf „Abbiegen rechts in Hauptstraße“ geändert würde. Aber (natürlich) hat Google auf einen entsprechenden Vorschlag ebenfalls nicht reagiert. Möglicherweise auch deshalb, weil es in anderen Sprachen nicht auftaucht, sobald die Anweisung „Turn right into mainstreet“ lauten würde, gäbe es das Problem nicht.

Ein Lichtblick

Abgesehen von vielen anderen Verbesserungen, die die App mit sich bringen könnte, würde genau dieses Problem mit WaveOut nicht auftreten, weil ja während der laufenden Routenführung ständig ein Orientierungsgeräusch zu hören ist. Bleibt also nur noch zu hoffen, dass es die Android-Version davon bald gibt und dass ihre Routenführung was taugt. Dann könnte WaveOut das erste extra für blinde Menschen gemachte Navi seit WayfinderAccess werden, das ich wirklich nützlich finde.

Schluss

Ein Knochenleitkopfhörer ist ein exzellentes Hilfsmittel für die Verwendung eines Bildschirmleseprogramms und/oder eines Navis.

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2 Kommentare

  • Derartige Kopfhörer nutze ich schon seit einiger Zeit, weil auch kein Druck auf die Ohrmuschel und aufs Ohrinnere ausgeübt wird.
    Sind mir auch beim Brillentragen nicht hinderlich.
    Ich schätze sie sehr!

    • Danke!