Kritische Reaktionen zur Stolberger Veranstaltung

Betroffene im In- und Ausland haben mit Kritik und Skepsis auf das am 31. August 2012 in Stolberg eingeweihte erste Denkmal für die Contergan-Opfer und die aus diesem Anlass vorgebrachte Entschuldigung des Pharmaunternehmens Grünenthal reagiert.

Contergan
Grünenthal

„Vom Saulus zum Paulus?“, überschrieb der Bundesverband Contergangeschädigter seine Pressemitteilung zur Entschuldigung des Contergan-Herstellers. Der Verband begrüßt die menschliche Geste in der Rede von Geschäftsführer Harald Stock. Jetzt müssten den guten Worten auch gute Taten folgen. „Nur sie entscheiden darüber, ob es das Verursacher-Unternehmen wirklich ernst meint.“

Das Wort „Entschuldigung“ erscheint lediglich ein einziges Mal, stellte der Verband heraus: im Zusammenhang mit dem Hinweis, es 50 Jahre verabsäumt zu haben, auf die Betroffenen zuzugehen. Im Zusammenhang mit der Ursache des Contergan-Skandals fällt das Wort jedoch nicht.

„Damit entfaltet die jetzt geäußerte Entschuldigung ihren zweiten, versteckten Wortsinn: Das Unternehmen exkulpiert sich, spricht sich von jeglicher Schuld frei. Business as usual, die Rede verbleibt im Rahmen dessen, was die Betroffenen seit vielen Jahren kennen“, heißt es weiter in der Pressemitteilung.

Dr. Stock habe in seiner Rede mit Angeboten aufgewartet, die auf die allgemeine Öffentlichkeit überraschend wirken, in Wirklichkeit aber altbewährte Instrumente aus dem Werkzeugkasten der firmeneigenen PR-Abteilung sind.

„Die Wandlung vom Saulus zum Paulus“, so Pressesprecherin Ilonka Stebritz, „ist, wenn sie sich als nachhaltig entpuppt, von unserer Seite nur zu begrüßen. Aber es sind die Taten, die darüber entscheiden, nicht die Worte.“

Der Bund Contergangeschädigter und Grünenthalopfer e.V. hat dem Grünenthal-Geschäftsführer vorgeworfen, die Öffentlichkeit „mit einem falschen Denkmal und einer angeblichen Entschuldigung für den Conterganskandal“ zu täuschen. Stock habe im Namen der Grünenthaleigentümer-Familie Wirtz nur um Entschuldigung dafür gebeten, dass sich Grünenthal über 50 Jahre lang geweigert habe, einen Weg „von Mensch zu Mensch“ zu den Conterganopfern zu finden und man anstatt dessen geschwiegen habe.

„Natürlich hat Herr Dr. Hermann Wirtz sen. jeden Weg von ‚Mensch zu Mensch‘ verlassen, als er zusammen mit anderen Verantwortlichen aus dem Unternehmen Grünenthal aus reiner Gewinnsucht 1957 bis 1961 durch die Markteinführung und Marktbeibehaltung von Contergan unsere Gesundheitsschäden verursachte. Tatsächlich kann man auch überhaupt keinen Weg von ‚Mensch zu Mensch‘ darin sehen, dass die heutigen Mitgesellschafter und damaligen Geschäftsführer der Firma Grünenthal, Michael Wirtz und Dr. Franz Wirtz, in den siebziger Jahren die Errichtung eines Gesetzes mit initiierten, durch das wir hinsichtlich unserer Schadensersatzansprüche entrechtet wurden. Richtig ist auch, dass Grünenthal und der gesamte Familien-Clan Wirtz von damals bis heute anstatt dessen über all das geschwiegen hat“, so Verbandsvorsitzender Andreas Meyer.

Dass man nunmehr sich für 50 Jahre mangelnde Gesprächsbereitschaft entschuldige, sei reine Heuchelei.

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2 Kommentare

  • Ich habe gerade die großartige Dokumentation: No limits- The Thalimidone Saga von John Zaritsky gesehen. Der Gipfel der Heuchelei der Familie Grünenthal ist, dass sie ihren Geschäftsführer vor die Presse schickte mit der Aussage: Wir bitten Sie innig, unsere lange Sprachlosigkeit als Zeichen der stummen Erschütterung zu sehen, die Ihr Schicksal bei uns bewirkt hat. Sie waren so erschüttert, dass sie das Mittel weiter verkauften und dadurch verursachten, dass noch Tausende mehr Kinder ohne Arme oder Beine geboren wurden. Und sie waren so erschüttert, dass sie den deutschen Opfern erst dann eine Kompensation gezahlt haben, als der Image-Schaden und damit womöglich finanzielle Einbußen zu groß zu werden drohten. Und dann haben sie den Opfern eine Knebel-Vereinbarung aufgezwungen, die die Opfer annehmen mussten, weil sie befürchten mussten, sonst gar nichts zu bekommen. Und sie waren so erschüttert, dass sie den ausländischen Opfern bis zur Fertigstellung des Films 2016 ( also vier Jahre nach der salbungsvollen Rede) keinen Cent Kompensation gezahlt haben und danach meines Wissens auch nicht. Die neueren Grünenthal-Generationen sind offensichtlich nicht besser als die alte, sonst würde sie mit dem ererbten Geld und den Einnahmen aus der ererbten Fabrik endlich umfassende
    Wiedergutmaching leisten.
    Mich würde wirklich interessieren, was diese Leute fühlen, wenn sie den Film von John Zaritsky sehen.
    Aber wahrscheinlich belasten sie sich nicht mit sowas.

  • Ich denke, Grünenthal-Chef Stock sollte sich nun auch offiziell bei den Steuerzahlern dafür entschuldigen, dass diese alle Kosten des Conterganskandals tragen mussten, während die Gewinne Grünenthals in den letzten 50 Jahren nur den Unternehmenseigentümern zugute kamen. Bewundernswert und vorbildhaft finde ich übrigens, wie schwerbehinderte Conterganopfer für ihr Recht auf Würde kämpfen.