Landau: „Ein großer Papst ist heimgegangen“

Papst Johannes Paul II. hat die Kirche, aber auch die Welt in den vergangenen 26 Jahren entscheidend geprägt. Was sprach der selbst behinderte Papst zum Thema Behinderung? Versuch einer Annäherung.

Flagge Vatikan
BIZEPS

„Ein historisches Pontifikat ist zu Ende gegangen. Papst Johannes Paul II. hat die Kirche, aber auch die Welt in den vergangenen 26 Jahren entscheidend geprägt. Sein Einsatz für soziale Gerechtigkeit, Solidarität und die Würde des Menschen, aber auch sein politisches Bewusstsein für notwendige Schritte – besonders im Blick auf den Holocaust, die Geschichte Israels, aber auch das Bewusstsein der historischen Schuld der Kirche -, all das ist bleibendes Erbe!“, würdigt der Wiener Caritasdirektor Michael Landau Person und Wirken des verstorbenen Papstes.

Die Medien sind voll mit Bewertungen seines Wirkens und die Auswirkungen auf die Zukunft der katholischen Kirche. Welchen Einfluss hat Papst Johannes Paul II. auf das Bild behinderter Menschen im Alltag durch sein Wirken und seine eigene Behinderung genommen? Eine nicht eindimensional zu beantwortende Frage, der man sich bestenfalls annähern kann.

Behinderung war für Papst kein Rücktrittsgrund
Auch wenn häufig Kritik an seiner Vorgehensweise laut wurde, ließ er sich nicht beirren. In seiner fortschreitenden Behinderung (Parkinson) sah er bis zuletzt keinen Grund zurückzutreten. Er arbeitete – in den Grenzen seiner Möglichkeiten und mit vollem Einsatz – weiter für die katholische Kirche. Viele nichtbehinderte Menschen konnten und wollten nicht verstehen, warum er die übernommene Aufgabe weiterführte. Sie trauten ihm als stark behinderten Menschen die Erfüllung seiner Tätigkeiten nicht mehr zu und konnten den Anblick kaum ertragen.

Der Papst hat einen Rücktritt wegen seiner körperlichen Beeinträchtigungen abgelehnt und allen klar gemacht, dass man auch mit fortschreitenden Einschränkungen weiter leben und wirken kann. Er stand zu seiner Entscheidung und konfrontierte damit Millionen Menschen mit dem aktiven Auseinandersetzen mit Behinderung in der Gesellschaft.

„Der Weltöffentlichkeit ist jetzt bekannt geworden, dass es sich bei Morbus Parkinson um eine körperliche Behinderung handelt und Geist, Kreativität, Intelligenz und Tatkraft nicht gemindert sind“, würdigte Jennrich-Gügel, Präsident der deutsche Parkinson-Hilfe, das Wirken des Papstes.

Öffentliches Auftreten und Zeichensetzung des Papstes
Aufgrund seiner Behinderung konnte er nicht mehr gehen und saß zuletzt im Rollstuhl. Doch sein Rollstuhl wurde versteckt und war als solcher kaum mehr zu erkennen, weil er meist ein pompöses rollendes Podest war. Hier ist eine Parallele zum früheren Präsidenten der USA, Franklin D. Roosevelt, der in der Öffentlichkeit meist sitzend gezeigt wurde. Erst Jahrzehnte nach seinem Tod wurde ein realitätsgetreues Denkmal errichtet.

Doch auch kritische Anmerkungen zur kirchlichen Behindertenpolitik des Papstes und seiner demonstrativen Zeichensetzung – z. B. anlässlich einer Übernachtung in einem Behindertenheim – wurden laut: „Der Papst könnte einiges bewegen„.

Papst hat Wert des Lebens stets betont
In einem Schreiben des Papstes vom 19. Februar 2005 an Bischof Sgreccia meinte er: Die Würde und Eigenschaft der Person „bleibt in jedem Augenblick des Lebens bestehen, vom Augenblick der Empfängnis bis zum natürlichen Tod. Daher muss die menschliche Person in jedem Zustand – auch in Gesundheit, Krankheit und Behinderung – geachtet werden“.

Diese Zeilen sind beispielhaft für seinen Kampf für Menschenwürde. Häufig nahm er lautstark Stellung, wenn es um Lebensrecht („Papst-Appell gegen Legalisierung von Euthanasie„) oder die Würde des Menschen ging. Die Vorfälle um Terri Schiavo, der Wachkoma-Patientin in den USA, die durch Entzug der Nahrungs- und Flüssigkeitszufuhr starb, nannte der Vatikan daher „Mord“.

„Die kontrollierbare, steuerbare, ewig heilbare Welt, die uns die Medien zwecks Konsumförderung täglich vorgaukeln, funktioniert nur scheinbar, weil und so lange wir Sterbende, Kranke und Behinderte aus unserem Gesichtsfeld verdrängen; abschieben ‚zu ihrem eigenen Wohl‘ in Gettos wo sie – ästhetisch verpackt in medizinisches Brimborium – verrecken können so lange und langsam sie wollen. Es kräht ohnehin kein Hahn danach. Ich meine, wir dürfen dem Papst und Terri Schiavo dankbar sein, dafür, dass sie dieses Tabu durchbrechen – der Papst wohl ganz bewusst, Terri auch dazu ungefragt missbraucht“, meint dazu Peter Wehrli vom Schweizer Zentrum für Selbstbestimmtes Leben.

Bild von behinderten Menschen im Umbruch?
„Mit seinem unermüdlichen Einsatz als schwer kranker Mensch hat er ein wichtiges persönliches Zeugnis gegeben, dass kranke und behinderte Menschen nicht ins Eck gestellt werden dürfen, sondern einen gleichberechtigten Platz in der Gesellschaft haben müssen“, hält Richard Schadauer, Bundesvorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Christentum und Sozialdemokratie, fest.

So eindeutig und nachhaltig für die Gleichberechtigung behinderter Menschen ist der Einsatz der katholischen Kirche bisher leider nicht gewesen. Bei einer kürzlich durchgeführten Zitatsuche von katholischen Würdenträgern (Thema: Wortmeldung im Sinne der Gleichstellung behinderter Menschen in der Gesellschaft) war das Ergebnis höchst ernüchternd; positive Ausnahme der Wiener Caritasdirektor Landau. Es gibt kaum dezidierte Stellungnahmen und Forderungen höchster Kirchenvertreter in der katholischen Kirche zum Thema Gleichstellung behinderter Menschen. (Hier eine Ausnahme: „Botschaft von Johannes Paul II. an die Teilnehmer des internationalen Symposions ‚Würde und Rechte geistig behinderter Menschen‘ am 5. Jänner 2004“)

Dies ist umso erstaunlicher, da mit Papst Johannes Paul II. selbst ein behinderter Mensch an der Spitze dieser Organisation stand. Woran liegt es, dass die katholische Kirche zwar vehement für das Lebensrecht, aber nur sehr selten für Gleichstellung behinderter Menschen eintritt? Ist das Menschenbild der katholischen Würdenträger noch mehrheitlich von Versorgung und Mitleid, statt von Selbstbestimmung und Gleichstellung behinderter Menschen geprägt oder befindet sich die katholische Kirche gerade im Umbruch? Einiges deutet darauf hin, wenn z.B. Kardinal Dr. Christoph Schönborn sich einerseits gegen „Rasterfahndung im Mutterleib“ ausspricht, aber andererseits auch ankündigt, dass bei Kirchenrenovierungen in letzter Zeit auf einen barrierefreien Zugang geachtet wird.

Ein großer Papst ist heimgegangen
Am 2. April 2005 verstarb Papst Johannes Paul II. um 21.37 Uhr. Der Wiener Caritasdirektor Landau äußerte sich folgendermaßen: „Das öffentliche Leiden und letztlich auch Sterben des Papstes hat viele Menschen irritiert, verunsichert. Eine endgültige Bewertung fällt hier schwer. Zwei Aspekte scheinen mir aber hier wichtig zu betonen. Erstens die Treue zu einer übernommenen Aufgabe. Johannes Paul II. hat sich der übernommenen Aufgabe gestellt, bis zum Ende. Zweitens, das Zeichen, ‚ich lebe auch im Leiden, auch im Sterben‘, ist ein Wegzeichen für eine Welt, in der der Tod, das Leid, Schmerzen verdrängt und weggeschoben werden. Und das hat täglich millionenfach Konsequenzen für Menschen, die ‚aus der Welt hinaus- und abgeschoben werden‘. So gesehen war diese letzte Botschaft des Papstes – im Sinne von ‚ich lebe, auch im Leiden, auch mit Schmerzen, auch im Sterben‘ – wohl die persönlichste für jeden Menschen. Ein großer Papst ist heimgegangen. In dieser Stunde des Abschieds verbindet uns ein ‚Danke‘ und das Gebet.“

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0 Kommentare

  • Ich schliesse mich der Meinung von Joe an! Abgesehen davon kann man den Papstes ja wohl nur zu Beginn seiner Erkrankung als „behindert“ bezeichnen; alles, was uns in den letzten Monaten via Medienberichterstattung präsentiert wurde, waren die Bilder eines sterbenden Menschens. Ich kann nichts Positives dran finden, wenn man dem Sterben seine Würde und Intimität nimmt, indem man es derart öffentlich macht. Das hat nichts mit positiv verstandener Sterbebegleitung zu tun, das war der wahrhaft letzte Akt im PR Plan des Pontifex.
    Aber die Kirche hätte jetzt die Chance, für ALLE Gläubigen dieser Welt ein Zeichen zu setzen, indem z.B. der nächste Papst aus einem lateinamerikanischen oder schwarzafrikanischen Land ist!

  • Ich bin weniger begeistert vom kürzlich verstorbenen Papst: Er hat die Befreiungsthologie in Lateinamerika im Stich gelassen, er hat in der Homosexualität ein Übel gesehen, er hat durch das Verbot von Kondomen die Aidsbekämpfung erschwert, er hat im Alleingang seine Bischöfe ernannt … Die jetzt so begeistert sind von ihm, sollten einmal konsequent versuchen, nach seinen Wertvorstellungen zu leben! Das würde zu einer nüchterneren Einschätzung seiner Person führen, meine ich.

  • Ein bisschen sollte man das schon alles relativieren. Glaubt denn jemand ernsthaft, sie hätten ihn auch zum Papst gewählt, wenn er damals schon behindert gewesen wäre? (Analoges gilt übrigens für den gerne vorgezeigten Reithofer von der Wienerberger.) Wurde jemals ein Kardinal, Bischof oder auch nur Pfarrer ernannt, der zu DEM Zeitpunkt behindert war? Mir ist keiner bekannt.

    Sein langes Ausharren im Amt ist in Zeiten aberwitziger neoliberaler Fantasien von Arbeiten bis 70 auch ein zweischneidiges Signal. Ich finde, dass jemand mit Parkinson durchaus das Recht (wenn auch natürlich nicht die Pflicht!) haben sollte, vorzeitig in Pension zu gehen.

    Von dem was seine Freundschaft zu brutalsten Diktatoren (Pinochet) oder sein erzreaktionärer Obskurantismus (Empfängnisverhütung, …) sonst an millionenfachem Leid angerichtet haben, ganz zu schweigen.

  • Ein Mensch mit Behinderung war unser Hirte. Sein Beispiel gibt Hoffnung!