Langsame Umsetzung der Barrierefreiheit: Wien und die Niederflurstraßenbahnen

Die Tatsache, dass immer noch über 110 Hochflurfahrzeuge auf Wiens Straßen unterwegs sind, zeigt, dass die Umsetzung der Barrierefreiheit im öffentlichen Nahverkehr nur schleppend vorankommt. 6 Gründe, warum in Wien noch immer Straßenbahnen mit Stufen in Betrieb sind. Eine Chronologie des Scheiterns.

Alte Straßenbahn (E2), Flexity und ULF in Wien
Wiener Linien / Manfred Helmer

In Wien werden seit beinahe 30 Jahren nur noch Niederflurstraßenbahnen angeschafft, um das öffentliche Verkehrsnetz barrierefrei zu gestalten. Dennoch sind nach beinahe 30 Jahren immer noch viele Hochflurfahrzeuge (Straßenbahnen mit Stufen) im Einsatz, die den Zugang für Menschen mit eingeschränkter Mobilität erschweren bzw. verunmöglichen. 

BIZEPS fragte nach, ab wann laut derzeitigen Planungen in Wien keine Hochflurstraßenbahnen mehr fahren werden. Im Februar 2023 sah der Bestand der Wiener Straßenbahnen laut Andrea Zefferer, Pressesprecherin der Wiener Linien, wie folgt aus:

Fahrzeug Art Stück Prozent
E2 Hochflurstraßenbahn mit Stufen 116 23,7 %
ULF Niederflurstraßenbahn 332 67,9 %
Flexity Niederflurstraßenbahn 41 8,4 %

Beinahe jede vierte Straßenbahn hat also noch Stufen. Doch warum ist der Tausch der Straßenbahnen in Wien – im Gegensatz zu anderen Städten so extrem langsam vorangekommen? Es gibt dafür mehrere Gründe.

Grund 1: ULF machte sehr viele Probleme

Ein Faktor, der die Umsetzung der Barrierefreiheit in Wien erschwert hat, sind die technischen Schwierigkeiten, mit denen man bei der Niederflurstraßenbahn ULF (Ultra Low Floor) konfrontiert wurde. Dieses in Wien entwickelte und ab 1995 eingesetzte Modell sollte ursprünglich eine zügige Ablösung der Hochflurfahrzeuge ermöglichen.

Allerdings hat der ULF im Laufe der Jahre immer wieder mit massiven technischen Problemen zu kämpfen gehabt, die nicht nur zu Verzögerungen bei der Umstellung des Fuhrparks geführt, sondern auch das Vertrauen in die Zuverlässigkeit und Effizienz dieser Fahrzeuge erschüttert haben. Daher wurden die Absenkung sowie die automatischen Rampen ausgebaut und durch Klapprampen ersetzt.

Das Wiener Kontrollamt hat festgestellt, dass teilweise 25 % der Fahrzeuge in der Werkstätte waren. Die Situation wurde im Laufe der Zeit weniger schlimm. Das Fahrzeug ULF wurde fast ausschließlich nach Wien geliefert, weil – außer einer Stadt in Rumänien – sich niemand dieses Fahrzeug antun wollte. Der letzte ULF wurde 2017 an Wien übergeben.

Arbeiten an einem Ulf in der Hauptwerkstätte Simmering
Wiener Linien / Manfred Helmer

Grund 2: Wegen Cross-Border-Leasing mussten alte Straßenbahnen weiter benutzt werden

Ein wenig beachteter Punkt ist ein Cross-Border-Leasing Geschäft, das Wien mit Vertragspartner in den USA abgeschlossen hat. Es wurden im Jahr 1998 und 1999 in Summe 122 Straßenbahntriebwagen der Baureihe E2 verleast.

„Nach 30 Jahren im Dauereinsatz müssten die E2 eigentlich durch moderne Niederflurfahrzeuge ersetzt werden. Die Leasingverträge aber zwingen die Wiener Linien, die Züge noch viele Jahre in Betrieb zu halten.“ Die Verträge laufen bis 2025 und 2030, „der Ausstieg aus den Verträgen (early buy out) ist frühestens 2018 oder 2022 möglich“, ist einem Profil-Artikel aus dem Jahr 2008 zu entnehmen.

Nachdem in den USA die US-Steuerbehörden solche Geschäfte im Laufe der Zeit als rechtswidrige Scheingeschäfte einstuften, wurden sie verboten. Auch Wien zog sich aus diesen Geschäften zurück.

Grund 3: Kein Niederflur-Mittelteil gewollt

In Wien ist immer abgelehnt worden, dass alte Straßenbahngarnituren mit einem barrierefreien Einstieg bzw. einem Niederflurteil nachgerüstet werden.

Ganz anders agierte beispielsweise Graz ab dem Jahr 1999. Hier wurden damit um wenig Aufwand viele Jahre Zugänge zu alten Straßenbahnen geschaffen. Viele Garnituren hätten so in Wien schon mehr als 20 Jahre lang barrierefrei nutzbar sein können.

Niederflurteil einer Straßenbahn der Graz Linien
BIZEPS

Grund 4: Niemand wollte mehr Straßenbahnen mit Stufen kaufen

Der ULF ersetzte teilweise alte Straßenbahnen mit Stufen. Die Wiener Linien verkauften diese anfangs an andere Verkehrsbetriebe im Ausland; beispielsweise an die Städte Krakau (Polen), Utrecht (Niederlande) und Miskolc (Ungarn), berichtete der Standard. Manche wurden auch verschenkt.

Doch auch diese Zeiten waren schnell vorbei. Keine Stadt kauft mehr völlig veralterte Hochflurstraßenbahnen. Daher wurden sie in Wien einfach weiterverwendet. Die alten Straßenbahnen des Typs E1 mit zahlreichen Stufen (gebaut zwischen 1966 und 1976) sollten eigentlich „nur“ bis ins Jahr 2017 in Betrieb sein; doch es wurde daraus Juli 2022. Sie wurden benutzt, bis sie nur mehr verschrottet werden konnten.

Ausgemusterte Straßenbahn der Wiener Linien wird verschrottet
Wiener Linien / Thomas Jantzen

Grund 5: Ausbau des Netzes

Ein weiter Grund für die Verzögerung des gänzlichen Austauschs der alten Straßenbahnen mit Stufen war auch der Umstand, dass immer wieder neue Linien eröffnet werden. Dies ist grundsätzlich positiv, weil das öffentliche Netz noch dichter wird. Allerdings benötigt es dafür auch Straßenbahnen.

Jüngste Beispiele von geplanten Netzerweiterungen sind die Linien 12 und 18.

Grund 6: Lieferschwierigkeiten bei FLEXITY

Weil es so viele Probleme mit dem ULF gegeben hat, wurde eine neue Ausschreibung für eine Nachfolgestraßenbahn gestartet. Dieser Prozess hat sehr lange gedauert und schlussendlich gewann FLEXITY von Bombardier (heute Alstom).

Obwohl die Wiener Linien in den kommenden Jahren rund 30 neue FLEXITY-Niederflurstraßenbahnen jährlich ausliefern wollen, bleibt die Frage, warum die vollständige Umsetzung der Barrierefreiheit so lange dauert.

Die Wiener Linien haben angekündigt, dass bis 2026 insgesamt 119 bis 156 FLEXITY-Niederflurstraßenbahnen im 22. Bezirk produziert und ausgeliefert werden sollen. Die Produktion dieser barrierefreien Fahrzeuge stockte allerdings immer wieder, was zu Verzögerungen bei der Umsetzung der Barrierefreiheit geführt hat. (Teilweise war der Anbieter schon 30 Fahrzeuge hinter Produktionsziel; was einer Jahresproduktion entspricht).

„Wir tauschen die Hochflurstraßenbahn erst dann aus, wenn wirklich ein Flexity geliefert wurde. Also die Barrierefreiheit leidet natürlich darunter“, sagte Wiener-Linien-Sprecherin Barbara Pertl.

Frist immer wieder verschoben

BIZEPS hat in den letzten Jahren unterschiedliche Informationen erhalten, wann endlich auch in Wien keine Hochflurfahrzeuge mehr unterwegs sein sollen. Beispielsweise wurde im Jahr 2014 angekündigt, dass im Jahr 2025 keine Hochflurfahrzeuge mehr im Betrieb sein werden, doch dieser Zeitpunkt gilt schon lange nicht mehr.

„Bis 2025 werden 119 Flexity-Straßenbahnen die älteren Hochflurstraßenbahnen ersetzen. Auch danach werden einzelne Hochflurmodelle noch ein paar Jahre im Netz unterwegs sein. Wie lange genau, hängt von einigen Faktoren wie etwa Netzerweiterungen oder etwaigen Liefer- bzw. Materialengpässen ab“, hält Andrea Zefferer, Pressesprecherin der Wiener Linien fest.

Was „ein paar Jahre“ angesichts der Lieferproblem und Netzerweiterungen genau bedeutet, traute sich trotz mehrfacher BIZEPS-Nachfrage bei den Wiener Linien niemand zu schätzen. Man hoffe aber, die Lieferprobleme in den Griff zu bekommen.

Die langsame Umsetzung wirft Fragen auf

Warum wurden die Hochflurfahrzeuge nicht schneller durch Niederflurstraßenbahnen ersetzt? Liegt es an fehlenden Ressourcen, mangelnder politischer Unterstützung oder an organisatorischen Problemen innerhalb der Wiener Linien?

Die vollständige Barrierefreiheit im öffentlichen Nahverkehr Wiens ist für viele Menschen mit eingeschränkter Mobilität von großer Bedeutung. Die langsame Umsetzung und die anhaltende Präsenz von Hochflurfahrzeugen zeigen jedoch, dass noch viel getan werden muss, um dieses Ziel zu erreichen.

Die Wiener Linien, die Politik und die Stadt Wien müssen sich stärker für die schnelle Umsetzung der Barrierefreiheit einsetzen, damit alle Bürger:innen gleichermaßen am öffentlichen Leben teilhaben können.

Es ist enttäuschend, dass die oben genannten 6 Gründe dazu führten, dass in Wien beinahe 30 Jahre nach Einführung der Niederflurstraßenbahn noch immer Hochflurstraßenbahnen mit Stufen in Betrieb sind.

alte Straßenbahn E2 mit Stufen in Wien
Wiener Linien / Manfred Helmer
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4 Kommentare

  • Man sollte froh darum sein, dass die alten Modelle wie der E2 so stabil und langlebig sind.
    Aus Gründen der Laufruhe und der stabilen Bauweise wäre es sogar eher glaubhaft, dass diese Wagen älter werden als es der ULF jemals sein wird

    • Ich denke mit dieser Meinung, froh darüber zu sein, dass sie so langlebig sind, werden sie auf einer Seite für Barrierefreiheit nicht sehr viel Zuspruch erhalten.

  • Die Probleme bezüglich Niederflurgarnituren gut aufgezeigt und als Ergänzung möchte ich noch anbringen, dass bei den Flexitram der Rufknopf zum Aussteigen aus dem Rollstuhl kaum erreichbar ist. Weiters möchte ich darauf hinweisen, dass auf das Strassenniveau, sprich unter Gehsteigniveau, nicht eingestiegen bzw. ausgestiegen werden kann bzw. soll. Leider gibt es noch Stationen mit diesem Mangel.
    Dass die Wiener Linien es verabsäumt hat, Mittelteile mit Niederflureinstieg zu beschaffen ist mir ebenso ein Rätsel wie bei den ÖBB bei den Garnituren 4020.
    Wir dürfen auch die U-Bahn nicht übersehen. Die alten Garnituren haben einen Absatz von ca. 10 cm und keine Fläche, welche der Rollstuhl gut geparkt werden kann. Weiters ist den Wiener Linien scheinbar nicht möglich, abwechselnd eine alte und neue Garnitur auf den Weg zu schicken.
    Die Autobusse werden zur Herausforderung, wenn mehr als ein Kinderwagen die reservierte Standfläche des Rollstuhls mit benutzen möchte.
    Allgemein möchte ich aber darauf hinweisen, dass gefühlt in der letzten Zeit die Verfügbarkeit von vorhandenen Aufzügen zugenommen hat.
    Es kann nur besser werden.

  • Barrierefreiheit bei den Wiener Linien wird als Diskussionsmaterie begriffen und der Widerstand der Behindertenorganisationen fehlt. Ein Problem der Barrierefreiheit sind auch die nach wie vor fehlenden Außendurchsagen sowie Durchsagen bei der Einfahrt in Stationen, sodass Personen mit Sehbeeinträchtigung Straßenbahnen nicht selbstständig nutzen können.