Lasst euch gefälligst helfen!

Licht ins Dunkel sammelt Geld für Menschen mit Behinderungen. Helfen ist an sich gut. Aber es kommt darauf an, wie man helfen will.

ORF-Logo am Küniglberg
Gerhard W. Loub

Vor ein paar Tagen habe ich einen Text geschrieben. Zu Licht ins Dunkel.

Und ich habe wie viele Menschen mit Behinderungen geschrieben: Licht ins Dunkel ist nicht gut für Menschen mit Behinderungen. Denn Licht ins Dunkel zeigt Menschen mit Behinderungen, die von ihrer Behinderung geheilt werden sollen.

Licht ins Dunkel sammelt Geld für Menschen mit Behinderungen. Helfen ist an sich gut. Aber es kommt darauf an, wie man helfen will.

Die Aktion Mensch in Deutschland hat das vor Jahren erkannt. Die Aktion Mensch versteht, was Inklusion bedeutet. Und die Aktion Mensch will, dass Menschen spenden und dabei über die Gesellschaft – über uns alle – nachdenken.

Auch die Aktion Mensch hat einen kurzen TV Film mit Kindern. Da spielen Kinder Ball und der Junge im Rollstuhl will den Ball nicht hergeben. Dann wird gefragt: Darf man Jungs doof finden, auch wenn sie im Rollstuhl sitzen? Ja, darf man. Denn Inklusion bedeutet gemeinsam spielen und leben. Und Inklusion bedeutet, dass man den anderen so nimmt, wie er oder sie ist: Nicht als Junge im Rollstuhl. Sondern als Junge, der den Ball nicht hergeben will.

Bei Licht ins Dunkel geht es um einen Jungen im Rollstuhl. Er soll geheilt werden. Bei der Aktion Mensch geht es auch um einen Jungen im Rollstuhl. Er soll den Ball hergeben. Es geht da nicht um den Rollstuhl. Es geht um das Ballspiel.

Es geht um ein Nachdenken über uns alle. Ein Nachdenken über unser Zusammenleben. Nicht über ‚arme Menschen mit Behinderungen’, die geheilt werden sollen. Denn Behinderung ist keine Krankheit.

Inklusion heißt das Zauberwort

Verantwortung übernehmen für unser Zusammenleben – darum geht es. Spenden für eine Welt ohne Hindernisse (Barrieren) – darum geht es.

Jemand hat auf meinen Text vom Mittwoch geantwortet: „Behinderten Menschen Genesung zu wünschen, kann doch nicht diskriminierend sein.“ Also: Warum soll man einem Menschen mit Behinderungen nicht baldige Besserung wünschen? Warum soll das eine schlechte Behandlung sein?

Aber genau das ist das Problem. Behinderung ist eben keine Krankheit.

Wenn ich be-hindert werde, liegt das nicht an mir. Sondern es liegt an der Gesellschaft. Weil es eben Hindernisse (Barrieren) gibt – zum Beispiel so genannte Hindernisse im Kopf. Das nennt man soziale Barrieren. Das sind zum Beispiel Vorurteile und falsche Vorstellungen über Behinderung.

Menschen mit Behinderungen können genau wie alle anderen Menschen krank sein. Dann wollen sie es wie jeder andere Mensch auch, dass man ihnen alles Gute und baldige Besserung wünscht.

Aber gespendet werden soll aus einem anderen Grund: Weil wir gemeinsam eine Welt ohne Hindernisse (Barrieren) schaffen wollen und sollen (das sagt zum Beispiel die UN Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen). Weil wir alle erkennen, dass es unsere gemeinsame Aufgabe ist.

Viele Menschen mit Behinderungen haben in den letzten Tagen und jedes Jahr wieder über Licht ins Dunkel geredet. Sie haben gesagt, was ihnen daran nicht passt. Und sie wollen bei Licht ins Dunkel mitmachen. Damit sich das Bild von Behinderung ändert. Damit nicht über Menschen mit Behinderungen ohne sie geredet wird.

Passiert ist aber nicht viel

Und das alles klingt ein bisschen nach: Lasst euch gefälligst helfen! Aber: Menschen mit Behinderungen wollen zeigen, was Behinderung ist. Sie wollen zeigen, wie die Gesellschaft behindert. Damit das Helfen dort ansetzt, wo es soll. Lasst uns endlich mitmachen! Das ist die Antwort.

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0 Kommentare

  • Licht ins Dunkel – hab ich keine guten Erfahrungen. Habe dort angesucht um Sponsoring meines Service Hundes…(Spornsoren braucht man,da dieser spezl. ausgebildete Hund eine Menge kostet) aber aufgrund Bürokratischer Hürden, und einem hin und her ……hab ich dann andere Sponsoren gesucht und gefunden, die mir mit den selben Infos,die auch LiD hatte, ohne Bürokratischen Hürden als Sponsoren geholfen haben.
    Wenn ich jetzt Licht ins Dunkle sehen werde im TV – werde ich es unter anderen Augen betrachten …schade….lauter bla bla

  • prinzipiell gilt, so weiss ich es, wenn spendengelder nicht explizit für ein bestimmtes projekt deklariert sind, kommen sie nicht an (wohin auch?) und werden gepunkert. wo und für wen die gelder dann eingesetzt werden, obliegt der entscheidung von menschen, die wir nicht kennen. und man kann davon ausgehen, dass hier viel persönliche motivation und befindlichkeit mitspielt.

  • Interessant wäre auch, zu erfahren ob die gespendeten Gelder wirklich auch an den betreffenden Stellen ankommen? Oder ob die Gelder einfach gebunkert werden, wie es ja bei einigen Spendeorganisationen ja der Fall ist?!

  • Ich stehe der Aktion LID nicht nur wegen ihren grunsätzliche falschen Umgang mit dem Thema Behinderung, sondern generell kritisch gegenüber. Und auch wenn die Aktion Mensch die „richtige“ Werbung macht, sagt sie doch genauso, dass das arme Menschen sind: Warum muss man für Menschen mit Behinderung spenden? Spenden sind meiner Meinung nur dann angebracht, wenn es um akkute materielle Not geht, wenn z.B. eine Naturkatstrophe passiert und plötzlich alles weg ist, das Haus und alle anderen notwendigen Dinge, die es baucht. Dann haben Spemden Sinn und sind nicht herablassend, sondern im Moment notwendig.

    In allen anderen Fällen sind solche Aktionen herablassend. Wenn ich eine Gesellschäft inklusiv denke, wird der Ansatz und auch der Einsatz öffenlicher Mittel ein ganz anderer sein, und es wird keine Spenden brauchen.

  • Vielen Dank für Ihre Beharrlichkeit und Klarheit!
    Es ist rätselhaft, ärgerlich und eigentlich schon peinlich, wie stur sich der ORF hier verhält.

  • Was mir z.B. gefallen hätte: ein Spot über ein Rollstuhlfahrerbasketballspiel – eine Mannschaft verliert. DIe Verlierer erheben sich aus ihren Rollstühlen (sind die „Nichtbehinderten) und gehen auf die „echten“ Rollstuhlfahrer zu und geben ihnen die Hand.
    Sei es wie es sei: Geniale Argumentation hin – profunder Diskurs her. Jetzt nutzen nur mehr Rosa Parks oder Pussy-Riot nachempfundene Aktionen in der Öffentlichkeit…!!!!