Lieber Herr Dorfer: Gute Satire gelingt nicht immer

Klaus Candussi: Bei genauerem Hinsehen - oder ein bisschen weniger intellektueller Überheblichkeit - könnte man erkennen, dass es bei dieser Form der Nachrichten genau darum geht, die oben genannten Gruppen eben nicht der oft nicht bloß sprachlich vereinfachten Information von bestimmten Boulevard-Medien zu überlassen. 

Nachrichten in Leicht Lesen im ORF Teletext
ORF

Am 17. Juli 2017 versuchte sich  als Kolumnist in der deutschen ZEIT. Unter dem Titel „Leicht verständlich“ beleuchtete er das neue Leicht Lesen Service des ORF-Teletext wie folgt:

In alter, schmutzig-unkorrekter Sprache könnte man auch von einer Dienstleistung für intellektuell Behinderte sprechen. Das ist positiv, also gut. Denn das hilft. Sehr. Ja, tut es. Aber total, also völlig. Weil Sprache ist schwierig. Immer. Besonders diese Haupt-Wörter. Oder diese Beistriche, die immer die Sätze so lästig unterbrechen tun. …

In dieser Tonart schwadroniert er vor sich hin und endet mit: „Pfu, alles is’ so schwer zum Verstehen, und deswegen ist dieses neue Angebot vom Wie-wir-ORF doppelt wichtig.“

Lustigmachen vom hohen Ross des Zeit-Kolumnisten

Eine ausführliche – lesenswerte Reaktion kommt auch von Klaus Candussi, Geschäftsführung der atempo Betriebsgesellschaft m.b.H., die wesentlich an diesem neuen Angebot beteiligt war. Er hat BIZEPS diese Reaktion zugesandt und wir bringen diese gerne ungekürzt:

Lieber Alfred Dorfer,

schon klar, gute Satire gelingt nicht immer. Sommerloch ist, heiß ist’s und auf die ‚intellektuell Behinderten‘ hinhauen bringt sicher auch ein paar billige Lacher.

Das Paradox an ‚Leicht verständlichen Nachrichten‘ ist, dass es verdammt schwierig ist, sie gut zu formulieren. Und ja, beim Versuch, komplexe Inhalte so zu fassen, dass sie auch Menschen mit geringem Sprachverständnis, nicht deutscher Muttersprache oder mit Lernschwierigkeiten lesen und verstehen können, entstehen bisweilen tatsächlich heitere Hoppalas. Die waren aber nicht Ihr Thema. Sie beließen es lieber beim reflexhaften Lustigmachen vom hohen Ross des Zeit-Kolumnisten.

Bei genauerem Hinsehen – oder ein bisschen weniger intellektueller Überheblichkeit – könnte man erkennen, dass es bei dieser Form der Nachrichten genau darum geht, die oben genannten Gruppen eben nicht der oft nicht bloß sprachlich vereinfachten Information von bestimmten Boulevard-Medien zu überlassen. 

Das Bestreben, diesen Zielgruppen (lt. LEO-Studie der Uni Hamburg verstehen mehr als 50 % der Bevölkerung bis max. auf dem Sprachniveau B1) seriöse Nachrichten zugänglich zu machen, finden wir jedenfalls gesellschaftspolitisch sinnvoller, als sich nach Wahlen darüber zu wundern, wie viele wieder mal so wählten, wie es ihnen die einzigen ihnen zugänglichen Medien nahe legten.

Vielleicht stünde es ja auch der Zeit gut an, mal dieser Seite des Themas Platz zu widmen, nicht nur der seichten Polemik. Wir helfen gern dabei!

Klaus Candussi
Geschäftsführung
atempo Betriebsgesellschaft m.b.H.

UPDATE: Alfred Dorfer nimmt Stellung

Am 18. Juli 2017 rief Alfred Dorfer bei BIZEPS an, entschuldigte sich aufrichtig und bat uns folgenden Text zu veröffentlichen:

Meine Glosse mit dem Titel “Leicht verständlich” wurde ausgelegt als diskriminierend gegenüber Menschen mit Leseschwäche. Das lag nie in meiner Absicht. Mir ging es darum, den Verfall der Sprache in manchen Medien und bei manchen Politikern anzuprangern.

Das dürfte aber leider danebengegangen und missverstanden worden sein. Aus persönlicher Erfahrung im direkten Umfeld weiß ich, wie sehr betroffene Menschen von diesen Angeboten profitieren. Sollte mein Text Menschen verletzt haben, so tut mir das aufrichtig leid.

Alfred Dorfer

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20 Kommentare

  • Hr. Dorfes Begründung hört sich nicht nach einer ernsthaften Entschuldigung an. Denn er schreibt lediglich, er wäre missverstanden worden. Er hätte ja „den Verfall der Sprache in manchen Medien und bei manchen Politikern“ anprangern wollen. Dabei bezieht sich sein Zeit-Artikel ausdrücklich auf die „Nachrichten leicht verständlich“ im ORF. Politiker oder andere Medien werden in seinem Artikel überhaupt nicht angesprochen. Soll man wirklich glauben, ein Zeit-Journalist habe eine Kritik an Politikern und verschiedenen Medien (und eigentlich nicht an der ORF-Sendung „Nachrichten leicht verständlich“) anbringen wollen – in seinem Artikel aber ausschließlich über den ORF und genau dieses barrierefreiere Format geschrieben?

  • Fakten-Check bei der Austria Presse Agentur

    (sie textet die leicht verständlichen Nachrichten, die der ORF Teletext übernimmt)
    Die von Alfred Dorfer gebrachten Beispiele für ‚flache“ News‘: „Trump ist wieder böse gewesen“ oder „Wetter bald nicht so gut“ entstammen ganz allein seiner Phantasie.
    Sie wurden so niemals publiziert.
    Als Beleg für den Sprachverfall sind sie somit ganz genau gar nicht zu gebrauchen.

  • SO ein Zufall auch: Alfred Dorfer macht sich bekanntlich lustig über Leicht Lesen.
    Entschuldigt sich dafür. Wenige Augenblicke später macht Capito auf Bizeps Werbung.
    Ja, man könnte es als Bewusstseinsbildung sehen. Man könnte es aber auch als FPÖ-Rhetorik sehen: Ich schimpfe über AusländerInnen, werde dafür – Gott sei Dank – geohrfeigt UND – Schwupps – bin dann der Arme.
    Auf Capito umgelegt: Dorfer rutscht rhetorisch aus, ich, Capito, biete mich als korrektive Lösung an… Mir persönlich gefällt dieser „Zufall“ nicht, weder die Werbung, noch die Grundaussage von Dorfer.
    Was für mich zählt: Er hat seinen Fehler eingesehen, SICH ENTSCHULDIGT und Punkt.

    • Kann man die Entschuldigung wo nachlesen? Gibt es einen Link? Vielen Dank!

    • atempo (Das Unternehmen wo capito ein teil davon ist) hat kurzfristig anlassbezogen Werbung gebucht. Nicht unintelligent von denen.

      Zur zeitlichen Reihenfolge sei auch gesagt. Die Bestellung der Werbeschaltung war vor dem Eintreffen der schriftlichen Entschuldigung da. Ist aber nicht relevant, weil auch wenn es umgekehrt wäre, verstehe ich warum man Werbung bucht, wenn etwas Thema wurde.

  • Nachtrag: So wie manchmal „leichte Sprache“ vermarktet bzw. dargestellt wird, könnte schon der Eindruck entstehen, das sei nur für „Behinderte“ bzw. dass das eher ein Hype zur Behübschung ist.

    Information in verständlicher Sprache sollte in einer Demokratie ein Menschenrecht sein. Das Amtsdeutsch der „Schreibtischtäter“ dient ja gerade dazu, die unteren Schichten zu entmutigen, um ihr Recht zu kämpfen. Insofern haben wir in Österreich ein ziemliches Problem mit Sozialrassismus …

  • Sollte in den MASSENmedien nicht JEDER Artikel leicht verständlich geschrieben sein? Wozu gibt es seit Jahrzehnten „Schreibbibeln“ wie Wolf Schneider’s „Deutsch für Profis“? Und gerade beim Teletext mit seinen kurzen Texten!

    So gesehen böte das Thema „leichte Sprache“ schon Anlass zur Satire, aber mit anderer Zielrichtung. Die Antwort Dorfers ist erbärmlich. Ein Kabarettist sollte kein Problem haben, einzugestehen, etwas nicht verstanden zu haben.

    Verständliche Sprache bei Bedienungsanleitungen und Formularen ist in den USA schon seit den 80er Jahren Status Quo, es gibt schon lange Forschung dazu und auch ganze Handbücher über simplifyed English (das mitunter schon etwas brachial sein dürfte) …

  • Na ja, Dorfer hätte sich der Diskussion stellen sollen. Aus meiner Sicht geht es um Qualität in der Kommunikation, Respekt vor der Würde jedes Menschen. Meine Wahrnehmung ist, dass die sog. leichte Sprache diesen Umstand wenig zufriedenstellend erfüllt. Sie wirkt oftmals kategorisierend, wie das pädagogische Angebot insgesamt. Mit diesem „Hype“ leichte Sprache betreffend bleibt ein überaus großer Teil Menschen außen vor. Reflexion und eine anspruchsvolle Diskussion zum Thema wäre sehr wünschenswert. Zumindest wäre dies eine Möglichkeit der Wahrhaftigkeit ein wenig näher zu kommen.

    • Lieber Heinz Forcher,
      den Befund, dass „Leichte Sprache“ kategorisierend wirkt teile ich, soweit es jenen Teil der „Szene“ betrifft, die – oft in Vermischung des Angebotes an leicht verständlicher Information mit den Anliegen der Interessenvertretung von Menschen mit Behinderung – gern dogmatisch unterwegs ist.
      Die Linguistik (federführend Uni Leipzig) ist mit ihren Studien zu diesem jungen Thema schon viel weiter und betreibt sehr genaue Wirkungsforschung. Die Erkenntnisse dazu, wie verständliche Information genau wirkt, welche der heutigen Regeln funktionieren und welche nicht, werden uns weiter bringen. Auch capito hat sein „Leicht Lesen“-Angebot eben gerade nicht als „Behinderten-Sonderlösung“ weiterentwickelt, sondern am Europäischen Rahmen für Sprachen orientiert. Das ergibt anstatt einer Kategorisierung so etwas wie eine „Rampe“ auf der sich Menschen, die in die Welt des Lesens einsteigen oder wieder einsteigen möchten von der Kerninformation auf A1 via A2 zu B1 und weiter bewegen können.

    • Ach, was kümmert mich leichte Sprache? Ich suche mangels Alternativen ein barrierefreies Bordell zum Spritzen im Sitzen.

  • Vorallem handel es sich um einen Beitrag in der Zeit (!) und nicht um einen übernächtigen Tweet, bei entsprechender Einsicht hätte es sicher ein paar Gelegenheiten der Umkehr gegeben.

  • Tja aus der Kiste kommt er nicht mehr heraus und wie gesagt, diese Weise der Verachtung ist untrennbar mit seinem Humor verbunden, eine Entshculdigung würde einer Verleugnung seiner Karriere gleichkommen.

  • Schade, dass Herr Dorfer es bei einer Nopology belässt.

    • Es handelt sich hier mit Sicherheit nicht um eine „Nopology“, sondern die ursprüngliche Intention aufzuzeigen, dies ist das Recht von Alfred Dorfer.
      In diesem Zusammenhang ist es auch interessant zu sehen wie reflexhaft (natürlich mit Ausnahmen) die Reaktionen bei Bizeps ausfallen und keine differenzierte Auseinandersetzung erfolgt.

    • Doch, es handelt sich um ein Musterbeispiel für „Nopology“. Dorfer schreibt hier leider eine Stellungnahme, die sich kunstvoll darum herumdrückt, das zu tun, was eine Entschuldigung eigentlich tun sollte: nämlich Verantwortung übernehmen für einen Blödsinn, den man gemacht hat. Die Glosse „wurde ausgelegt“, „dürfte missverstanden worden sein“ – und „Sollte mein Text Menschen verletzt haben…“.
      Ja, Intention erklären ist wichtig – aber hier wäre es nötig gewesen, auch anzuerkennen, dass ein Fehler passiert ist, dass vielleicht die Recherche oder das Nachdenken und Abwägen vor dem Schreiben nicht ausführlich genug waren.
      Und Satire ist auch wichtig, aber wirksam nur dort, wo sie nicht in Kauf nimmt, Mesnchengruppen zu verletzen, die von der Mehrheitsgesellschaft ohnehin schon an den Rand gedrückt werden.

  • Die großen Erfolge des österreichischen Kabaretts fußen, bis auf wenige Ausnahmen, auf einem pejorativen Humor, der fast immer auf die von den Kaberettisten als subaltern identifizierten, sogenannten „Proleten“ gerichtet ist und war. Von den Hektikern, Dr. Dorfer und anderen wurden damit Hallen gefüllt. Das Herabschauen und das Verachten verengt Satire. Es könnte aber auch ander österreichischen Geschichte und Kultur liegen, die nie so etwas wie Monty Python hervorbringen konnte und kann.

  • Gottseidank gibt es Menschen wie Dorfer die sich noch trauen satirisch Dinge aufzugreifen Satire muss übers Ziel hinausschießen manchmal auch wehtun sie muss sich trauen uns einen Spiegel vorhalten und geben uns die Gelegenheit innezuhalten und darüber nachzudenken was wir eigentlich machen. Sogenannte gutmenschen haben diese Fähigkeit leider verloren.

    • Eine gute Satire würde zumindest voraussetzen, dass man sich über das Thema informiert bzw. auch darüber recherchiert hat. So wie ich Dorfers Beitrag in „Der Zeit“ interpretiere, hat er einfach nur reflexartig auf „leicht verständlich“ reagiert, ohne sich um die Hintergründe zu scheren. Auch seiner „Nopology“ (gutes Wort, kanne ich noch nicht) entnehme ich das.

    • Von nicht dürfen war nicht die Rede in diesem Beitrag. Anspruchsvolle Satire sieht dennoch anders aus. Hans Wursts muss es immer geben, meinen Geschmack treffen sie halt nicht. Ob sie damals auf die Bühne Sch***en oder heute ihren geistigen Dünnpfiff zur Schau stellen, es ist anspruchslos.

      Der Feind der Satire ist nicht der Ernst sondern das Halblustige.

  • Bei A. Dorfer ist mir bisher noch keine gute satire untergekommen.