Neue SLIÖ-Vorsitzende Marlene Krubner stellt sich vor
Nach dem plötzlichen und unerwarteten Tod der langjährigen Vorsitzenden und Mitbegründerin von SLIÖ, Mag.a Bernadette Feuerstein, wurde Marlene Krubner als …
Mit Marlene Krubner übernimmt eine junge Aktivistin den Vorsitz der Selbstbestimmt Leben Initiativen Österreich (SLIÖ). Im Interview mit BIZEPS spricht sie über Persönliche Assistenz, De-Institutionalisierung und die Frage, was echte Selbstbestimmung für Menschen mit Behinderungen bedeutet.
Aufgewachsen in Salzburg, lebt Marlene Krubner (geboren im April 2005) heute in Wien. Nach ihrer HAK-Matura studiert sie mit Schwerpunkt Pädagogik und engagiert sich parallel bei der WAG Assistenzgenossenschaft.
Am 17. September 2026 gab die Selbstbestimmt Leben Initiativen Österreich (SLIÖ) bekannt, dass Krubner den Vorsitz der Organisation übernimmt. Sie folgt auf die kürzlich verstorbene langjährige Vorsitzende und Mitbegründerin Bernadette Feuerstein.
Im schriftlichen Interview mit BIZEPS spricht Krubner über Persönliche Assistenz, De-Institutionalisierung, ihre eigenen Erfahrungen in einer Einrichtung und darüber, wie sie SLIÖ weiterentwickeln möchte.
BIZEPS: Wo erleben Menschen mit Behinderungen in Österreich derzeit die größten Einschränkungen ihrer Selbstbestimmung?
Marlene Krubner: Ich traue mich zu sagen, dass Menschen mit Behinderungen in nahezu keinem Lebensbereich diese absolute Selbstbestimmung erfahren, die für nicht-behinderte Menschen so selbstverständlich ist. Wir haben so viele Baustellen, dass es schwerfällt, die „größte Einschränkung“ zu benennen.
Für SLIÖ war eine der essenziellsten Forderungen immer die Persönliche Assistenz, da sie die einzige menschenrechtskonforme Unterstützungsform ist, die individuelle Entscheidungen, Autonomie und eine würdevolle Existenz für Menschen mit Behinderungen ermöglicht. Derzeit können wir bei Weitem nicht von der Erfüllung dieses Menschenrechtes sprechen. Das sehe ich als größte Einschränkung der Selbstbestimmung, denn da geht es unmittelbar an die Lebensgestaltung eines Individuums.
Dabei darf nicht in den Hintergrund geraten, dass für Selbstbestimmung auch Barrierefreiheit in allen Lebensbereichen unabdingbar ist. Behinderte Menschen warten jahrelang auf barrierefreien Wohnraum, können nach wie vor öffentliche Infrastrukturen nicht nutzen und finden trotz Qualifizierung keine Arbeitsplätze.
In Österreich existiert nach wie vor eine Parallelwelt für Menschen mit Behinderungen, oftmals in Einrichtungen der Behinderten„hilfe“. Diese Segregation macht echte Selbstbestimmung unmöglich. Es ist ernüchternd, keinen einzelnen Bereich nennen zu können, weil es so viele Problemstellen gibt.
BIZEPS: Was muss sich ändern, damit Persönliche Assistenz bundesweit einheitlich, bedarfsgerecht und einkommensunabhängig wird?
Marlene Krubner: Die Republik Österreich müsste ihrer Verpflichtung, die sie 2008 mit der Unterzeichnung der UN-BRK eingegangen ist, nachkommen und entsprechende Rahmenbedingungen schaffen.
Es liegt nicht an uns, eine Lösung zu präsentieren, wobei wir dies schon zur Genüge versucht haben. Es handelt sich um ein Ausverhandeln von Wertigkeiten: Sind Menschen mit Behinderungen es wert, selbstbestimmt leben zu können, oder nicht?
Alle völkerrechtlichen Verträge beantworten diese Frage selbstverständlich mit Ja. Und ich kann es nur wiederholen: Menschen mit Behinderungen sind es wert, selbstbestimmt zu leben.
Bund und Bundesländer müssen konstruktiv miteinander ins Gespräch kommen und gemeinsam an einer bundesweit einheitlichen, bedarfsgerechten und einkommensunabhängigen Persönlichen Assistenz arbeiten.
Ganz konkret geht es auch um die Umverteilung von Finanzen: Anstatt weiterhin segregierende, menschenrechtsverletzende Institutionen zu errichten, müssen Entscheidungsträger:innen Selbstbestimmung für behinderte Menschen fördern.
Konkrete Lösungen beginnen beim Bekenntnis der Länder, die im Föderalismus zuständig sind, und reichen von 15a-Vereinbarungen zwischen Bund und Ländern bis hin zu Verfassungsänderungen. Aber das würde den Rahmen dieses Interviews sprengen.
BIZEPS: Wie prägt Ihre eigene Erfahrung in einer Institution Ihr heutiges Engagement?
Marlene Krubner: Ich glaube, wenn man nie in einer Einrichtung gelebt hat, kann man sich die dort herrschende Abhängigkeit kaum vorstellen. Menschen mit Behinderungen können dort nahezu keine Entscheidungen treffen. Sie sind nicht Auftraggeber:innen, sondern zu Betreuende. Das macht einen enormen Unterschied in der Art, wie Unterstützung geleistet wird.
Ich kann mich daran erinnern, dass ich nur wenig über meinen Alltag selbst entscheiden konnte. Oft hatte ich den Eindruck, als müsste ich darum betteln, meine Grundbedürfnisse erfüllen zu dürfen – manchmal mit und manchmal ohne Erfolg.
Durch diese Machtdynamik, die unbestreitbar existiert, kommt es in Einrichtungen auch vermehrt zu Gewalt. Das ist einerseits wissenschaftlich belegt, andererseits habe ich es auch von vielen anderen gehört.
Es soll aber nicht um meine persönlichen Erfahrungen gehen. Mir ist wichtig, dass die Gesellschaft versteht, dass die Strukturen an sich problematisch sind. Die Idee, Menschen mit Behinderungen abgeschottet von nicht-behinderten Menschen unterzubringen, ist sehr gefährlich und untergräbt den Wert von behinderten Menschen.
BIZEPS: Warum kommt die De-Institutionalisierung so langsam voran – und was muss jetzt geschehen?
Marlene Krubner: Ich glaube, dass wir bei der De-Institutionalisierung vor allem ein strukturelles Problem haben. Obwohl die UN-Behindertenrechtskonvention seit Langem klar vorgibt, dass Menschen mit Behinderungen selbstbestimmt und gleichberechtigt in der Gesellschaft leben können müssen, werden in Österreich weiterhin Strukturen finanziert und aufrechterhalten, die genau das verhindern.
Es fehlt nicht an Erkenntnissen oder menschenrechtlichen Verpflichtungen, sondern an politischem Willen und einer entsprechenden Umverteilung von Ressourcen. Solange Institutionen als vermeintlich naheliegende Lösung für Menschen mit Unterstützungsbedarf bestehen bleiben und Persönliche Assistenz nicht flächendeckend, bedarfsgerecht und einkommensunabhängig zur Verfügung steht, gibt es für viele Menschen keine echte Wahlfreiheit.
De-Institutionalisierung bedeutet deshalb nicht einfach, Einrichtungen zu schließen. Gleichzeitig braucht es die notwendigen Unterstützungsangebote, barrierefreien Wohnraum und barrierefreie Infrastruktur.
Als nächste Schritte sehe ich verbindliche De-Institutionalisierungsstrategien und einen österreichweit einheitlichen Rechtsanspruch auf bedarfsgerechte Persönliche Assistenz. Finanzielle Mittel müssen von segregierenden Strukturen hin zu individualisierten Unterstützungsformen umverteilt werden.
Der Prozess der De-Institutionalisierung braucht außerdem die konsequente Einbindung von Menschen mit Behinderungen in alle Entscheidungen. Nur so wird aus dem Recht auf ein selbstbestimmtes Leben tatsächlich gelebte Realität.
BIZEPS: Was möchten Sie von Bernadette Feuersteins Arbeit weiterführen, und welche eigenen Schwerpunkte möchten Sie setzen?

Marlene Krubner: Ich hatte das Privileg, Bernadette Feuerstein etwas besser gekannt zu haben. Sie hat mich in die Selbstbestimmt-Leben-Bewegung eingeführt und viele ihrer Perspektiven mit mir geteilt.
Was ich stets an ihr geschätzt habe, war ihre Kompromisslosigkeit bei behindertenpolitischen Fragestellungen. Ich wusste, dass sie sich für die Community einsetzte und keine halben Lösungen duldete.
Ich werde mein Bestes tun, mit demselben Scharfsinn die Interessen der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung zu vertreten und durchzusetzen. Ich versuche, ihre Kompromisslosigkeit beizubehalten, denn es ist nicht verhandelbar, dass Menschen mit Behinderungen ein unverrückbares Recht auf selbstbestimmtes Leben haben.
Es lässt sich nicht leugnen, dass ich einige Jahre jünger bin als meine Vorgängerin. Sie hat mich stets dazu ermutigt, meinen jungen Spirit einzusetzen und SLIÖ auf meine eigene Art zu prägen. Ich habe viele Ideen, wie wir Selbstbestimmt Leben Österreich weiterführen und ausbauen können. Derzeit ist jedoch vieles noch in Planung. Ich freue mich, beim nächsten Mal mehr berichten zu können.
BIZEPS: Wen erreicht die Selbstbestimmt-Leben-Bewegung noch zu wenig – und wie wollen Sie diese Menschen einbinden?

Marlene Krubner: In der Behindertenrechtsbewegung haben wir vielerorts das Problem, dass der Nachwuchs fehlt. Viele junge Menschen haben nicht die Möglichkeit, sich ehrenamtlich zu engagieren – sei es aus Ressourcengründen oder aufgrund fehlenden Ansporns.
Mir ist es ein Anliegen, behinderte Menschen zusammenzubringen, weil ich aus eigener Erfahrung weiß, wie bereichernd das sein kann. Plötzlich realisiert man, dass man mit Diskriminierung, Barrieren im Alltag und struktureller Benachteiligung nicht allein ist. Daraus kann eine außerordentlich starke und solidarische Community entstehen, die viel bewegen kann.
Ich denke, dass SLIÖ bisher eine ausgezeichnete Bilanz hat, was unsere Community betrifft. Für mich bleibt es ein Schwerpunkt, mit Menschen in den Austausch zu kommen, die das Recht auf selbstbestimmtes Leben anerkennen und sich dafür einsetzen wollen.
BIZEPS: Woran würden Sie in fünf Jahren erkennen, dass sich die Situation von Menschen mit Behinderungen grundlegend verbessert hat?
Marlene Krubner: Eine grundlegende Verbesserung würde ich an der Umsetzung einer bundesweit einheitlichen, bedarfsgerechten und einkommensunabhängigen Persönlichen Assistenz erkennen – und daran, dass Menschen mit Behinderungen echte Wahlfreiheit haben, wie sie ihr Leben gestalten.
Es braucht Mut, Willenskraft und viele Verbündete. Dafür kämpfen wir und setzen uns tagtäglich ein.
Verbessert hätte sich die Situation dann, wenn Menschen mit Behinderungen sagen können: Ich kann selbst über mein Leben entscheiden und habe die gleichen Möglichkeiten wie nicht-behinderte Menschen.
Aber bis dahin dauert es wahrscheinlich noch etwas länger als fünf Jahre.
BIZEPS: Danke für das ausführliche Interview!
Wir von BIZEPS gratulieren Marlene Krubner herzlich zu ihrer neuen Aufgabe als Vorsitzende von SLIÖ, wünschen ihr viel Erfolg und freuen uns auf eine gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit.
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