Mehrfachdiskriminiert – Frauen und Mädchen mit Behinderungen in Österreich

Auch, wenn Zahlen nicht immer die spannendste Art sind, sich einem Thema zu nähern, veranschaulichen sie im Zusammenhang mit der Thematik Frauen mit Behinderungen doch sehr klar die negativen Auswirkungen von Mehrfachdiskriminierung.

Symbolbild Zahlen unter Beobachtung
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Gleichzeitig lassen sie strukturelle Missstände und den bestehenden Handlungsbedarf erkennen.

So sind Frauen und Mädchen mit Behinderungen beispielsweise massiven Benachteiligungen im Bildungsbereich ausgesetzt.

46 % der Frauen mit Behinderungen verfügen lediglich über einen Pflichtschulabschluss. Im Vergleich dazu sind es 32 % der Männer mit Behinderungen, halb so viele Frauen ohne Behinderungen (23 %) und sogar nur 12 % der Männer ohne Behinderungen, die über keine weitere Ausbildung verfügen.

Kennt man diese Zahlen, verwundern jene über die (Nicht-)Präsenz am Arbeitsmarkt wenig. So nehmen lediglich 31 % bis 49 % der Frauen mit Behinderungen, aktiv am Arbeitsleben teil. (Nicht mitgezählt werden Menschen, die als nicht arbeitsfähig eingestuft sind.)

Noch alarmierender sind die (kaum vorhandenen) Daten zur Gewalt an Frauen und Mädchen mit Behinderungen. In einer Studie aus dem Jahr 1996 (!) über sexuelle Ausbeutung von Mädchen und Frauen mit Behinderungen gaben 64 % der Befragten an, dass sie in ihrem Leben schon ein- oder mehrere Male sexueller Gewalt ausgesetzt waren. Man kann also sagen, dass mehr als jede zweite Frau davon betroffen ist.

Aber woher rühren diese massiven Benachteiligungen von Frauen und Mädchen mit Behinderungen?

Sowohl das gesellschaftliche Konstrukt Behinderung, wie auch das Konstrukt des weiblichen Geschlechts sind mit sehr ähnlichen Vorstellungen und Stereotypen verknüpft. Beiden Konstrukten werden oftmals die Attribute schwach, unselbstständig, hilfsbedürftig, machtlos, etc. zugeschrieben.

Verstärkt durch die doppelte Zuschreibung, sind Frauen mit Behinderungen besonders mit diesen Vorurteilen konfrontiert. Ein segregierendes Bildungssystem, in dem einfach und kategorisch die vermeintlich „Schwachen“ von den vermeintlich „Starken“ getrennt werden, anstatt, dass sich das System als Antwort auf Individualismus und Vielfalt versteht, trägt sein Übriges zur Etikettierung und Verhinderung von Chancengleichheit bei.

Hinzu kommt ein dramatischer Mangel an für Frauen und Mädchen mit Behinderungen maßgeschneiderten Unterstützungsmaßnahmen und eine quasi inexistente Vernetzungsarbeit in diesem Bereich. All dies bildet einen idealen Nährboden für strukturelle und nachhaltige Mehrfachdiskriminierung und die Verfestigung der starken Marginalisierung in der österreichischen Gesellschaft.

Was braucht es also?

Einerseits müssen maßgeschneiderte regionale Unterstützungsangebote geschaffen werden. Aber auch bestehende Einrichtungen für Frauen und Mädchen müssen so gestaltet werden, dass sie für alle barrierefrei zugänglich sind. Barrierefreiheit ist dabei in baulicher, kommunikativer und intellektueller Hinsicht zu verstehen. Vice versa müssen Angebote für Menschen mit Behinderungen den Genderaspekt vermehrt berücksichtigen.

Zudem braucht es nachhaltige Empowermentstrategien, wozu die Stärkung bestehender Vorreiterprojekte, wie das Projekt Ninlil zählt. Hier wird Empowerment und (Peer-)Beratung für Frauen mit Behinderungen in unterschiedlichsten Lebensbereichen angeboten, sowie Beratung und Vernetzung gegen sexuelle Gewalt an Frauen mit Lernschwierigkeiten.

Generell ist die österreichische Frauenpolitik dazu aufgefordert, der Gruppe Frauen und Mädchen mit Behinderungen besonderes Augenmerk zu schenken. Besonders das Bildungssystem, aber auch die Gesellschaft an sich muss inklusiver gestaltet werden.

Vor allem aber sind es die vielzitierten Barrieren in unseren Köpfen, die die genannten Frauen und Mädchen an einer gleichberechtigten Teilhabe in unserer Gesellschaft hindern. Dies muss langsam aber sicher Eingang in unser aller Bewusstsein finden.

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0 Kommentare

  • Zu den Quellen der Zahlen:
    Behindertenbericht 2008, Bericht der Bundesregierung über die Lage von Menschen mit Behinderungen 2008, Bundesministerium für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz.
    Silvia Paierl, Gender und Behinderung, Benachteiligungskonstellationen von Frauen mit Behinderung am Arbeitsmarkt, Bundessozialamt Landesstelle Steiermark, 2009.
    Aiha Zemp, Erika Pircher, Weil das alles wehtut mit Gewalt, Sexuelle Ausbeutung von Mädchen und Frauen mit Behinderungen, Bundesministerium für Frauenangelegenheiten und Verbraucherschutz 1996.

  • Ich musste auch kämpfen an der Uni bei uns in Zürich vor 20 jahren war ich der einzige Behinderte, bzw. Mann ohne Beine! Heutzutage sieht das teilweise schon anders aus, wenn ich an der Uni vorbeifahre!

  • Natürlich persönliche Erfahrung. Warum sollte ich denn generell was hinschreiben? Namen nenne ich nicht, aber man kann sich in Österreich gern selbst vor Ort überzeugen. Am besten gleich an der Uni Wien.

  • @yasemin Beziehen Sie sich mit Ihrem Eintrag auf eine spezielle persönliche Erfahrung oder sehen Sie das generell so?

  • Bitte um eine Quelle für die Zahlen. Vielen Dank!

  • Zur Behindertenvertretung an den Unis sollte man besser schweigen. Man könnte meinen, dass bewußt harm- und ahnungslose Personen hingesetzt werden, die die zu Vertretenden nicht vertreten können. Die Uni hat ihren Job erfüllt. Einschulungen gibt es auch keine.