Mobilität für alle – Wien ein Alptraum

Wenn man den Reden vieler führender Wiener Lokalpolitiker glauben darf, ist Integration von behinderten Menschen wichtig.

Ortschild mit Aufdruck Wien
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Nur Bekenntnisse

Leider ist dies ein Bekenntnis ohne sichtbaren Auswirkungen. Die sehr zahlreichen Reaktionen auf Muskel Aktiv 4/92 geben uns neuen Schwung auch in dieser Ausgabe das Thema Mobilität zu erwähnen.

In der letzten Ausgabe haben wir viele Fotos von ausländischen behindertengerechten Verkehrsmitteln gebracht, diesmal mehr Grundsätzliches und der aktuelle Stand der Diskussion in Wien.

Neuester Stand in der Niederflur-Diskussion

Niederflurbusse ohne Einstiegshilfe (also ohne Hublift) sind – wie schon mehrfach bewiesen – für RollstuhlfahrerInnen nicht geeignet.

Die neue Wiener Niederflurstraßenbahn ist sogar nach Angaben des Herstellers (SGP) viel zu hoch, daß RollstuhlfahrerInnen selbständig und gefahrlos einsteigen können.

Forderung: Hublifte

Die Forderung der AG Niederflurstraßenbahn: „Hublifte für die Niederflurstraßenbahn zu kaufen“ wurde von allen Oppositionsparteien im Wiener Landtag (ÖVP, FPÖ, Grüne) mit einem gemeinsamen Antrag unterstützt.

10 cm Spalt – kein Problem?

Doch die Wiener SPÖ (vor allem Vizebürgermeister Mayr) stimmte den Antrag nieder mit der Begründung, daß 10 cm Höhenunterschied und 10 Spalt für geübte RollstuhlfahrInnen kein Problem darstellen.

Informierte wissen, wie unsinnig und falsch diese Aussage ist. Daraus wird wieder einmal deutlich, wie mit behinderten Menschen in Wien umgegangen wird. Nichts genaues weiß er (Mayr) nicht.

Die Wiener Verkehrsbetriebe

(= WVB) haben mit unhaltbaren – weil falschen – Argumenten versucht, die Diskussion zu lenken. Von „gefährlich“, „zu teuer“, „dauert zu lange“ „hat sich nicht bewährt“ reicht die Palette von Argumenten.

Wir haben nur ein Gegenargument: „Bevor die WVB so viele falsche Aussagen machen, sollen sie sich die tausenden Hublifte in den USA und die hunderten Hublifte in Deutschland ansehen, und uns dann erklären, warum dies in Wien nicht geht.“

Unterstützung

Viele Organisationen (Österreichische Arbeitsgemeinschaft für Rehabilitation, Österreichischer Zivilinvalidenverband, Österreichische Gesellschaft für Muskelkranke, BIZEPS, Junges Forum, Junge Generation, ÖVP, FPÖ, Grüne … ) und viele Einzelpersonen widersprechen mit Nachdruck den WVB. Gemeinsam fordern sie behindertengerechte öffentliche Verkehrsmittel.

Gegendarstellung

Die AG Niederflurstraßenbahn hat eine mehrseitige Gegendarstellung mit ausführlichem Informationsteil gestaltet, die über das BIZEPS gratis zu beziehen ist.

Diese Gegendarstellung listet alle bisherigen Argumente der WVB auf und zeigt, wo falsche Ansätze oder vielfach inhaltliche Fehler oder Irrtümer stecken. Die WVB müssen sich leider den Vorwurf gefallen lassen, sich bisher nur mangelhaft mit Fragen der Behindertengerechtigkeit der neuen Niederflurstraßenbahn auseinander gesetzt zu haben, oder absichtlich falsch zu informieren.

Unser Grund- und Bürgerrecht auf Mobilität wird mit unhaltbaren Argumenten angegriffen

Bedenklich wird es, wenn nebenbei auch noch der Wiener Sonderfahtendienst in einer Krise steckt (dies ist eine freundliche Umschreibung der aktuellen Zustände).

Eine neue Organisation – die nicht auf Kundenwünsche Rücksicht nimmt – wurde installiert.

Die Unzufriedenheit ist sehr groß, daher versuchen einzelne Vereine und Privatpersonen durch umfangreiche Unterschriftenaktionen und Postkartenaktionen möglichst klar und eindrucksvoll darzustellen, daß große Unruhe unter den behinderten Menschen in Wien herrscht. Ihr Wunsch auf Mobilität wird immer häufiger blockiert oder einfach ignoriert.

Die Aktion Mensch hatte folgenden Spruch: „Es ist alles da. Von der Ampel, die man hören kann, bis zu dem Bus, der alle reinläßt. Auch den Menschen im Rollstuhl.“

Das Motto des Buches der Aktion Mensch lautet: „Ein Anfang ist gemacht.“

Ich frage mich nur dauernd: Wo? – in Wien nicht

  1. Die schon seit vielen Jahren versprochene schnelle Absenkungen aller Gehsteige läßt auf sich warten.
  2. Die ebenfalls seit Jahren versprochene Nachrüstung alle U-Bahn Stationen mit Liften macht auch keine sichtbaren Fortschritte. Bei dieser Gelegenheit sei einmal klar erwähnt, daß Lifte nicht irgendwo in einer Station sein sollen (meist an einem Ende), sondern möglichst nahe. Es hilft vielen gehbehinderten Menschen nicht viel, wenn sie bis zum Aufzug kilometerlange Strecken bewältigen müssen.
  3. Die U-Bahn in Wien hat – einen bis zu 17 cm breiten – Spalt, der es sehr vielen behinderten Menschen erschwert und unmöglich macht, sie zu benützen. Die baldigste Beseitigung des viel zu großen Spaltes wurde mehrfach gefordert, aber nie erreicht.
  4. Die Niederflurbusse (auch die mit Kneeling-Einrichtung = Absenkungen) sind ungeeignet für viele RollstuhlfahrerInnen. Ausländische Verkehrsbetriebe (z. B. München) setzen schon lange nicht mehr auf Kneeling, sondern auf Hublifte. Wien hinkt diesem Trend wieder hinterher und glaubt noch immer mit Kneeling, etwas ganz besonderes zu haben.
  5. Die neuen Midi Busse (Ersatz der alten Citybusse) haben „nur eine Einstiegshöhe von circa 30 cm“. (Für RollstuhlfahrerInnen und schlecht gehfähigen Menschen wieder unbenutzbar.)
  6. Die neuen Niederflurstraßenbahnen sollen ohne Einstiegshilfe gekauft werden. Damit sind sie für RollstuhlfahrerInnen wieder nicht benutzbar. Die alten Straßenbahnen sind sowieso unbenutzbar.
  7. Wien´s Schnellbahnen sind sogar für nichtbehinderte Menschen teilweise unangenehm hoch; Aufzüge eine Seltenheit.

Wenn die Aktion Mensch nur einen Funken von Fortschritt bedeutet hätte, wäre es Ihr wenigstens gelungen, daß endlich RollstuhlfahrerInnen alleine in den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren können, wenn sie es können. (Bisher ist dies nämlich verboten!!)

Fangt endlich an!

Daher finde ich den Spruch „Ein Anfang ist gemacht“ falsch. Vielmehr könnte man sagen: „Die Zeit wurde unnütz verredet. Fangt endlich an zu handeln!“

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