Müssen behinderte Menschen zukünftig ihr Dasein rechtfertigen?

Mehr als 600 Briefe an den Europarat: Deutsche Hospiz Stiftung warnt vor europaweiter Legalisierung der "aktiven Sterbehilfe".

Nach einer Initiative des Schweizers Dick Marty soll der Sozialausschuss des Europarats den Mitgliedsstaaten die europaweite Legalisierung der „aktiven Sterbehilfe“ empfehlen. Über dieses Vorhaben wird der Ausschuss diese Woche in Paris entscheiden. „Eine europaweite Legalisierung der aktiven Sterbehilfe öffnet dem Missbrauch Tür und Tor“, warnt Eugen Brysch, Geschäftsführender Vorstand der Deutschen Hospiz Stiftung.

Eine neue Studie belegt, dass in den Niederlanden jedes Jahr 900 Menschen getötet werden, obwohl sie dies nicht verlangt haben, kritisiert die Deutsche Hospiz Stiftung. Seit 2002 ist die aktive Sterbehilfe dort legal. Eine anonymisierte Befragung unter den Ärzten habe ergeben, dass in 38 Prozent der Fälle die Angehörigen die Euthanasie des Betroffenen vorantreiben.

Grund: Die Nächsten können das Leid des Patienten nicht ertragen. In 30 Prozent der Fälle wird dem Schwerstkranken der Wunsch nach Euthanasie unterstellt. „Es ist Humbug, von der Selbstbestimmung der Patienten zu reden. Die Menschen lassen sich töten, weil andere es wollen. Die Tötung erfolgt fremdbestimmt“, sagt Brysch.

Wenn das Euthanasie-Modell der Niederlande auf sämtliche europäische Staaten übertragen werde, dann würden jedes Jahr mindestens 100.000 Menschen durch „aktive Sterbehilfe“ euthanasiert. Legt man die Missbrauchszahlen der Niederlande zugrunde, würden jedes Jahr 24.000 Menschen getötet, ohne dass eine Einwilligung vorliegt. Dies betrifft auch Patienten, die in der Lage sind, ihren Willen zu äußern. In einer außergewöhnlichen Briefaktion hat sich die Deutsche Hospiz Stiftung an alle politischen Entscheidungsträger gewandt: Sie schrieb Briefe an Bundeskanzler Schröder sowie an die 45 Außenminister des Ministerrats.

Mehr als 600 Briefe an die Delegierten der Parlamentarischen Versammlung und ihre Vertreter folgten. Außerdem wurden von Dortmund aus die internationalen Dachverbände für Palliativmedizin und für Hospizarbeit mobilisiert.

Als „eine Kehrtwende in der bisherigen Politik“ kritisiert die Deutsche Hospiz Stiftung das Vorhaben des Europarates. 1999 hatte der Europarat das Töten auf Verlangen abgelehnt. Die Deutsche Hospiz Stiftung fordert den Europarat auf, mutig zu seinem eigenen Beschluss von 1999 zu stehen. Darin verpflichten sich die europäischen Mitgliedsstaaten, schwerstkranken und sterbenden Patienten Palliative-Care-Versorgung anzubieten.

In Deutschland erhalten nur 2,1 Prozent der jährlich 850.000 Sterbenden Palliative-Care. Nach Ansicht der Deutschen Hospiz Stiftung sollten mindestens 40 Prozent versorgt werden können. „Wenn der Europarat nun die Legalisierung der ‚aktiven Sterbehilfe‘ befürwortet, dann werden sich alte, schwerstkranke und behinderte Menschen zukünftig für ihr Dasein rechtfertigen müssen. Es wird für sie immer schwieriger, die Hilfe einzufordern, die sie brauchen“, warnt Brysch.

Im Deutschen Bundestag hat die CDU/CSU unterdessen die Finanzierung von Kinderhospizen in den Mittelpunkt einer Kleinen Anfrage gestellt. Die Leistungen von Kinderhospizen umfassen nicht nur die Sterbebegleitung von Sterbenskranken, sondern auch die qualifizierte Begleitung der Eltern und Geschwister der Kinder, schreiben die Parlamentarier. Bisher fehle eine eindeutige gesetzliche Grundlage für eine angemessene Finanzierung dieser spezifischen Leistungen von Kinderhospizen.

Die Regierung soll nach dem Willen der Unions-Fraktion die Zahl der lebensbegrenzend erkrankten Kinder in der Bundesrepublik schätzen und den Bedarf an stationären und ambulanten Hospizplätzen darlegen.

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