Nachruf: Franz Dotter (1948 – 2018)

Ao. Univ.-Prof. Dr. Franz Dotter, Pionier der österreichischen Gebärdensprachlinguistik und langjähriger Leiter des Zentrums für Gebärdensprache und Hörbehindertenkommunikation an der Universität Klagenfurt, verstarb wenige Tage nach seinem 70. Geburtstag, am 26. März 2018.

Franz Dotter
DI Klaus Tolliner

Ein glücklicher Zufall führte dazu, dass Franz Dotter studieren konnte: Weil sein Vater Schulwart war, nahmen die aufmerksamen Lehrerinnen dieser Schule den Buben wahr, erkannten sein Potenzial und setzten sich dafür ein, dass er in die Realschule gehen und in Folge maturieren konnte.

Er träumte davon, Schiffsbau zu studieren, jedoch wurde er früh Halbwaise und aus finanziellen Gründen blieb Dotter in Salzburg und beschloss, Lehrer zu werden. Nachhilfe, Waisenrente und Stipendien brachten ihn durch das Studium der Germanistik und Mathematik, das er aus Interesse lange ausdehnte und an der Universität Salzburg mit dem Doktorat beendete.

Lehrer wurde Dotter nie, aber ein leidenschaftlicher Linguist im Team von Alexander Issatschenko  an der Universität Klagenfurt. Wenige Jahre später wurde er auf das Thema Gebärdensprache aufmerksam.

Der belesene und fachlich fest verwurzelte Linguist war begeisterter Sprachtypologe sowie Namenforscher für den Alpenverein – und mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn gesegnet. Als er die diskriminierende Lebenssituation gehörloser Menschen begriff, wurde er ‚radikalisiert‘.

Dotter arbeitete an der Universität Klagenfurt schon Anfang der 1990er Jahre mit gebärdensprachigen Menschen zusammen und argumentierte, dass er gehörlose MitarbeiterInnen ohne universitäre Abschlüsse beschäftigen möchte.

Vom blanken Unverständnis seiner Umwelt ließ Dotter sich nicht beirren und obwohl seine ÖGS-Kenntnisse minimal waren, begriff er, dass die hörende Ansicht, „keine Kommunikation = keine Intelligenz“ ein Trugschluss ist.

Er leitete ein Team, auf dessen Heterogenität er ausgesprochen stolz war, und 2004 wurde das Dauerprojekt endlich als „Zentrum für Gebärdensprache und Hörbehindertenkommunikation (ZGH)“ als besondere Universitätseinrichtung von der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt übernommen. (Auf der Website des ZGH bekommt man einen Überblick über Franz Dotters zahlreiche Publikationen.)

Sehr viel seiner Arbeitszeit floß in die Akquise der Finanzierung zur Erhaltung des Teams und die Anzahl der erfolgreich durchgeführten Projekte ist riesig. Viele davon stellen bis heute die Grundlage der ÖGS-Dokumentation dar, wie z.B. die Datenbank LedaSila und das Medienlernsystem SignIT, welches gemeinsam mit dem Team der Universität Graz erstellt wurde. Aufgrund der zahlreichen internationalen Kooperationen war Dotter viel unterwegs und gut vernetzt und sein gigantischer Arbeitseinsatz gepaart mit Beständigkeit zeigten Erfolg:

Im Jahr 2007 konnte der mühsam erkämpfte „Universitätslehrgang für GebärdensprachlehrerInnen“ starten, der für viele gehörlose Menschen in Österreich ein sehr wichtiger Wendepunkt in ihrer Bildungs- und Arbeitskarriere ist und ganz maßgeblich zur Professionalisierung der ÖGS-Lehre beitrug.

Dotters gesammelte Briefkommunikation mit Behörden umfasst mehrere Kilos, seine Wutanfälle angesichts sinnloser Bürokratie sind legendär und machten auch nicht Halt vor ‚höherrangigen‘ Beamten. Im politisch-akademischen Dialog über das Recht auf Unterricht mit ÖGS war Franz Dotter leidenschaftlich und eisern.

Mangels kontinuierlicher Finanzierung blieb die zentrale Forschungsarbeit liegen: „Der Traum, der nicht in Erfüllung gegangen ist, ist ein Auftrag des Staates an uns, die ÖGS zu erforschen und eine durchgehende finanzielle Ressource zu haben,“ erzählte er.

Trotzdem konnte das Team um Franz Dotter die bis heute einzige Basisgrammatik der ÖGS vorlegen und erhielt für die Aktivitäten eine Reihe von Preisen und insgesamt drei Mal ein „Europäisches Sprachensiegel für Innovative Sprachenprojekte“[iv].

Doch solche Ehrungen änderten den zutiefst bescheidenen Dotter nicht: er blieb unkompliziert, direkt, nonkonformistisch, pragmatisch, ungezügelt leidenschaftlich.

Zu Dotters großen Stunden gehörte die Promovierung zweier gehörloser italienischer Doktoranden, die 2012 bei ihm abschlossen. Ihre Promotion war der Anlass dafür, dass die Universität Klagenfurt an ihrer deutsch-slowenisch-zweisprachigen Universitäts-Ortstafel einen in ÖGS gehaltenen Zusatz anbringen ließ. Typisch für Dotter, dass er damals selbst – freudestrahlend – die Montageschrauben anzog.

Franz Dotter war eine der prägenden Personen der österreichischen Gebärdensprachforschung und besonders auch seines Umfelds an der Universität Klagenfurt, wo er bis zu seiner Pensionierung vor 5 Jahren das Zentrum für Gebärdensprache und Hörbehindertenkommunikation leitete. Aus diesem Anlass brachte damals eine bunte Schar GratulantInnen ihren Dank in der deutschsprachigen Gebärdensprach-Fachzeitschrift zum Ausdruck und der „Türkise Ehrenribbon“ des Österreichischen Gehörlosenbundes wurde ihm verliehen.

Doch Franz arbeitete auch nach seiner Pensionierung unermüdlich weiter – sowohl im akademischen Bereich als auch in seinem Kärntner Wald, wo er begeistert Holzarbeit machte. Dort, im Wald, zog er sich vor wenigen Tagen schwere Verletzungen zu, an denen er schließlich verstarb.

Die Bestürzung in der Gebärdensprachgemeinschaft – gehörlose Menschen, DolmetscherInnen, ForscherkollegInnen – ist groß. Wir verlieren mit Franz Dotter einen verlässlichen, streitbaren und unermüdlichen Kämpfer – für Gerechtigkeit und den gleichberechtigten Zugang gehörloser Menschen. Wir behalten Franz als einen außergewöhnlichen Menschen in Erinnerung und sind dem Pionier der ÖGS-Forschung dankbar für das, was er hinterlässt.

Meldung der Universität Klagenfurt zu Franz Dotters Ableben.

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2 Kommentare

  • Thank you for i formation. Franz was a enziast on atea of GS. I have respect that I was oportunity to cooperation with him.
    Best wishes and tegatfs from Ljubljana.
    Dr. Bojana Globačnik