„Nebel im August“. Eine Filmkritik.

Am 6. Oktober 2016 startet ein neuer – beachtenswerter – Film in Österreichs Kinos.

Filmpremiere im Wiener Votivkino: Nebel im August
BIZEPS

Nebel im August“ von Regisseur Kai Wessel thematisiert die Euthanasie-Verbrechen in der NS-Zeit anhand des tragischen Schicksals von Ernst Lossa.

Am 4. Oktober 2016 fand die Filmpremiere im Wiener Votivkino statt. Der Regisseur und Teile der Film-Crew waren ebenfalls gekommen.

Eine Lebensgeschichte unter vielen

Der Film erzählt den letzten Lebensabschnitt des 13-jährigen Halbwaisen Ernst Lossa. Seine Familie gehörte zu den „fahrenden Händlern“. Er wuchs deshalb in verschiedenen Kinderheimen und Anstalten auf. Durch seine rebellische Art und aufgrund von kleineren Diebstählen wurde er als „nicht erziehbar“ und „asozial“ abgestempelt. Er wird Anfang der 1940er Jahre in eine Nervenheilanstalt verlegt.

Der Film setzt hier ein und zeigt sehr eindringlich die grausame und unmenschliche Unterbringung und Behandlung der Patientinnen und Patienten (vorwiegend chronisch kranke und behinderte Kinder und Jugendliche). Parallel erfahren die Zuschauerinnen und Zuschauer vom „Euthanasieprogramm“ der NS-Herrschaft und die konkreten, meist tödlichen, Auswirkungen auf so viele junge Menschen.

Der Film zeigt einerseits den Lebenswillen und Zusammenhalt angesichts eines übermächtig scheinenden Gegners. Andererseits zeigt er die Abgründe menschlicher Existenz, die sich auch hinter weißen Kitteln letztendlich nicht verbergen lassen.

Der Film zeigt fast ausschließlich Bilder von der Nervenheilanstalt. Trotz einiger humorvoller Szenen bleibt der Film ernst, schwer und düster. Das anwesende Premieren-Publikum war fast die ganze Zeit mucksmäuschenstill. Die Atmosphäre im vollbesetzten Kinosaal war angespannt. Der Applaus fiel m.E. verhalten aus – jedoch nicht aufgrund eines Missfallens seitens des Publikums, sondern aufgrund der starken Szenen und Bilder, die noch nachwirkten.

Geschichtlicher Hintergrund

Der Film basiert auf wahren Begebenheiten. Nachzulesen im 2008 erschienen Tatsachenroman „Nebel im August“ von Robert Domes.

Der Fall „Ernst Lossa“ wurde nach dem Krieg gründlich aufgearbeitet und dokumentiert. Das an den – in dieser Nervenheilanstalt – stattgefundenen Euthanasie-Morden beteiligte Personal wurde in Gerichtsverfahren zu sehr milden Haftstrafen verurteilt. Darüber wird im Kinofilm von Kai Wessel jedoch nicht berichtet.

Hintergrund-Infos bringt neben den entsprechenden Wikipedia-Artikeln ein Beitrag im Spiegel. Spiegel-Geschichte bringt auf SKY.DE am 17. November 2016 eine ausführlichere Dokumentation unter dem Titel: „Hitlers vergessene Opfer – Euthanasie im Dritten Reich

Fiktion und Wirklichkeit

Regisseur Kai Wessel hat mit „Nebel im August“ keinen Dokumentarfilm geschaffen. Er ist in einigen – nicht unwesentlichen Punkten – von den historischen Fakten abgewichen (z.B. hat er aus 4 Ärzten nur 1 Arzt gemacht; eine Schicksalsgenossin und Freundin von Ernst Lossa, Nandl, ist rein fiktiv). All jene, die den Tatsachenroman von Robert Domes gelesen haben, werden deshalb vielleicht enttäuscht sein.

Dort, wo die Quellen zum historischen Ernst Lossa schweigen, hat Kai Wessel den Protagonisten Ernst Lossa überzeichnet, vielleicht auch über-heroisiert, wie auch in einem Artikel in der „Welt“ angemerkt.

Emotionsgeladene Themen

Einen Film über die NS-Euthanasie-Verbrechen zu machen, ist aus vielen Gründen eine Herausforderung. Kai Wessel stellt in zwei Interviews, und zwar in der „Die Tagespost“ [ ] und auf „Deutschlandradiokultur“ selbst sehr vorsichtig einen Bezug zu heute her (z.B. Diskussion über Pränatale Diagnostik).

Übrigens: Im Film spielen – wenn gleich in kleinen Nebenrollen – selbst behinderte Menschen mit. Einige von ihnen haben das Down-Syndrom.

In den Interviews versucht Kai Wessel die damaligen Euthanasie-Verbrechen von der heutigen Sterbehilfe-Diskussion abzukoppeln. Und zwar mit der Begründung, dass die heutige Sterbehilfe ja auf Freiwilligkeit beruhe. Dieser Versuch ist ihm m.E. nicht wirklich gelungen und das angeführte Argument greift viel zu kurz und kann an anderer Stelle schnell widerlegt werden.

Von Promis und Helden

Neben Kai Wessel war zum Beispiel auch Karl Markovics (spielt eine kurze Rolle als Vater von Ernst Lossa) bei der Premiere. Karl Markovic, ein großartiger Schauspieler, ist hier sicherlich auch ein prominentes Aushängeschild für den Film.

Deshalb möchte ich besonders auf den jungen Schauspieler Ivo Pietzcker hinweisen, der Ernst Lossa spielt. Überhaupt ist meiner Einschätzung nach die schauspielerische Leistung der vielen Kinder und Jugendlichen – mit und ohne Behinderung – mehr in den Vordergrund zu rücken.

Mut und Solidarität

Ich habe den Tatsachenroman vorab nicht gelesen und konnte somit den Film relativ vorurteilsfrei auf mich wirken lassen. Was ich für mich mitnehmen möchte, ist der filmisch dargestellte Mut des Ernst Lossa und weiterer Charaktere, aber vor allem die Solidarität, die zwischen verschiedenen Personen geherrscht hat. Der Zusammenhalt zwischen behinderten Kindern und Jugendlichen. Und auch der Zusammenhalt z.B. zwischen Ernst Lossa und einer Krankenschwester.

„Nebel im August“, ein Film, der auf jeden Fall auch in der Schule mit Jugendlichen angeschaut, diskutiert und nachbearbeitet werden sollte. Es gibt von StudioCanal Unterrichtsmaterial zum Downloaden.

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2 Kommentare

  • leider wurde bei diesem film wieder mal auf menschen mit hörbehinderung vergessen, die auf untertitelung angewiesen sind.

  • werde ich mir ansehn.da ich selbst von 1959-1968 im heim war