41. Woche 2026 – Austellung „Rechte statt Almosen!“
Die Ausstellung „Rechte statt Almosen“ zeigt 100 Jahre Behindertenbewegung in Österreich zeigt und die Bemühungen für Rechte und gesellschaftliche Teilhabe …
Zwei Worte, die ähnlich klingen, aber grundverschiedene Bedeutungen haben. Nicht so in der bunten Social-Media- und Beraterwelt. Ein Kommentar.
In der bunten Social-Media- und Beraterwelt wird mit diesen Begriffen „Neurodiversität“ und „Neurodivergenz“ um sich geworfen, als wären sie synonym und beliebig austauschbar.
Versuche ich, diesen Irrtum aufzuklären, werde ich ignoriert oder mit Phrasen abgespeist. Da ist die Rede von „Neurodiversität im Betrieb“, während gleichzeitig Autismus oder ADHS gemeint sind.
Frage ich nach, ob es um die Gruppe oder das Individuum geht, erhalte ich Ausflüchte wie: „Es geht um Neurodiversität, wobei einzelne Neurodivergenzen vorgestellt werden“ oder „Menschen mit Neurodivergenzen bilden zusammen neurodiverse Organisationseinheiten.“ Man rühmt sich gar damit, sich für „Menschen mit Neurodiversität“ einzusetzen – die es so schlicht nicht gibt.
Zeit für eine kleine Begriffserklärung:
Sinnvoll wäre also eine Debatte über Neurodivergenz im Betrieb: Wie machen wir die Arbeitswelt für alle zugänglich? Barrieren und Probleme werden klar benannt, man sucht nach Lösungen und Strategien.
Dieser Zugang erfordert aber eine tatsächliche Auseinandersetzung mit der Thematik und ist naturgemäß anstrengender und weniger profitabel. Stattdessen stehen Marketing und Selbstdarstellung, Follower und Kundengenerierung im Mittelpunkt.
Meine Behinderung ist aber kein Aushängeschild für Vereine, Bücher oder HR-Workshops – erst recht nicht, wenn dort rein neurotypische Stimmen das Sagen haben und Nachfragen nach neurodivergenten Mitarbeiter:innen dezent ignoriert werden. Dass man sich meine Lebensrealität auf diese Weise aneignet, empfinde ich als diskriminierend und ableistisch.
Neurodivergenz ist kein „intensives und reichhaltiges Wahrnehmen“. Es ist das Leben in einer Welt ungefilterter Reize, die ständig auf einen einprasseln, ohne Fluchtmöglichkeit.
Meine Behinderung wird mit einem biologischen Sammelbegriff vermischt, hip und hübsch gemacht, zur „Superpower“ verklärt. Das ist nicht nur oberflächlich, es stiehlt auch Sichtbarkeit: Während weichgespülter Wellness-Content von Algorithmen belohnt wird, gehen die Stimmen jener neurodivergenten Menschen unter, die ungeschönt über reale Barrieren und die Hürden des Alltags aufklären.
Statt Likes und Zuspruch kommen dann Kommentare wie:
Ich habe keine Superpower. Ich habe eine unsichtbare Behinderung.
Meine Lebensrealität ist keine Kulisse für Buchverkäufe oder bunte HR-Kampagnen. Es gilt nach wie vor der Grundsatz der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung: Nichts über uns ohne uns.
Wer diesen Diskurs führen will, muss aufhören, Barrieren weichzuspülen – und anfangen, den Menschen zuzuhören, die diese täglich überwinden. Vielleicht schon bevor diese laut und unbequem werden müssen, um gehört zu werden.
Siehe: Sperling, Britta: Neurodiversität: Zwischen Konzept, Paradigma und Politikum. Eine Einführung. In: Labyrinth, Nr. 157, S. 8–11 sowie Walker, Nick: Neurodiversity: Some Basic Terms & Definitions.
Barrierefreiheit sichtbar gemacht: Jede Woche ein Bild, das Erfolge feiert oder Hürden aufzeigt.
Die Ausstellung „Rechte statt Almosen“ zeigt 100 Jahre Behindertenbewegung in Österreich zeigt und die Bemühungen für Rechte und gesellschaftliche Teilhabe …
Christoph ,
05.10.2026, 17:36Bin über einen Kommentar im Standard forum hergekommen und habe heute etwas dazu gelernt. Danke!
Kannte den Begriff, habe ihn aber gerne falsch verwendet…
Andre ,
01.10.2026, 09:31Danke! Ich würde diesen Artikel gern nicht nur auf BIZEPS sehen. Alle HR Leute sollten das lesen.
Walter ,
30.09.2026, 12:26Hervorragender Arrtikel! Gratuliere!
LG Walter