Neurodiversität, Neurodivergenz?

Zwei Worte, die ähnlich klingen, aber grundverschiedene Bedeutungen haben. Nicht so in der bunten Social-Media- und Beraterwelt. Ein Kommentar.

Grafik: links vier Personen für Neurodiversität als Gruppe, rechts eine Person für Neurodivergenz als Individuum, dazwischen ein Ungleich-Zeichen.
BIZEPS / ChatGPT, KI-generiert

In der bunten Social-Media- und Beraterwelt wird mit diesen Begriffen „Neurodiversität“ und „Neurodivergenz“ um sich geworfen, als wären sie synonym und beliebig austauschbar.

Versuche ich, diesen Irrtum aufzuklären, werde ich ignoriert oder mit Phrasen abgespeist. Da ist die Rede von „Neurodiversität im Betrieb“, während gleichzeitig Autismus oder ADHS gemeint sind.

Frage ich nach, ob es um die Gruppe oder das Individuum geht, erhalte ich Ausflüchte wie: „Es geht um Neurodiversität, wobei einzelne Neurodivergenzen vorgestellt werden“ oder „Menschen mit Neurodivergenzen bilden zusammen neurodiverse Organisationseinheiten.“ Man rühmt sich gar damit, sich für „Menschen mit Neurodiversität“ einzusetzen – die es so schlicht nicht gibt.

Zeit für eine kleine Begriffserklärung:

  • Neurodiversität, neurodivers: Jedes Gehirn funktioniert anders. Es gibt eine unendliche Breite an Wahrnehmungen und Reizverarbeitungen. Ein einzelner Mensch kann nicht neurodivers sein, es braucht mindestens zwei, um verschieden zu sein. „Neurodiversität im Betrieb“ ist also der Normalzustand jeder Belegschaft.
  • Neurodivergenz, neurodivergent: Das Denken, Erleben und die Reizverarbeitung einer einzelnen Person weichen deutlich von der gesellschaftlichen Norm ab. In einer Welt, die für diese Norm gebaut wurde, führt das zu einer unsichtbaren Behinderung und realen Barrieren.

Sinnvoll wäre also eine Debatte über Neurodivergenz im Betrieb: Wie machen wir die Arbeitswelt für alle zugänglich? Barrieren und Probleme werden klar benannt, man sucht nach Lösungen und Strategien.

Dieser Zugang erfordert aber eine tatsächliche Auseinandersetzung mit der Thematik und ist naturgemäß anstrengender und weniger profitabel. Stattdessen stehen Marketing und Selbstdarstellung, Follower und Kundengenerierung im Mittelpunkt.

Meine Behinderung ist aber kein Aushängeschild für Vereine, Bücher oder HR-Workshops – erst recht nicht, wenn dort rein neurotypische Stimmen das Sagen haben und Nachfragen nach neurodivergenten Mitarbeiter:innen dezent ignoriert werden. Dass man sich meine Lebensrealität auf diese Weise aneignet, empfinde ich als diskriminierend und ableistisch.

Neurodivergenz ist keine Mode-Diagnose und kein hübsches Buzzword

  • Neurodivergenz ist, wenn ich mich nicht mehr auf ein Gespräch konzentrieren kann, weil die Hintergrundgeräusche alles überlagern und ich sie nicht filtern kann.
  • Neurodivergenz ist, wenn freundliche, konstruktive Kritik mir trotzdem Schmerz zufügt, weil ich mein RSD (Rejection Sensitive Dysphoria) nicht abschalten kann.  
  • Neurodivergenz ist, wenn mich die schiere Masse an Uni-Aufgaben verzweifeln lässt, weil mein Gehirn alle gleichzeitig abarbeiten will.
  • Neurodivergenz ist, wenn ich mitten im Meltdown dissoziiere, weil mein Nervensystem nicht mehr weiß, wie es mich noch beschützen soll.
  • Neurodivergenz ist, wenn ich plötzlich verstumme, weil der Shutdown das Sprachzentrum abriegelt, um lebenswichtige Energie zu sparen.

Neurodivergenz ist kein „intensives und reichhaltiges Wahrnehmen“. Es ist das Leben in einer Welt ungefilterter Reize, die ständig auf einen einprasseln, ohne Fluchtmöglichkeit.

Meine Behinderung wird mit einem biologischen Sammelbegriff vermischt, hip und hübsch gemacht, zur „Superpower“ verklärt. Das ist nicht nur oberflächlich, es stiehlt auch Sichtbarkeit: Während weichgespülter Wellness-Content von Algorithmen belohnt wird, gehen die Stimmen jener neurodivergenten Menschen unter, die ungeschönt über reale Barrieren und die Hürden des Alltags aufklären.

Statt Likes und Zuspruch kommen dann Kommentare wie:

  • Stell dich nicht so an, das ist eben die Realität.
  • Nur wegen Ihnen können wir da jetzt keine Anpassungen vornehmen.
  • Aber das ist doch eine Superpower, da musst du doch dankbar dafür sein.

Ich habe keine Superpower. Ich habe eine unsichtbare Behinderung.

Meine Lebensrealität ist keine Kulisse für Buchverkäufe oder bunte HR-Kampagnen. Es gilt nach wie vor der Grundsatz der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung: Nichts über uns ohne uns.

Wer diesen Diskurs führen will, muss aufhören, Barrieren weichzuspülen – und anfangen, den Menschen zuzuhören, die diese täglich überwinden. Vielleicht schon bevor diese laut und unbequem werden müssen, um gehört zu werden.

Siehe: Sperling, Britta: Neurodiversität: Zwischen Konzept, Paradigma und Politikum. Eine Einführung. In: Labyrinth, Nr. 157, S. 8–11 sowie Walker, Nick: Neurodiversity: Some Basic Terms & Definitions.

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  • Christoph , Antworten

    05.10.2026, 17:36

    Bin über einen Kommentar im Standard forum hergekommen und habe heute etwas dazu gelernt. Danke!
    Kannte den Begriff, habe ihn aber gerne falsch verwendet…

  • Andre , Antworten

    01.10.2026, 09:31

    Danke! Ich würde diesen Artikel gern nicht nur auf BIZEPS sehen. Alle HR Leute sollten das lesen.

  • Walter , Antworten

    30.09.2026, 12:26

    Hervorragender Arrtikel! Gratuliere!
    LG Walter

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