„Niemand darf verloren gehen!“ – Offener Brief an die EKD-Synode

Fünfmal inklusive Bildung fordert Bildungsjournalistin Brigitte Schumann in ihrem offenen Brief an die EKD-Synode im November 2010.

Brigitte Schumann
Schumann, Brigitte

Die EKD-Synode 2010 hat ihr diesjähriges Schwerpunktthema der Bildungs- und Teilhabegerechtigkeit unter die Losung „Niemand darf verloren gehen“ gestellt. 
Ich gehe davon aus, dass die EKD-Synode mit der Forderung „Niemand darf verloren gehen“ ihren Anspruch und Maßstab für die Qualität von Bildung in unserer Gesellschaft ausspricht. Damit macht sie es sich zur Aufgabe, die Strukturen und die Lernkultur des deutschen Schulsystems sowie das bildungspolitische Selbstverständnis von Politik und Gesellschaft in unserem Land kritisch und grundsätzlich zu hinterfragen.

Dass niemand verloren gehen darf, ist eine radikale Forderung. Sie ist auch in der radikalen Vorstellung des Menschenrechts auf Bildung enthalten. Das Menschenrecht auf Bildung kennt keine individuellen Vorleistungen oder Ausnahmen. Es ist nur an eine einzige Bedingung geknüpft: das Menschsein.

Heute finden wir in Deutschland deutliche Diskrepanzen zwischen dem Menschenrecht auf Bildung und seiner realen Umsetzung. Meine nachfolgenden Thesen sind eine Aufforderung an die EKD-Synode, dem Menschenrecht auf Bildung in Deutschland gesellschaftliche und politische Geltung zu verschaffen.

1. Das Recht auf inklusive Bildung gilt für alle

Die UN-Behindertenrechtskonvention fordert explizit die Anerkennung und Realisierung des allgemeinen Menschenrechts auf inklusive Bildung auch für die Gruppe der Menschen mit Behinderungen.

Dieses Recht darf keinem Kind vorenthalten oder abhängig gemacht werden von Elternhaus und Einkommen, von sozialer, kultureller und ethnischer Herkunft, von Begabung und Leistungsvermögen, von Behinderung oder Nichtbehinderung.

2. Das Recht auf inklusive Bildung ist vorteilhaft für alle

Internationale Erfahrungen und die empirische Bildungsforschung belegen: Gemeinsames Lernen fördert die kognitive, emotionale und soziale Entwicklung des Menschen. „Learning to live with each other“ hat die UNESCO 1999 zum wichtigsten Lernziel des 21. Jahrhunderts erklärt.

Unseren Kindern dürfen diese Lerngelegenheiten nicht länger verweigert werden. Vielfalt und Unterschiedlichkeit im gemeinsamen und individualisierten Lernen ist lernförderlich für alle und ermöglicht individuelle Lernerfolge auf hohem Niveau.

3. Das Recht auf inklusive Bildung ist Fundament für eine gerechte Gesellschaft

Unser Schulsystem ist von Barrieren geprägt: Kinder mit Behinderungen werden von Kindern ohne Behinderungen getrennt. Schülerinnen und Schülern werden früh auf unterschiedliche Schulformen mit ungleichwertigen Bildungsgängen verteilt. So entsteht soziale Trennung und soziale Ungleichheit wird verschärft. 
Eine gerechte Gesellschaft, die die Menschenrechte achtet, ist auf die Struktur und die Lernkultur einer SCHULE FÜR ALLE angewiesen.

4. Das Recht auf inklusive Bildung schließt das Recht auf hochwertige Förderung ein

Menschen mit Behinderungen haben ein individuell einklagbares Recht auf inklusive Bildung. Zwangszuweisungen zur Sonderschule/Förderschule darf es ab sofort nicht mehr geben. An die Stelle des Sonderschulsystems müssen inklusive Schulen mit qualitativ hochwertigen Förderstandards treten.

Präventive und schulzeitbegleitende Förderung für die am stärksten gefährdeten, benachteiligten und behinderten Kinder ist unabdingbare Voraussetzung. Ebenso die entsprechende Ausstattung der Schulen und die Unterstützung des pädagogischen Personals.

5. Das Recht auf inklusive Bildung und ein gespaltenes Schulsystem widersprechen sich

Als Kompromiss in der bildungspolitischen Diskussion zeichnet sich ein zweigliedriges Schulsystem ab, bestehend aus dem Gymnasium und einer zweiten Schulform, die alle anderen bestehenden Schulformen zusammenfasst. Die Politik bedient damit das Interesse von Menschen aus der Mittel- und Oberschicht am Erhalt des Gymnasiums: Bildungsprivilegien sollen weiterhin garantiert werden und der erwünschte Abstand zu den Kindern der Unterschicht und des Prekariats soll eingehalten werden.

Wer damit seinen Schulfrieden machen will, opfert das universale Menschenrecht auf inklusive Bildung und etabliert das Recht auf Gymnasium als deutsches Sonderrecht.

Wunsch an die Synode: Ein Zeichen setzen

Ich wünsche mir einen Beschluss von der Synode, der ein Signal setzt für eine mutige, aufgeklärte, menschenrechtliche Bildungsreform und vielleicht sogar für eine Menschenrechtsbewegung in Deutschland. Im besten protestantischen Sinne.

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