Nina Dorizzi (1944 – 2008) ist gestorben

Bestürzt und traurig haben wir die Nachricht erhalten: Nina ist am 6. November 2008 für immer eingeschlafen. Ein Nachruf.

Nina Dorizzi
FAssiS

Als Tochter russischer Einwanderer war Nina nicht gegen die Kinderlähmung geimpft. So wurde sie als junge Frau eines der letzten Opfer des Poliovirus in der Schweiz. Die Krankheit traf sie ganz besonders hart: bis hoch zum Hals vollkommen gelähmt konnte sie von da an nur noch mit Hilfe maschineller Beatmung über einen Kehlkopfschnitt leben. 24 Stunden am Tag musste jemand in ihrer Nähe sein, um Hilfe sicher zu stellen und notfalls die störungsanfällige Beatmungsapparatur in Gang zu halten.

Im Spital, in welchem sie die nächsten 6 Jahre verbrachte, rechnete man mit ihrem sehr frühen Tod, oder, alternativ mit einem ewigen Dahinsiechen, eingesperrt in einem Intensiv-Pflegeheim.

Nur mit Nina’s Willenskraft rechnete niemand! Schon im Spital entspann sich eine intensive Liebesbeziehung zwischen ihr und ihrem späteren Ehemann, Urs. Mit seiner treuen Unterstützung, wurde Nina eine der Ersten, wenn nicht die Erste überhaupt, die es wagte, sich aus den Fängen der Behindertenversorgung zu befreien, aus dem Pflegeheim auszuziehen um ein Leben in der freien Wildbahn zu führen. Eine auf einen Elektrorollstuhl montierbare Beatmungsanlage war zu der Zeit in der Schweiz noch nie Thema gewesen und musste erst konstruiert werden.

Vor allem aber musste ein Weg gefunden werden, um die notwendige Hilfe rund um die Uhr außerhalb der Klinik zu realisieren. Gemeinsam mit ihrem Mann entwickelte Nina das „kompensatorische Unterstützungsmodell“: Menschen mit verschiedenen Behinderungen leben in einer Wohngemeinschaft, integriert in der Gemeinde, unterstützen sich gegenseitig und kompensieren so jeder mit seinen Stärken die Beeinträchtigung des anderen.

Nina studierte Psychologie und eignete sich damit die notwendigen Kompetenzen an, um die Menschen mit intellektuellen oder psychischen Behinderungen im Leben außerhalb von Institutionen zu unterstützen, während diese von nun an im Gegenzug ihrerseits Nina praktische Assistenz leisteten. Weil revolutionär und in der Schweiz unerhört, wurde ihr Modell zwar allseits gelobt und bewundert – aber keineswegs gerne finanziert. Es passte in keiner Weise in die Strukturen der traditionellen Behindertenversorgung. Zeitlebens war Nina auf der Suche nach – und im endlos Kräfte zehrenden Kampf – um eine verlässliche Finanzierung dieses Modells.

In ihrer Autobiographie „Unten brennt’s und oben lodert’s – Versuche zur Ehrlichkeit“ (edition Fischer 1993) erzählt Nina ihre bewegende Geschichte mit eigenen Worten. Im selben Verlag erschien 1996 auch ihr Gedichtband „Ein Hauch Leben“.

Trotz unglaublichem Kampf um das eigene Überleben, engagierte sich Nina darüber hinaus in einer ihr eigenen Selbstverständlichkeit in allen politischen Gremien, zu denen sie Zugang finden konnte, für die Rechte aller behinderten Menschen in der Schweiz und auf der Welt. So gründete sie zusammen mit dem Schweizer Hilfsmittelanbieter Reinhard Gloor die Stiftung zur Förderung der Selbsthilfe Behinderter in Russland, die unter der direkten Schirmherrschaft von Ex-Staatspräsident Michail Gorbatshow stand.

Tausende von Menschen, die in Russland wegen ihrer Behinderung vollkommen verarmt und mittellos waren, erhielten Dank dieser Stiftung Hilfsmittel aller Art, die in der Schweiz eingesammelt und von der Firma Gloor wieder restauriert worden waren. Der Film „Leben außer Atem“ beschreibt Nina’s überaus eindrückliches Hilfswerk.

Nina war zudem langjähriges Vorstandsmitglied in der Schweizerischen Vereinigung der Polio-Opfer, SIPS, Mitgründerin und langjähriges Mitglied der Behindertenkommission der Sozialdemokratischen Partei und Mitglied in der sozialpolitischen Kommission der Dachorganisation der Schweizer Behindertenselbsthilfe AGILE.

1998 schaffte sie auf Anhieb die Wahl ins Parlament der Stadt Winterthur, wo sie bis 2005 sozialdemokratische Stadträtin blieb und sich immer wieder sehr mutig für das Recht auf Selbstbestimmung behinderter Menschen einsetzte und gegen deren Abschieben in Aussonder-Institutionen kämpfte.

Selbstverständlich gehörte Nina Dorizzi von allem Anfang an zur Gründungsgruppe der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung in der Schweiz, wirkte viele Jahre im Vorstand unseres Zentrums in Zürich mit und leitete auch eine Gruppe für Selbstbestimmtes Leben in Winterthur. Obwohl oft gesundheitlich schwer gefährdet und darum für Monate im Ausstand, konnten wir uns immer drauf verlassen, dass Nina uns nach der feinen russischen Art mit Gebäck verwöhnen würde, wenn sie wieder zu den unzähligen Arbeitsgruppensitzungen kommen konnte.

Später gründete Nina zusammen mit Katharina Kanka, Vreni Lauper und anderen die Fachstelle Assistenz Schweiz (FAssiS), welche seither den Kampf für die Einführung Persönlicher Assistenz in der Schweiz so erfolgreich anführt.

Dankbar werden wir Nina immer Erinnerung behalten, als leuchtendes Vorbild dafür, dass eine Beeinträchtigung, und möge sie noch so umfassend sein, niemals bestimmt, wozu ein Mensch in seinem Leben fähig oder nicht fähig ist. Danke, liebe Nina!

Hier beginnt der Werbebereich Hier endet der Werbebereich
Hier beginnt der Werbebereich Hier endet der Werbebereich