Noch-nicht-behindert

Der Disability Pride Month geht zu Ende. Organisationen haben darüber informiert. Man liest Blogbeiträge, sieht Videos auf Social Media, hört Podcasts. Ein Kommentar.

Juli ist Disability Pride Month
GRÜNE

Bei meinen Recherchen ist mir aufgefallen, dass die Organisator:innen und Autor:innen fast immer selbst von einer Behinderung betroffen sind.

Nothing about us without us. Nichts über uns ohne uns.

Ein wichtiger Satz! Denn wer mit einer Behinderung lebt, kann naturgemäß authentisch darüber berichten. Aber mir scheint, dass ein Großteil der Arbeit – Aufklärung, Sichtbarmachen, der Kampf um Gleichstellung und Anpassung – denen überlassen wird, die ohnehin schon mit diesen Hürden zu kämpfen haben.

Man lebt nicht nur in einer Gesellschaft, die einem zahlreiche Barrieren in den Weg stellt, sondern kümmert sich nebenbei noch um Aufklärung und gilt als Querulant:in, wenn man berechtigte Forderungen stellt.

Viele Menschen mit Behinderung stecken ihre Zeit und Energie in diese wichtige Arbeit, die aber, so scheint es mir, nicht-behinderte Menschen oft nicht interessiert.

Natürlich gibt es sie, die Allies, die Unterstützer:innen: Architekt:innen, die Barrierefreiheit von der ersten Skizze an mitdenken, Web-Entwickler:innen, die digitale Zugänglichkeit zur Ehrensache machen, oder Kulturveranstalter:innen, die Barrieren abbauen, bevor sie dazu gezwungen werden. Und all die Freiwilligen, die ihre kostbare Zeit nutzen, um zu helfen. An dieser Stelle ein Dankeschön!

Doch manchmal scheint mir, diese Menschen sind eher die Ausnahme als die Regel.

Der Grund ist nachvollziehbar: Mit so negativen Themen beschäftigt man sich nicht gerne. Wer denkt schon gerne über die Vergänglichkeit seiner Gesundheit nach. Wer nicht betroffen ist, lenkt seine Gedanken lieber in eine andere Richtung.

Aber halt! Behinderung betrifft uns alle!

Denn du bist nicht „nicht-behindert“. Du bist „noch-nicht-behindert“.

Abgesehen von Unfällen oder Erkrankungen, vor denen leider niemand gefeit ist, werden wir alle älter. Die Seh- und Hörkraft wird weniger. Die Mobilität verschlechtert sich. Die kognitive Leistungskraft lässt nach.

Die zwei Stockwerke ohne Lift, die du heute locker hinaufhüpfst, sind plötzlich unüberwindbar. Auch du stehst jetzt vor einer Barriere, wirst behindert. Wieso nur hast du in jungen Jahren gegen den Lift gestimmt, als du dachtest: „Warum soll ich da mitzahlen, ich brauch das nicht!“?

Ja – Barrierefreiheit ist mit Kosten verbunden. Lohnt sich der Lift, die Rollstuhlrampe, die Übersetzung in Braille, ÖGS oder einfache Sprache, wenn all das doch nur einem Teil der Gesellschaft hilft?

Natürlich lohnt es sich – es ist eine Investition in die Zukunft und ermöglicht jedem und jeder eine Teilhabe an unserer Gemeinschaft. Kein einziger Euro, der hier investiert wird, ist umsonst.

Als ich mit meinem Blog begann, hieß es: „Neurodivergenz und Behinderung ist ein Nischenthema, da kriegst du nicht viele Leser: innen.“ Aufklärung über Behinderung, Barrierefreiheit und Inklusion dürfen aber keine Nische sein, kein „Spezialinteresse“ von Betroffenen.

Sie sollen nicht nur im Disability Pride Month, sondern das ganze Jahr über sichtbar und wichtig sein, ein Thema für die gesamte Gesellschaft. Denn alte Menschen und Menschen mit Behinderung sind keine Last, sie gehören zu uns und haben das Recht auf Anpassung, um ihren Alltag so selbstbestimmt wie möglich zu bewältigen.

Barrierefreiheit schadet niemandem. Sie nützt allen – heute den Betroffenen und morgen vielleicht auch dir.

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