Ö1 Sendung „Barrierefreies Bauen“ vom 21. August 2013 empört Viele

Seit der Ausstrahlung der ORF-Sendung häufen sich die Unmutsäußerungen zu der Ö1-Sendung. Wir bringen hier beispielhaft einen Offenen Brief von Barbara Sima-Ruml.

Barbara Sima-Ruml
DI Barbara Sima-Ruml

Gemäß dem Motto „Ö1 gehört gehört“ werden wohl viele Menschen kürzlich die Sendung „Barrierefreies Bauen“ von der Journalistin Sabine Oppolzer mit Walter Stelzhammer, der Präsident der Kammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten für Wien, Niederösterreich und Burgenland und dem Architekten Wolfgang Löschnig gelauscht haben. (Übrigens nicht die erste Sendung dieser Art von Frau Oppolzer.)

Was bei dieser Sendung an Unrichtigkeiten und dumpfen Vorurteilen seitens der Redakteurin Oppolzer und Herrn Stelzhammer verbreitet wurde, spottet jeder Beschreibung (Hörtipp!).

Ihrer Verärgerung Luft gemacht hat sich Barbara Sima-Ruml (Bild) mit diesem Offenen Brief, den wir zur Gänze abdrucken. (Sollte es eine Reaktion seitens des ORF oder der Redakteurin Sabine Oppolzer geben, werden wir über dies gerne berichten.)

Offene Brief

Sehr geehrte Frau Oppolzer!

Leider habe ich von Ihnen noch keine Reaktion auf meine e-mail vom 21.08.2013 nach Ihrer Sendung im Kulturjournal von Ö1 zum Thema „Barrierefreies Bauen“ bekommen. Deshalb erlaube ich mir, einen offenen Brief an Sie zu richten. Nach dem gestrigen Kulturjournal war ich echt geschockt und muss Ihnen daher einfach einige Dinge darstellen. Beginnen wir mit Ihrer Einleitung zu der Radiodiskussion.

Die EU ists gewesen!

Sie erwähnen Bestimmungen zum Thema barrierefreies Bauen, welche die EU erlassen hätte. Meines Wissens, gibt es keine solchen Bestimmungen. Wenn es aber welche gibt, bitte Frau Oppolzer, lassen Sie mir diese zukommen! Oh wie sehr würden solche „Bestimmungen“ mein Leben erleichtern! Ich kenne nämlich nur die Richtlinien des Österreichischen Instituts für Bautechnik (kurz: OIB Richtlinien), die sich in der Richtlinie 4, Nutzungssicherheit und Barrierefreiheit näher mit dem Thema des barrierefreien und des Anpassbaren Wohnbaus befassen.

Sie verweisen in Teilbereichen auf die ÖNORM B 1600, Barrierefreies Bauen – Planungsgrundlagen, welche im Jahr 2012 neu erschienen ist und seit 1977 einen Standard für Barrierefreiheit in Österreich festlegt.

Kosten, die nirgendwo belegt sind

Nach der Aussage von Mag. Arch. Stelzhammer, dass Wohnungen „heute um 10% kleiner geplant werden müssten“, weil sie „smart oder sonst was“ sein müssten, richten Sie Ihre erste Frage an Hrn. Arch. DI Löschnig.

Sie stellen aber vorher noch mal sicherheitshalber fest, „dass Wohnungen nun 10 bis 15% teurer werden, wegen Maßnahmen, wie Türverbreiterungen und Rollstuhlwendekreise und ob dies denn gerechtfertigt ist, wenn man bedenkt, dass nur 0,3% der österreichischen Bevölkerung Rollstuhlfahrer sind? Wäre es denn nicht besser, dieses Geld einzusparen und diesen Menschen zur Verfügung zu stellen?“ fragen Sie Hrn. Arch. DI Löschnig.

Da hätte ich gleich eine Gegenfrage: Woher haben Sie denn diese Zahlen? Ich bitte, nein, flehe Sie geradezu an: lassen Sie mich teilhaben an der Studie, die diese erhöhten Kosten wissenschaftlich belegt! Schon seit Jahren versuche ich Zahlen zu eruieren, die ein Standardwohngebäude (oder wie auch immer ein nicht anpassbarer, nicht barrierefreier Wohnbau bezeichnet werden kann) mit einem Anpassbaren Wohngebäude und/oder einem barrierefreien Wohngebäude vergleicht. Also? Haben Sie diesen Vergleich in Zahlen und Fakten?

Nur wer gut auf den Beinen ist, darf die Aussicht genießen

Munter weiter in der Diskussion fragen Sie, ob es sinnvoll ist, „Behindertenwohnungen bis ins 12. Stockwerk zu machen“ und „wenn´s dann brennt und der Lift stecken bleibt, wie kann dann der Behinderte aus dem 12.Stockwerk geborgen werden“?

Was für eine Frage… Ich fasse es kaum! Wie kommen Sie denn darauf, dass es 12-geschossige Bauwerke, NEUBAUTEN wohlgemerkt, denn nur diese unterliegen (mit Ausnahmen) den Anforderungen an den anpasssbaren Wohnbau, gibt, die nur über ein einziges Fluchttreppenhaus und nur einen einzigen Aufzug verfügen?

Für Gebäude, wie diese gibt es sogenannte Feuerwehraufzüge (im normalen Gebrauch nicht zu unterscheiden von anderen Aufzügen) die im Brandfall nur von der Feuerwehr unter anderem auch zur Evakuierung von Menschen mit Mobilitätseinschränkung und/oder kranken Menschen dienen.

Was glauben Sie passiert, wenn ein Mensch in einem neuen Wohngebäude im 12.Obergeschoss 40 Grad Fieber hat und im Brandfall nicht mehr die Treppe nach unten flüchten kann, weil er temporär mobilitätseingeschränkt ist? Glauben Sie, die Feuerwehrleute zucken mit den Schultern und sagen: „Blöd, der hätt´ echt besser eine Wohnung im Erdgeschoss nehmen sollen …“ Achja, nur zur Info: Wird ein Brandalarm ausgelöst, fahren die heute zu verwendenden Aufzüge in die sogenannte „Brandfallstellung“ (meist in das Geschoss, wo es nach draußen geht), also keine Angst – man bleibt nicht einfach so „im Lift stecken“.

Kleine Begriffskunde für Nichtbehinderte

Die von Ihnen wild vermischten Termini „barrierefrei“, „behindertengerecht“ oder „Anpassbarer Wohnbau“ bedeuten im Übrigen NICHT das Gleiche! Also noch einmal zum Mitschreiben

Barrierefreiheit wird definiert durch die Begriffsbestimmungen der OIB Richtlinien. Dort heißt es: Barrierefrei im Sinne der OIB-Richtlinie 4 sind bauliche Anlagen, wenn sie für Menschen mit Behinderungen in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne Hilfe zugänglich und nutzbar sind.

Für das Wort „Behindertengerecht“ gibt es keine offizielle Definition, da jede Behinderung anders ist. Meine Definition lautet so: Behindertengerecht ist eine Sache, eine bauliche Anlage oder eine Kommunikationsweise, wenn sie für eine bestimmte Person mit Behinderung bedarfsgerecht (produziert) ist.

Hier ein Beispiel: Eine Wohnung, die eine Raumhöhe mit 1,9 m hat, wäre für mich persönlich behindertengerecht, da ich (als Person, die einen Rollstuhl nutzt), bei höherer Raumhöhe die Glühbirnen nicht selbstständig tauschen kann. Eine Wohnung für eine blinde Person könnte hingegen völlig frei von Licht sein. Es gibt also für jede individuelle Behinderung „behinderungsspezifische“ Anforderungen, die im Übrigen für z.B. Menschen mit Sinnesbehinderungen teilweise völlig konträr zu jenen von Menschen mit Mobilitätseinschränkungen sind!

Die Definition für Anpassbaren Wohnbau finden wir in der ÖNORM B 1600, Barrierefreies Bauen – Planungsgrundlagen, Pkt. 6.1, erster Absatz:

Anpassbarer Wohnbau bedeutet, dass zukünftig notwendige Änderungen in möglichst kurzer Zeit und kostengünstig nur mit geringfügigen Änderungen von Installationen, Technik, Dämmung oder Tragfähigkeit vorgenommen werden können.

Im Steiermärkischen Baugesetz ist der Anpassbare Wohnbau für Wohngebäude (Neubauten und Nutzungsänderungen) mit mehr, als drei Wohnungen, vorgeschrieben.

Anpassbar ist (noch) nicht Barrierefrei!

Schlussendlich noch eine Klarstellung. In den meisten Bauvorschriften der österreichischen Bundesländern wird nur der Anpassbare Wohnbau gefordert und nicht ein barrierefreier oder gar behindertengerechter Wohnbau.

Die Forderung nach Anpassbarem Wohnbau ist meiner Meinung genau deshalb nicht übertrieben, da – wie Arch. DI Löschnig während des gesamten Interviews mehrmals erwähnt hat – der Anpassbare Wohnbau die spätere Anpassung vor allem für ältere Menschen ermöglicht. Und die Zahlen der auf uns zukommenden Überalterung strapaziere ich hier nicht. Die sind Fakt!

Sie sehen also Frau Oppolzer, in der von Ihnen moderierten Diskussion hat es einige wirklich schwerwiegende „Schnitzer“ gegeben, die wirklich nicht notwendig gewesen wären. Denn schlussendlich haben Mag. Arch. Stelzhammer und Arch. DI Löschnig nämlich folgendes festgestellt: Sie sind einer Meinung, denn Flexibilität ist das Gebot der Stunde, und diese nutzt der Barrierefreiheit. Fragt sich nur, warum Sie Ihre Gäste mit falschen verwendeten Begriffen und Suggestivfragen für fast 20 Minuten gequält haben …

Ihre Barbara Sima-Ruml, Graz am 22.08.2013

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0 Kommentare

  • Noch ein Beitrag zu dieser Diskussion:

    http://www.bizeps.or.at/news.php?nr=14303

  • Danke Markus, das habe ich zu spät gesehen. Wir haben uns an den verantwortlichen Radiodirektor Karl Amon gewandt; er hat den Beitrag gehört und wird mit den Autoren sprechen. Ich hoffe, wir werden über den Ausgang des Gesprächs informiert ….

  • @Hedi Schnitzer-Voget: Die Reaktion gibt es bereits und sie ist hier nachzulesen:
    http://www.bizeps.or.at/news.php?nr=14292

  • Danke Barabara Sima-Ruml!
    Fakten und Kritik derart humorvoll zu verpacken ist wirklich eine Kunst. Ich bin schon sehr gespannt auf die Reaktion des ORF! Wir werden die Verantwortlichen sicherheitshalber auch noch einmal aufmerksam machen. Damit sie es nicht übersehen ….

  • und dann immer diese unsäglichen kosten“argumente“, die ohnhin nicht wahr sind, aber mal angenommen, sie wären wahr:

    – wahlen sind doch wirklich teuer, sollen wir die demokratie abschaffen?
    – richter kosten geld, also den rechtsstaat abschaffen?

    also: es geht ganz einfach um einen gleichberechtigten und menschenrechtskonformen zugang für alle!

    und aus!

  • @Wolfgang Löschnig: Danke für den Hinweis. Ich werde das gleich ausbessern.

  • Herzlichen Dank Herr Arch. Löschnig, für Ihr Engagement und ihre Mitteilungen. Im Interview haben Sie sich wacker geschlagen. Für die Ö1-Redakteurin und/oder die Moderatorin der Debatte gibt’s trotz zweitem Anlauf in dieser Sache noch ausreichend journalistisches Besserungspotenzial. Den Linkshändereinwand aus Ried können wir als Anregung werten, somit wäre der Anruf nicht völlig sinnentleert.

  • Freut mich, dass das Interview für reges Interesse sorgt. Kurz zu meiner Motivation und warum es überhaupt zu dem Interview gekommen ist. Ich bin über Bizeps auf das erste Interview ´Korsett Bauordnung´ zwischen Frau Oppolzer und Herrn Stelzhammer gestoßen und war zu tiefst verärgert über die völlig verzerrten Tatsachen, Missverständnisse und Trugschlüsse betreffend ´Barrierefreies Bauen´. Daraufhin habe ich in einer Doppelrolle – privat, weil meine Tochter Rollstuhlfahrerin ist und beruflich als Architekt und Mitglied der Architektenkammer – meine Verärgerung an die beiden Interviewpartner ausgedrückt und wurde von Ö1 zu dieser Studiodiskussion eingeladen. Ich finde es wirklich bedenklich, wenn Personen in einflussreichen Positionen, die im Interview dargelegten Meinungen gegen Barrierefreiheit vertreten – Verschlechterungen auf Ebene der Baugesetzte sind ja offensichtlich in manchen Bundesländern schon im Gange. Meiner Meinung nach sollten wir diesen wichtigen Diskurs in einer breiten Öffentlichkeit weiterführen und ich hoffe, dass der ORF zu weiterer Aufklärungsarbeit aufgefordert wird und auch dazu bereit ist.

    Übrigens wurde ich von einem gewissen Herrn Herwig Pernsteiner angerufen, laut meiner Recherche offensichtlich Direktor des gemeinnützigen Bauträgers ISG aus Ried im Innkreis, der mir mitteilen ´musste´, dass er mit meiner Einstellung ganz und gar nicht konform gehe, unter anderem mit dem Argument (Zitat): „wir müssen auch nicht für Linkshänder planen, also warum sollen wir es für Behinderte und andere Eingeschränkte tun …“… alles klar?!

    P.S. nur der Korrektheit halber: Herr Arch. Stelzhammer ist Präsident der Kammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten für Wien, Niederösterreich und Burgenland (das ist eine Länderkammer, Präsident der Bundeskammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten ist jemand anders!, aber dieser Fehler steht bereits auf der Ö1 – Seite 😉

  • ICH danke dem Team von BIZEPS (insbesondere Martin Ladstätter) für die Möglichkeit der Veröffentlichung meines offenen Briefs! Hoffen wir, dass sich Ö1 dazu durchringen kann, eine Klarstellung über die im Interview erwähnten, aber belegt falschen Zahlen zu bringen! Es bleibt spannend!

  • Ein unfassbarer Beitrag und das von dem „Präsidenten“ der Kammer für Architekten und Ingenieurskonsultenen. Ein Ausbund an Inkompetenz und Borniertheit! Danke an Fr. Sima für die Klarstellung!!!

  • Ich habe gerade diese Sendung nachgehört. Danke für die kompetente Antwort von Frau Sima-Ruml. Auch ich bin enttäuscht von Ö1.

  • Ich würde dem Herrn Stelzhammer und der Frau Oppolzer dringend eine Selbsterfahrung empfehlen!
    Ich bin äußerst enttäuscht von Ö1!
    Vielen Dank für den offenen Brief, Frau Sima-Ruml!

    Die Sendung kann übrigens im Internt bei 7 Tage Ö1 nachgehört werden.

  • Ich habe die Sendung in Deutschland nicht sehen können, kann mir aber angesichts der Darstellung von Barbara Sima-Ruml sehr gut vorstellen, dass ich ähnlich reagiert hätte. Als deutschlandweit agierendes Unternehmen bemühen wir uns seit vielen Jahren u.a. über das Internet (www.lebenohnebarrieren.de) und andere Medien, das Thema barrierefreies Bauen angemessen zu kommunizieren. Die letzten 5 Jahre zeigen ja auch erfreulicherweise, dass das Thema inzwischen unter anderen Aspekten als früher bei vielen Menschen angekommen ist. Nach wie vor gilt aber das Zitat: „Barrierefreiheit beginnt in den Köpfen der Menschen“. Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis Barrierefreiheit für ALLE zur Normalität wird. Dieter Soth

  • Gratulation – auch ich wurde auf die Sendung aufmerksam gemacht und habe eine Mail bekommen, dass man da viel einsparen könnte – ich wollte mir die Sendung anhören – Gut dass es Martin Ladstätter gibt, der schnell reagiert – man hat auch Rollatorennutzer vergessen – Besten Dank, stellvertretend für die „Rollstuhlgemeinde“ und alle mobilitätseingeschränkte Personen für diesen fundierten Offenen Brief!

  • hiemit fordere ich die ÖAR insbesondere herrn dr. klaus voget auf, vom ORF eine richtigstellung zu verlangen und die frau oppolzer ins archiv zu versetzen. diese sendung war schlicht und einfach gequirlte scheisse.

  • Danke für diese klaren und richtigstellenden Worte! Mögen sie mindestens genauso viele Menschen lesen wie diesen unfassbaren Radiobeitrag gehört haben!

  • Liebe Frau Sima-Ruml,
    liebe Barbara
    vielen dank für deine fachlich kompetenten und korrekten Zeilen.
    Diese Sendung war meiner Meinung nach eine Schande für den ORF, so mies recherchiert und moderiert ist echt schlimm.
    Deine Richtigstellungen waren da echt nötig.