ÖBB – Engagement und Hilfsbereitschaft zweier Buschauffeure verhindern eine Odyssee

Seit Langem ist der Bahnhof St. Pölten eine Großbaustelle und birgt für uns als blinde Wochenend-Pendler etliche Schwierigkeiten.

ÖBB Bahnhof
BIZEPS

Bedenkt man jedoch den Umfang der Baustelle, muss man der ÖBB-Infrastruktur ein großes Lob aussprechen: Baugebiete sind perfekt abgesichert, in den neuen Bereichen gut tastbare Bodenmarkierungen vorhanden und die Beschilderung so angebracht, dass auch mein stark sehbehinderter Mann Hannes etwas erkennen kann.

Eine Kette ist so stark wie ihr schwächstes Glied

Im August wurde bekannt gegeben, dass ab Herbst für die gesamte Strecke von St. Pölten nach L. (an der Mariazeller Schmalspurbahn) ein Schienenersatzverkehr mit Bussen eingerichtet wird. Dies ist nur die halbe Wahrheit, denn, wie uns ein Fahrgast aus unserem Freundeskreis glaubhaft versicherte und wie wir inzwischen aus Erfahrung wissen, es verkehren neben den Bussen weiterhin auch Züge. Das Problem besteht also darin herauszufinden, welche Verbindung als Bus und welche als Zug geführt wird.

Ein Fall für Profis

Auch wenn wir inzwischen mit der schwierigen Situation der Bahnhofs-Baustelle einigermaßen vertraut sind, sind wir mit dieser unklaren Lage überfordert und meldeten daher rechtzeitig beim Mobilitätsservice für behinderte Menschen eine Umsteighilfe an.

Auch die freundliche Dame am Telefon versichert mir, dass ausschließlich Busse fahren – so lautet ihre Information -, sie verspricht aber, sich nochmals zu erkundigen und zurückzurufen. Dieser Rückruf ist erfolgt, die Information blieb aber dieselbe.

Lokalaugenschein

Wenn jemand Bescheid weiß, dann sicher die Mitarbeiter vor Ort, dachten wir. Es klappt alles wie am Schnürchen. Als wir mit nur zwei Minuten Verspätung St. Pölten erreichen, werden wir bereits von zwei Mitarbeitern erwartet.

Als Auftakt entspinnt sich zwischen den beiden eine Diskussion, die uns mit leisem Unbehagen erfüllt: Zug oder Bus? Das kommt uns bekannt vor. Daher werden die Anzeigetafeln konsultiert, und die Entscheidung fällt rasch zu Gunsten des Busses aus. Laut Anzeige steht fest, dass wir auf Busbahnsteig X müssen. Als wir das Gebäude verlassen, treffen wir wieder auf die Handschrift der ÖBB-Infrastruktur in Form eines taktilen Bodenleitsystems, das über die Fahrbahn zu den Bussteigen führt und an diesen entlang.

Die Einstiegstellen sind durch Aufmerksamkeitsfelder deutlich gekennzeichnet. Hannes überprüft gemeinsam mit unserer Begleitung zur Sicherheit nochmals die Anzeigetafel, auf der unser Bus mit Abfahrtszeit 17.28 Uhr aufgeführt ist. Dann bleiben wir allein und beruhigt zurück, denn wir haben noch 15 Minuten Zeit.

Trügerische Sicherheit

Als der erste Bus eintrifft, erfragen wir dessen Fahrziel – es ist nicht unserer. Auch der nächste Bus – inzwischen ist es 17.25 Uhr – hat ein anderes Fahrziel. Und als der 3. Bus gegen 17.35 Uhr in die Halteposition einfährt, stürmen wir ihn – natürlich nicht, ohne zur Sicherheit nach dem Fahrziel zu fragen. Ebenfalls Fehlanzeige.

Jetzt macht sich neben Verunsicherung und Unruhe auch die Sorge breit, wir könnten an falscher Stelle stehen, aber dagegen sprechen alle Anzeigetafeln.

Wir fragen den Busfahrer, ob er weiß, wo unser Bus geblieben ist. „Moment“, meint der Fahrer und greift energisch zu seinem Handy. Wegen des Motorenlärms verstehen wir nur so viel, dass unser Bus längst abgefahren ist, und wir machen lange Gesichter, denn inzwischen ist es empfindlich kühl und die ersten Regentropfen fallen.

„Das kriegen wir schon hin …“

Kurz entschlossen verlässt der Busfahrer sein Fahrzeug und bespricht sich mit seinem Kollegen. Er erläutert unser Malheur und fragt den Kollegen, ob dieser nicht einen kleinen „Schwenk“ abseits der geplanten Route zum Bahnhof in O. machen und den Bahnhofsvorstand per Telefon bitten könnte, den Bus nach L., den wir verpasst haben, dort auf uns warten zu lassen. Die beiden Organisationstalente sind sich rasch einig, wir besteigen den Bus (keine Ahnung, wohin er letztlich gefahren ist), erreichen den Bahnhof in O., wo wir schon erwartet werden und schließlich unser Ziel ohne weitere Panne.

Auf halber Strecke

Bei Zügen kommt es schon vor, dass sie mitten auf der Strecke halten, aber irgendwann fahren sie doch weiter. Mit korrekten und ausreichenden Informationen scheint das Prinzip Weiterfahrt bei der ÖBB-Personenverkehr nicht immer zu funktionieren. Gleichgültig, wo ich nachgefragt habe – die Information hat immer gleich gelautet: Von St. Pölten nach L. verkehren Busse im Schienenersatzverkehr. Punkt.

Auch wenn diese Information für unsere Reise zutreffend war, ändert dies nichts daran, dass diese Aussage nur die halbe Wahrheit ist – es verkehren eben auch Züge. Am Freitag wurden wir mit Bus, am Sonntag mittels Zug befördert.

Die Gegebenheiten und häufigen Änderungen am Bahnhof St. Pölten sind für alle Beteiligten zweifellos eine große Herausforderung. Dennoch halte ich es für bedenklich, dass nicht einmal die Mitarbeiter vor Ort umfassend informiert sind und offenbar auch keine Anlaufstelle haben, um sich die benötigten Informationen zu beschaffen.

Ich möchte mir lieber nicht ausmalen, wie unser Abend verlaufen wäre, wenn es der letzte Bus gewesen wäre und sich die Busfahrer nicht so engagiert verhalten hätten, um ein massives Informationsloch durch ihr hilfsbereites Verhalten zu stopfen.

Herzlichen Dank!

Ich zweifle zwar an so manchen Systemen, aber ich glaube fest an das Engagement des Einzelnen. Unser Dank gilt daher vorrangig den beiden Busfahrern, aber natürlich auch den wirklich bemühten Helfern des Mobilitätsservices. Es ist ja nicht ihre Schuld, wenn sie unzureichende Informationen erhalten.

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0 Kommentare

  • Kann es nur bestätigen – freundliche Zugsführer der ÖBB. Auch ich fahre manchmal auf der Regionalbahnstrecke ab St. Pölten Richtung Wien, dazwischen steige ich aus. Da konnte es schon passieren, dass man auf Ersatzverkehr (Bus) umsteigen musste, sogar mehrmals(!) unterwegs bis zum Endstation. Die ÖBB-Mitarbeiter sind da immer zuvorkommend gewesen, dort wo keine visuelle Anzeige oder Fahrgäste da sind, springen sie ein, auch in der Nacht.

  • Vieles an den ÖBB ist schlicht und einfach unannehmbar, ich habe mich schon so oft geärgert. Doch was wirklich super ist an den ÖBB: die Mitarbeiter.
    Sie gleichen – so gut sie können – die Mängel aus, die durch inkompetentes Management entstehen. Und zwar immer freundlich und immer mit vollem Einsatz. DANKE!