ÖVP-Homepage: „Äußerst schlampig“ und voller Barrieren

Die ÖVP war 1995 als eine der ersten politischen Internetangebote im Netz. Warum sie noch immer nicht barrierefrei ist, muss den Wählerinnen und Wählern erst erklärt werden.

Homepage der ÖVP aus dem Jahr 2008
BIZEPS

Die Internetseite der ÖVP-Bundespartei war 1995 als eine der ersten politischen Internetangebote im Netz. Die Seite wurde regelmäßig verändert, doch eines blieb gleich. „Sie blieb jahrelang in Bezug auf Barrierefreiheit ein abschreckendes Beispiel“, schrieben wir im Jahr 2006. Die Parteiseite ist – trotz gesetzlicher Vorgabe – noch immer eine Zumutung.

Nur einmal – vor zwei Jahren – gab es Hoffnungsschimmer. Die Wiener ÖVP und auch die Bundes ÖVP „wagten“ Verbesserungen an deren Angeboten. Seither lähmender Stillstand.

Als ÖVP-Chef Molterer den inzwischen legendären Spruch „Es reicht“ von sich gab, meinte er nicht das mangelhafte Internetangebot der ÖVP, sondern beendete damit die Koalition.

Schnell brachte die ÖVP einen neuen Internetauftritt online, der so barrierenbehaftet und daher diskriminierend ist, dass dringender Handlungsbedarf gegeben ist.

Der Test

Johannes Reiss, international ausgezeichneter Experte im Bereich barrierefreies Internet, nahm die ÖVP-Seite unter die Lupe. Sein Mängelbericht ist so ausführlich, dass dieser nur auszugsweise wiedergegeben werden kann.

„Die Seite wirkt, obwohl grundsätzlich absolut überschaubar und (nur) auf den ersten Blick klar strukturiert, durchgängig chaotisch. Orientierung ist – auch für sehende Benutzerinnen und Benutzer – nie und nirgends möglich“, zeigt er gleich den gröbsten Mangel auf und nennt als weitere Beispiele:

  • Es fehlen Standortangaben, aktive Links sind nicht als solche gekennzeichnet, es fehlen Sprungmarken sowie hierarchisch logische Bereichsüberschriften (hx). Mit wenigen Ausnahmen taucht auf jeder Seite eine Überschrift zweiter Ordnung (h2) auf, die aber leider falsch gesetzt ist und daher keine Hilfestellung bietet. Es handelt sich dabei auch nicht um den einzigen handwerklichen Fehlgriff, die Seiten validieren nicht einmal im Ansatz.
  • Das Fehlen einer Seitensuche erschwert das Wiederauffinden von bereits besuchten Seiten enorm.
  • Die User werden aufgrund der fehlenden Orientierungsmöglichkeiten immer wieder zum altbewährten Klick auf die Startseite (die freilich als solche nicht gekennzeichnet ist) greifen, wo aber leider aufdringliche Werbefenster ein weiteres Verweilen auf der Website wohl schnell verleiden.

Aber auch sonst wurde mit den notwendigen Techniken „äußerst schlampig umgegangen“, erläutert er und erwähnt: „:hover ist nur selten, :focus oder :active überhaupt nicht definiert, wodurch Tastaturbenutzern das Navigieren fast unmöglich gemacht wird. Auf title-Attribute wird komplett verzichtet.“

Reiss, dem die Verwendung der Sprache wichtig ist, kritisiert den Text: „Auffällig, vor allem auch angesichts der von der ÖVP geforderten deutschen Sprachkurse, ist der schlampige Umgang mit der deutschen Sprache: Viele (sinnstörende) Rechtschreibfehler (dass-Fehler etc.), die Mischung von alter und neuer Rechtschreibung, die Auslassung von Wörtern im Satz, was Texte zum Teil schwer verständlich macht usw.“

Sein Resümee ist wenig überraschend, dass die Homepage der ÖVP leider „in höchstem Maße unbenutzbar“ ist und „der Einhaltung des Bundesbehindertengleichstellungsgesetzes auf oevp.at nicht im Geringsten Rechnung getragen wurde“.

Die ÖVP-Seite muss als unbenützbar eingestuft werden und widerspricht damit dem Bundesbehindertengleichstellungsgesetz, weil Bundesförderungen – und die Parteienförderung ist eine solche Bundesförderung – seit dem Jahr 2006 nicht mehr in diskriminierender Art eingesetzt werden dürfen.

Stellungnahme der ÖVP

BIZEPS-INFO bat nach diesen sehr negativen Testergebnissen die ÖVP um Stellungnahme. „Bei der momentanen Seitengestaltung handelt es sich um eine verknappte Kampagnenseite“, hält Mag. Gerald Fleischmann von der Öffentlichkeitsabteilung der ÖVP gegenüber BIZEPS-INFO fest und kündigt an, dass das Angebot „im Herbst im Zuge des vollständigen Relaunches einer Optimierung unterzogen wird, bei der selbstverständlich auf die größtmögliche Barrierefreiheit geachtet wird.“

Die ÖVP zeigt sich lernfreudig. „Deshalb freuen wir uns auf den Testbericht, um diesen, soweit es uns möglich ist, in die Gestaltung unserer Homepage einfließen zu lassen“, hält Fleischmann abschließend fest.

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BIZEPS-INFO lässt die Internetauftritte aller bundesgeförderten Parteien auf die Einhaltung der Barrierefreiheit testen und berichtet über die Ergebnisse.

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