Olympische Spiele: Lindy Hop und Danny Boyle für alle

Seit Monaten freue ich mich, endlich diesen Blogeintrag schreiben zu dürfen und jetzt weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll.

Christiane Link
Link, Dipl.-Pol. Christiane

Ich möchte Euch unbedingt von den letzten drei Monaten berichten – wohl die Intensivsten in meinem Leben bislang – und wie ein Sportmuffel wie ich durch eine Verkettung von glücklichen Umständen plötzlich bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele tanzen durfte.

Alles fing im März 2011 an als mich meine Freundin Maria Zedda fragte, ob ich mir vorstellen könne, Mitglied einer Gruppe zu werden, die gemeinsam mit der Olympiagesellschaft Maßnahmen erarbeitet, um die Olympischen und Paralympischen Spiele barrierefreier für behinderte Menschen zu machen und mehr behinderte Menschen dafür zu begeistern.

Als Sportmuffel zu Olympia

Ich fand, sie hätte niemand Unpassenderen fragen können als mich, denn ich interessierte mich bis zu diesem Zeitpunkt weder für Sport noch die Olympischen Spiele. Dem Behindertensport stehe ich sogar recht kritisch gegenüber. Ich bin nicht gerade ein Fan der Paralympics. Aber ich bin ein sehr neugieriger Mensch und fand dann doch sehr interessant, was hinter den Kulissen von solch einem Event passiert. Deshalb sagte ich zu.

Im Rahmen dieser Arbeit bekam ich alle Pressemitteilungen vorab zu sehen, die die Olympiagesellschaft vor den Spielen verschickt hat. Irgendwann im November flatterte eine Pressemitteilung in mein Postfach, in der stand, dass man Freiwillige für die Eröffnungszeremonie suchte. Man musste keinerlei Vorwissen mitbringen, nur Spaß am Tanzen haben. Damit konnte ich dienen. Ich hasse zwar Sport, aber ich tanze sehr gerne. Und so kam es, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben an einem Vortanzen teilnahm.

Es gab spezielle Termine für behinderte Bewerber, aber auf der Bewerbungswebseite stand auch, dass man durchaus auch an jedem anderen Termin teilnehmen könne. Da ich ja eine große Anhängerin von Inklusion bin, ging ich nicht zum Termin für behinderte Teilnehmer sondern zu dem für alle. Das Vortanzen war toll. Wir übten eine Choreographie ein, ich setzte sie, so gut ich konnte, in Rollstuhlbewegungen um und hoffte, dass das reicht, um weiterzukommen.

Ich tanzte zum ersten Mal in meinem Leben mit einem professionellen Tänzer – zu Parklife von Blur in der Dauerschleife. Das Lied werde ich nie mehr vergessen. Zudem war es ein Massentanz mit 200 anderen Bewerbern. Ich war die einzige Rollstuhlfahrerin, aber fand, es war Inklusion pur. Ich hatte so etwas noch nie zuvor gemacht, aber die Reaktionen der anderen Bewerber waren toll. Niemand hatte Angst mit mir zu tanzen. Jeder tat es, so gut er es konnte. Ich kam nach den zwei Terminen nach Hause und dachte, selbst wenn ich nicht angenommen werde, das Vortanzen alleine war schon ein Erlebnis.

Tanzen bis zum Umfallen bei Ford

Ein paar Wochen nach dem Vortanzen rief mich die Castingchefin an und besprach mit mir zwei Rollen, die ich haben könne. Eine Passive in der Abschlusszeremonie oder eine sehr trainingsintensive aktive Rolle in der Eröffnungszeremonie. Ich wusste sofort, was ich machen möchte. Und dann ging es eine Woche später auch schon los. 1 – 2 Mal Training pro Woche, teilweise ganztägig und im strömenden Regen bis zur Erschöpfung. Am Ende hatten wir dann sogar noch mehr Termine. Und so verbrachte ich meine Wochenenden seit April auf einem Freigelände der Ford-Werke in Dagenham, später im Stadion.

Wie unsere Proben aussahen, sieht man auf diesem Video.

Jreena Green, die Lindy Hop-Queen

Neben mir gab es noch eine andere Rollstuhlfahrerin in unserem Teil, der dem nationalen Gesundheitsdienst NHS gewidmet war. Toll fand ich, dass niemand auf die Idee kam, uns als Patientinnen einzusetzen sondern als Krankenschwestern wie alle anderen auch. Überhaupt waren die Proben, was den künstlerischen Teil angeht, eines der inklusivsten Erlebnisse meines Lebens. Wir hatten eine Tanztrainerin, die die Schritte der Choreographie mit uns in Rollstuhlbewegungen umgesetzt hat und uns wirklich nicht geschont hat. Ihr Name ist Jreena Green und sie ist für mich persönlich die Heldin dieser Eröffnungszeremonie.

Wir hatten genau die gleiche Choreographie wie alle anderen auch – von Lindy Hop bis zum Zombie-Tanz. Sie hat von Anfang an verstanden, was Inklusion bedeutet und hat das konsequent umgesetzt. Ich hatte zudem einen super Tanzplatz in der ersten Reihe direkt vor der Queen und der VIP-Tribüne.

Danny Boyle ist zudem ein großartiger Regisseur. Ich habe am Anfang gar nicht damit gerechnet, ihn überhaupt zu treffen. Aber er war bei jeder Probe dabei, war immer ansprechbar, hat uns nach unserer Meinung gefragt, Autogramme gegeben und Fotos gemacht.

Heiße Schokolade macht Flecken

Natürlich gab es auch weniger tolle Momente, z.B. als uns gesagt wurde, dass zwei Minuten unseres Auftritts gekürzt werden oder dass es keine heiße Schokolade mehr gibt, weil die Flecken aus den weißen Stadionsitzen nicht mehr rausgehen. Überhaupt war das Catering ein einziges Desaster. Ich kann für die nächsten fünf Jahre keine Sandwichs mehr sehen und auch keine [hier den Namen eines Sponsoren einsetzen] – Chips. Und auch die Transportorganisation war am Anfang zum Haare raufen. Aber am Ende haben sie es dann doch noch hingekriegt.

Lustig war übrigens manchmal die Reaktionen der Leute, denen ich erzählte, dass ich gerade für die Eröffnungszeremonie trainiere. Meistens dachten die Leute, es geht um die Paralympics. Rollstuhlfahrerin = Paralympics. Klar. Dabei hatte diese Show so viele behinderte Darsteller. Ich kenne allein 10 weitere Leute mit sichtbaren Behinderungen – Rollstuhlfahrer, eine blinde Frau mit Hund, mehrere Leute mit Down Syndrom, einige gehörlose Tänzer und nicht zu vergessen der Kinderchor mit hörenden und gehörlosen Kindern, die die Nationalhymne sangen und gebärdeten. Das ist Inklusion!

Zu hohe Anforderungen?

Ich erwähne dennoch, dass ein Verband behinderter Künstler kritisierte, die Hürde, um bei der Eröffnungszeremonie dabei zu sein, sei zu hoch gewesen. Zu viele Trainingstermine – wir probten über 150 Stunden – und sehr hohe Anforderungen. Ich muss sagen, das stimmt, was meine Rolle angeht. Wir durften nur zwei Mal fehlen, sonst wurden wir ausgeschlossen vom Auftritt. Aber ich habe auch nie um Erleichterung diesbezüglich gebeten. Ein älterer Herr aus dem „Green and Pleasant“-Teil erzählte mir jedoch, dass er schon aussteigen wollte, weil ihm das mit seiner Arthritis zu viel wurde, aber einer der Choreographen sofort zu ihm kam und sagte, er soll nur dann kommen, wenn er denkt, er fühle sich fit. So hat er einige Proben verpasst, aber sie haben dann individuell mit ihm gearbeitet.

Das nimmt mir niemand mehr

Ich habe die letzten Monate sehr viel Zeit mit sehr vielen netten Menschen verbracht. An unserem Trampolinbett tanzten fünf weitere Leute. Ich habe Freunde fürs Leben kennen gelernt, nicht zuletzt meine Tanzpartnerin Gill, mit denen ich jetzt ein einmaliges Erlebnis teile. Dafür bin ich unendlich dankbar. Es war harte Arbeit, aber am Ende war es das wert. Als ich nach meinem Auftritt auf der Fototribüne saß (ja, jetzt fragt nicht, wie ich da hin gekommen bin) und mir den Rest der Show ansah, war ich in erster Linie stolz. Stolz, in einem so tollen Land zu leben, bei der größten Show der Welt dabei gewesen zu sein und stolz darauf, einfach das Beste mitzunehmen, was einem das Leben bietet. Und jetzt bin ich einfach nur dankbar. Das nimmt mir niemand mehr.

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0 Kommentare

  • Nicht zu diesem Artikel, aber zu FRAU LINK:
    Reform, nicht Abschaffung
    „Jeder Kramer lobt seine Ware.“ Und wenn ich bei Frau Link lese, dass ich meine irren Tantiemen als Vizepräsident des Österreichischen, Präsident des Wiener Behindertensportverbandes und Vorstandsmitglied des Paralympischen Comitees verdiene, dann ist klar, dass ich ihre Ansicht nicht teile.
    Nein, ein bisschen ärgere ich mich schon, ich bin seit 1996 Präsident des Wiener Verbandes und habe mir nach Vorstellung der Frau Link schon Häuser verdient. Also zum Mitschreiben: Ich habe für meine Tätigkeit im Behindertensport nie auch nur 1 Groschen oder Cent bekommen, ganz im Gegenteil, heuer habe ich z.B. das Paralympische Jugendlager mit 1000 € aus meiner Privatkasse gesponsert.
    Von den tausenden Stunden Freizeit will ich nicht reden – ich habe es schließlich gerne getan !
    Damit ich einer so objektiven Frau etwas Schönes sage: Ich glaub, sie ist nur so böse, weil sie „nur“ bei den Paralympics singen durfte (was haben Sie dafür bekommen ?) und nicht bei den Olynmpischen Spielen.
    So, jetzt bin ich meinen Ärger los und nun zum Sachlichen:
    Ich war auch in London bei den Paralympics und kann in diesem Link-Artikel (sagen wir Artikel) nur zwei Sätze unterschreiben: „Die Paralympics waren großartig. Es hat Spaß gemacht, das alles zu erleben.“
    Natürlich kann Oscar Pistorius bei den Olympischen Spielen mitlaufen und hat es ja auch getan und auch andere Sportler sind dazu imstande. Aber Rollstuhlfahrer in ein normales Olympiageschehen einzugliedern, halte ich für falsch. Auch viele blinde Menschen sind kaum sinnvoll hier zu integrieren. Und ich sehe das nicht als Diskriminierung !!
    Und natürlich kann London auch ein Olympiastadion für 160 000 Personen bauen, aber ich habe keine Problem mit zweimal 80 000 !! Und ich wünsche mir nur, dass die Österreicher die gleiche Begeisterung für den Behindertenport entwickeln wie die Briten !