ORF-ON: Schlichtungsverfahren wegen fehlender Barrierefreiheit

"Ich will erreichen, dass die ORF-ON Redaktion die seit 1999 geltenden Richtlinien für barrierefreies Webdesign umsetzt", hält Ing. Lukas Huber im BIZEPS-INFO Interview fest.

Lukas Huber
Lukas Huber

Am 16. Oktober 2007 fand eine erste Schlichtungsverhandlung zwischen dem ORF und Ing. Lukas Huber statt. Der gehörlose ORF-Konsument und Vorstandsmitglied des Österreichischen Gehörlosenbundes fühlt sich vom ORF wegen mangelnder Barrierefreiheit diskriminiert.

BIZEPS-INFO: Warum haben Sie konkret die Schlichtung mit dem ORF eingeleitet?

Ing. Lukas Huber: Vor einigen Monaten hat eine gehörlose Person eine Schlichtung mit dem ORF eingeleitet. Dabei ist es um die altbekannte Forderung nach Erhöhung der ORF-Untertitelung im Fernsehen gegangen.

Über das Ergebnis dieser Schlichtung bin ich bereits informiert worden. Deshalb habe ich mich der Vollständigkeit halber zu einer weiteren Schlichtung entschieden, um den ORF auf eine weitere Lücke hinzuweisen, die jahrelang bisher unberücksichtigt geblieben ist.

BIZEPS-INFO: Worin sehen Sie sich diskriminiert?

Lukas Huber: Bei der Schlichtung, die ich eingeleitet habe, geht es allgemein um die fehlende Barrierefreiheit der ORF-Website www.orf.at. Besucher der ORF-Website können vertonte Videofilme auf den Webseiten video-on-demand und IPTV vom ORF täglich abrufen und abspielen. Ich kann den gegebenenfalls gesprochenen Inhalt der Filme nicht wahrnehmen, da es nicht möglich ist, Untertitelung extra einzublenden bzw. wird es von der ORF-ON Redaktion nicht angeboten.

Ein weiterer Punkt der Schlichtung befasst sich mit der Sendung „ZiB1“ mit Dolmetschung in Österreichische Gebärdensprache, die täglich im digitalen ORF 2E Kanal ausgestrahlt wird. Auf der video-on-demand Webseite des ORF hat der Besucher die Möglichkeit, Sendungen wie „ZiB1“, „ZiB2“, usw. – also jene Beiträge, die bis zu 7 Tage zurückliegen – auszuwählen und zuzuschauen bzw. zuzuhören.

Gehörlose Besucher, die lieber Nachrichten in Gebärdensprache verfolgen möchten, haben dagegen keine Möglichkeit, „ZiB1“ mit ÖGS auf der video-on-demand Webseite zu wählen, weil es dort überhaupt nicht angeboten wird.

BIZEPS-INFO: Was möchten Sie mit der Schlichtung erreichen?

Ing. Lukas Huber: Ich will erreichen, dass die ORF-ON Redaktion die seit 1999 geltenden Richtlinien für barrierefreies Webdesign umsetzt. Da ich mit dem ORF-Gehörlosenservice schon seit Jahren in Kontakt stehe, glaube ich interne Abläufe im ORF ziemlich gut zu kennen.

Andererseits informiere ich mich laufend über technische Möglichkeiten und über positive Beispiele in internationalen Ländern. Daher kann ich gut abschätzen, was für den ORF in dieser Hinsicht realisierbar ist und was nicht, sowohl kurz- und langfristig gesehen. Diese Aspekte habe ich in meiner Schlichtung mit dem ORF berücksichtigt.

So will ich erstmal erreichen, dass die ORF-ON Redaktion kurzfristig – am besten sofort – die „ZiB1“ mit ÖGS auf der video-on-demand Webseite anbietet. Die Umsetzung dürfte für den ORF leicht sein, da am Videoinhalt nichts verändert werden soll, weil die Übersetzung in ÖGS im Film bereits zu sehen ist.

Der zweite – mittelfristige Schritt – befasst sich mit den Videofilmen auf der IPTV-Webseite, die jeweils etwa 1-3 Minuten Abspieldauer haben. Man kann man sich leicht ausrechnen, dass die Arbeitszeit zum Bearbeiten von Untertiteln pro Film kurz ausfallen wird.

Der dritte Punkt behandelt die Videofilme auf der video-on-demand Webseite, die jeweils eine längere Abspieldauer haben, also ca. 15-25 Minuten. Zu den Sendungen, die dort angeboten werden, zählen Beiträge aus „ZiB1“, „ZiB2“, „Heute in Österreich“, „Bundesland Heute“ und Religion. Davon werden „ZiB1“ und „Heute in Österreich“ mit Teletext-Untertitel im Fernsehen ausgestrahlt.

Aus technischen Gründen ist es ohnehin nicht möglich, Untertitel im Teletext-Format digital umzuwandeln. Daher habe ich eine weitere Forderung aufgestellt, dass der ORF extra digitale DVB-Untertitel – das ZDF macht es vor – einführen muss. Dann wird es möglich sein, diese video-on-demand Sendungen mit digitalen Untertitel auszustatten. Andere Sendungen, die vom ORF-Gehörlosenservice nicht untertitelt werden, können erst später nachträglich folgen.

Es gibt dann auch noch Live-Sendungen. Der ORF bietet ab und zu Live-Übertragungen von Fußballspielen auf seiner Website als stream an. Da drücke ich mal ausnahmsweise ein Auge zu, da der ORF über keine ausgereifte Spracherkennungstechnologie verfügt, die Live-Untertitelung ermöglicht. Aber sobald eine in Zukunft verfügbar ist, dann sehen wir weiter. Wichtiger sind mir alle Sendungen, die man nachbearbeiten kann und somit untertiteln kann. Der Rest ergibt sich dann von selbst.

BIZEPS-INFO: Wie ist die erste Schlichtungssitzung verlaufen?

Ing. Lukas Huber: Positiv ist, dass die Vertreter vom ORF die Einladung zum ersten Schlichtungstermin wahrgenommen haben. Die Schlichtungsreferentin hat die Sitzung zu meiner vollen Zufriedenheit geleitet und es wurden alle Probleme angesprochen.

Dabei stellte es sich heraus, dass der ORF über vieles nicht informiert ist bzw. sich damit kaum auseinandergesetzt hat, z.B. die internationalen Richtlinien der Barrierefreiheit (WAI). Auch über die Möglichkeit der Einbindung digitaler Untertitel in digitale Videofilmen wusste die zuständige Person der ORF-ON Redaktion nichts.

Ich habe vorerst den Eindruck, dass der ORF diese Kritiken zur Kenntnis nimmt und den nötigen Willen aufbringen wird, diese Probleme zu lösen. Bei der nächsten Schlichtungssitzung wird es um Vereinbarungen gehen, u.a. ob der ORF ein Bekenntnis zur Barrierefreiheit ablegt und in welchem Zeitraum die ORF-Website schrittweise und schließlich vollständig barrierefrei sein wird.

BIZEPS-INFO: Vielen Dank für das Interview.

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0 Kommentare

  • „der ORF über vieles nicht informiert ist“ Hahaha wer glaubt das!!!

  • Manueller Trackback: Barrierefrei ist kein Geschäft http://hyperkontext.at/weblog/artikel/barrierefrei_ist_kein_geschaeft/

    […] Dabei stellte es sich heraus, dass der ORF über vieles nicht informiert ist beziehungsweise sich damit kaum auseinandergesetzt hat, zum Beispiel die internationalen Richtlinien der Barrierefreiheit (WAI). Lukas Huber
    [aus einem Interview auf BIZEPS] […]