Parlament und ORF starten Pilotprojekt zur Live-Untertitelung

Neues Spracherkennungssystem für Menschen mit Hörbehinderung

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BIZEPS

Nationalratspräsidentin Barbara Prammer und ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz haben heute im Rahmen einer Pressekonferenz im Parlament ein gemeinsames Projekt zum Ausbau des Services für die derzeit mehr als 500.000 gehörlosen oder stark schwerhörigen Menschen in Österreich präsentiert.

Im Rahmen eines gemeinsamen dreijährigen Pilotprojekts werden der ORF und das österreichische Parlament ein Spracherkennungssystem zur Anwendung bringen, das es möglich macht, dem Publikum erstmals auch die Übertragungen der Parlamentsdebatten und anderer ORF-Live-Sendungen mit Live-Untertiteln anzubieten. Erstmals zu sehen sein werden die Untertitel bei der ORF-Übertragung der Nationalratssitzung am 10. Dezember 2009, kündigte Präsidentin Prammer an.

„Das Parlament setzt mit diesem Projekt einen weiteren Schritt in Richtung Barrierefreiheit“, freut sich Nationalratspräsidentin Prammer über diese Neuerung. Sie erinnerte in diesem Zusammenhang an die Einführung der Gebärdensprache im vergangenen Sommer, mit deren Hilfe Gehörlose erstmals die vom ORF übertragenen Debatten des Nationalrats verfolgen können. Die Nationalratspräsidentin dankte dem ORF für diese Innovationen. Im Sinne einer lebendigen Demokratie sei es wichtig, möglichst allen Bürgerinnen und Bürgern die Möglichkeit zu geben, am politischen Geschehen teilzuhaben, sagte Prammer bei der Pressekonferenz. Gerade das Parlament als Ort der freien Rede solle auch gehörlosen oder stark hörbehindeerten Menschen erschlossen werden.

Seit zwei Jahren werde auch der Web-Auftritt des Parlaments auf die heutigen Standards der Barrierefreiheit umgestellt, so Prammer weiter: „Mit dem neuen Internet-Auftritt des Parlaments, der für das kommende Jahr vorgesehen ist, werden diese Initiativen konsequent fortgesetzt und der Zugang zum Informationsangebot des Parlaments beträchtlich erleichtert.“

„Für den ORF ist es Teil seines öffentlich-rechtlichen Selbstverständnisses, den barrierefreien Zugang zu seinen Programmen in den nächsten Jahren verstärkt zu ermöglichen“, erklärte ORF-Generaldirektor Dr. Alexander Wrabetz bei der Vorstellung des Projekts.

„Der ORF ist damit der einzige Rundfunkanbieter in Österreich, der diese wichtige soziale Verantwortung wahrnimmt und wir werden kontinuierlich einen Teil der durch die in Aussicht gestellte Refundierung der Gebührenbefreiung zusätzlich zur Verfügung stehenden Mittel in den stetigen Ausbau des Untertitelungsanteils im ORF-Fernsehen investieren. Das nun startende Pilotprojekt zwischen Parlament und ORF-Gehörlosenservice ist ein klares Bekenntnis dazu, allen Menschen in Österreich Zugang zum umfassenden Informations- und Unterhaltungsangebot des ORF zu ermöglichen“, sagte Generaldirektor Wrabetz und kündigte die Abhaltung eines Runden Tisches mit Vertretern von Behindertenvertretern an, um Seitens des ORF alle Wünsche und Vorstellungen der Betroffenen zu diesem Projekt kennenzulernen.

Pilotprojekt zum Ausbau der Live-Untertitelung im ORF-Programm

Bisher war die Untertitelung von Live-Sendungen im ORF aufgrund der sprachlichen Komplexität und der oftmals hohen Sprechgeschwindigkeit ein sehr aufwändiges Verfahren, weshalb sich der Anteil an Live-Untertitelung auf Wahlberichterstattung, ausgewählte Sportgroßereignisse und ähnliche Sondersendungen konzentrierte.

Das neue Spracherkennungssystem, das in der Schweiz bereits erfolgreich eingesetzt und nun im Rahmen eines Pilotprojekts zwischen dem Parlament und dem ORF-Gehörlosenservice mit der Untertitelung der mehrstündigen Parlamentsübertragungen in Österreich getestet wird, basiert auf dem Prinzip des Re-Speakens. Die geschulten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der ORF-Untertitel-Redaktion sprechen das Gehörte simultan in ein Mikrophon, und das System überträgt den Text mit nur geringer Verzögerung direkt auf den Bildschirm.

Anhand einer Rede der Abgeordneten Eva Glawischnig-Piesczek demonstrierten Mitarbeiter des ORF, insbesondere eine der Simultansprecherinnen, den Medienvertretern die Funktionsweise des Spracherkennungssystems praktisch.

Im Rahmen der Kooperation zeichnet der ORF für die technische Abwicklung verantwortlich und übernimmt auch Training und Schulung der Redakteurinnen und Redakteure, die in Zukunft die Übertragungen der Parlamentsdebatten im ORF live untertiteln werden. Darüber hinaus stellt der ORF diese Untertitel auch dem österreichischen Parlament für dessen Online-Bereich zur Verfügung. Das nun gestartete und auf drei Jahre angelegte Pilotprojekt wird es in Zukunft ermöglichen, auch längere Live-Sendungen in Echtzeit zu untertiteln. Gesehen werden die Untertitel über die Zuschaltung der ORF TELETEXT-Seite 777.

In der Diskussion äußerte sich ein Vertreter der Gehörlosen positiv zu dem gemeinsamen Projekt des Parlaments und des ORF, setzte sich aber zugleich nachdrücklich dafür ein, bei ORF-Live-Übertragungen aus dem Parlament auch künftig nicht auf GebärdendolmetscherInnen zu verzichten. Präsidentin Prammer sagte, diese Frage sei noch nicht entschieden. Man müsse die Erfahrungen mit dem Pilotprojekt abwarten. Die Untertitelung sei jedenfalls notwendig, damit auch jene 500.000 hörbehinderten Menschen, die „Gebärde“ nicht verstehen, den Live-übertragungen folgen können.

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0 Kommentare

  • Didier, Sie haben viel Wichtiges noch erwähnt. Wo ist der ORF, um seine „soziale“ Verantwortung wahr zu nehmen?

  • Apropos „Soziale Verantwortung des ORF“: Seit dieser Woche werden Menschen mit Behinderung ständig in ein seltsames Licht gerückt. Fast täglich wird über körperliche Defizite berichtet und wie sie durch Licht ins Dunkel (Eigenvermarktung und Selbstfeierung des ORF auf Kosten der Menschen mit Behinderung) oder durch die Medizin wieder glücklich werden können …

    Schein und Sein, kann ich da nur sagen. Der ORF verwechselt offenbar Äußerlichkeiten mit wahren Tatsachen. Dabei vernachlässigt er wichtige Informationen für die Öffentlichkeit: Die erste: Nicht durch medizinische Modelle verbessert sich die Lebensqualität von Menschen mit Behinderung, sondern durch sozial passende Modelle: Wer eine Behinderung hat, der leidet nicht an einem körperlichen Defizit, sondern in vielen Fällen unter mangelnden Rahmenbedingungen, die gar nicht so schwer und meist ohne großen (finanziellen) Aufwand beseitigt werden können. Was ist denn mit der ORF-Information über Benachteiligungen im Alltag, vor allem in der Berufswelt? Wo gibt es Berichterstattung über mangelnde Barrierefreiheit?

    Soziale Verantwortung hieße, den Blick darauf zu richten: Und das betrifft auch und vor allem einmal den ORF selbst:
    1. ORF-on weist – durch zahlreiche Untersuchungen auch durch BIZEPS belegt – einen eklatanten Verbesserungsbedarf auf und kann NICHT als barrierefrei bezeichnet werden.
    2. Viele ORF-Räumlichkeiten sind immer noch nicht barrierefrei.
    3. Und was ist mit Journalisten mit Behinderung? Kennen Sie eine/n, der im ORF seinen Lebensunterhalt verdient? 4. Was ist mit Experten in eigener Sache im Licht-ins-Dunkel-Konzern? Wird es Experten mit Behinderung geben, wenn es gilt, die Barrierefreiheit zu durchforsten?

    Soziale Verantwortung durch Generaldirektor Wrabetz ist wirklich zu begrüßen. Wenn er sie wirklich ernst nimmt, hat er jetzt noch viel zu tun …

  • „Der ORF ist damit der einzige Rundfunkanbieter in Österreich, der diese wichtige soziale Verantwortung wahrnimmt und … sagte Generaldirektor Wrabetz

    Es geht nicht um soziale verantwortung – es geht um konsumentInnenrechte!