Plötzlich Prinzessin

Sie sind hübsch, liebenswert und perfekt. Prinzessinnen aus dem Märchen und aus Zeichentrickfilmen sitzen nicht im Rollstuhl, haben alle Gliedmaßen und sind weder gehörlos noch blind. Und krankheitsfrei sowieso.

Disabled Disney Princesses
Palombo, Alexsandro

Alexsandro Palombo ist Künstler, Menschenrechtsaktivist und Rebell. Seine Kunst ist subversiv und reflektiert. Seine Werke sind eine Konzentration von Satire, Humor und Farbe und haben die Fähigkeit, das Unsichtbare sichtbar zu machen.

Bereits mit seinen Zeichnungen zum Thema Gewalt gegen Frauen erregte er öffentliches Aufsehen, waren doch die dabei gezeigten Figuren bekannte Superhelden und die Familie Simpson. Mit seiner Serie Disabled Disney Prinzessen begibt er sich erneut auf unerforschtes Terrain.

Interview

VALIDleben: Sie kommen ursprünglich aus der Welt der Mode. Der Welt des Schönen und der angeblichen Perfektion. Inwiefern steht das Projekt der behinderten Zeichentrick-Prinzessinnen damit in Zusammenhang?

A. Palombo: Disabled Disney Princesses (Bild größer) ist eine Arbeit, die vorherrschende Schönheitsideale in der heutigen Gesellschaft anprangert. Wir leben in einer Zeit, in der alles vom Erscheinungsbild abhängig ist und eine daraus resultierende Leere auch die Oberhand über die Intelligenz gewinnt.

VALIDleben: Warum haben Sie gerade diese Prinzessinnen und Figuren als Sujet gewählt?


A. Palombo: Disney ist ein Marketingprodukt des gegenwärtigen Konsumdenkens. Hinter Disney steht nicht ein Märchen, sondern eine Geldindustrie, mit dem Ziel, das Massendenken zu vereinheitlichen und somit noch mehr Profit zu generieren. Als ich die Reihe von Disabled Disney Princesses realisiert habe, gab es unterschiedliche Rückmeldungen.

Einerseits gab es sehr viele Mails von überglücklichen Müttern von behinderten Kindern, die sich darüber freuten, in den Prinzessinnen welche gefunden zu haben, mit denen sich ihre Kinder identifizieren konnten. Andererseits gab es auch Mails von erzürnten Müttern, die behaupteten, dass Prinzessinnen mit Behinderung ihre Kinder schockieren könnten. Das gleicht der Aussage, dass ein Kind ohne Behinderung von einem körperlich eingeschränkten Kind traumatisiert bleibt.

Kinder haben jedoch keine Angst vor der Andersartigkeit, da sie im Vergleich zur Erwachsenenwelt eine unvoreingenommene Vorstellung ihrer Umgebung haben. Aus den Reaktionen von erwachsenen Personen hingegen erkennt man, wie viel Diskriminierung und Ignoranz in unserer Gesellschaft noch vorhanden ist.

VALIDleben: Haben Sie einen persönlichen Bezug zum Thema Behinderung?

A. Palombo: Vor einigen Jahren wurde bei mir eine seltene Form von Krebs diagnostiziert, die einen Teil meines Körpers lähmte. Von jenem Zeitpunkt an musste ich mich einer Reihe von Umständen stellen, die ich nicht gewohnt war. Durch körperliche Betätigung und viel Ausdauer konnte ich mich dem neuen Leben anpassen.

In einer zivilisierten Gesellschaft sollte der barrierefreie Zugang möglich sein. In Italien ist dies aufgrund von architektonischen Barrieren und auf Gehsteigen geparkten Autos nicht der Fall. Menschen mit Beeinträchtigungen sind gezwungen, zu Hause zu bleiben; davon zeugt das Straßenbild, auf dem kein einziger Mensch mit Behinderung zu sehen ist.

In Italien sind Menschen mit Behinderung unsichtbar – ohne Rechte und großen Ungerechtigkeiten ausgesetzt. Diese sozialen Umstände sind auf einen „laissez-faire“-Staat und eine korrupte und abwesende Politik zurückzuführen. Das Niveau dieser Unkultur in diesem Lande ist sehr hoch, und ehrlich gesagt schäme ich mich, Italiener zu sein.

VALIDleben: Hat der Konzern, der diese Zeichentrickfiguren produziert, jemals auf Ihre Zeichnungen reagiert?


A. Palombo: Bis jetzt gab es keine Rückmeldungen. Ich bin mir jedoch sicher, dass eine Stellungnahme von Seiten Disneys globalen Einfluss auf die Wahrnehmung der Kinder hätte. Durch deren Augen kann man die Welt verändern und verbessern. Wenn du ein Kind mit Behinderung bist und somit anders, wirst du nie so sein können wie die perfekten Prinzessinnen in der märchenhaften Welt von Disney. Die Andersartigkeit ist Ausdruck von Kultur und somit ein großer Mehrwert, den man den Kindern beibringen sollte.

VALIDleben: Eine italienische Modefirma hat für ihre letzte Kampagne eine Frau im Rollstuhl als Testimonial gewählt. Sie kennen die Modebranche. War das eine einmalige Marketingkampagne oder ein Zeichen für die Zukunft?


A. Palombo: Es war eine ausgezeichnete Marketingkampagne, aber mit dem Ziel, das soziale Gewissen der Menschen zu lenken, um eine Verkaufssteigerung zu erzielen. Somit hat diese Kampagne nichts mit Aktivismus und dem Aufzeigen sozialer Umstände zu tun. Man geht für Menschenrechte auf die Straße und protestiert, zeigt auf, riskiert Tag für Tag. Aber nicht, um seine Gewinne zu maximieren.

Dieser Artikel von David Calas erschien im Sommer 2014 in VALIDleben 05.

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0 Kommentare

  • Tja, was sieht man auf dem Bild? Im Grunde sind es sind es die selben hübsch, liebenswert und perfekt Prinzessinnen aus dem Märchen und aus Zeichentrickfilmen. Nur sitzen sie halt auf eleganten Sesseln (sind nicht mal Rollstühle) mit zart angedeudeten, kaum wahrnehmbaren Rädern dran. 95% derjenigen, die das Bild betrachten, werden darauf keinen Rollstuhl erkennen. Auf Bildern kann man eben alles kaschieren. Warum zeichnt er nicht echte Rollstühle und große E-Rollis? Das ist einfach nur zynisch u. verlogen

  • Danke Martin Wolkerstorfer für Ihre mir auf die Sprünge geholfene und der wahren Realität der ach so auserwählten Gesellschaftsschicht beleuchtende Wortmeldung! So schauts also aus, aber es verhält sich generell noch so. In Österreich geniert man sich beispielsweise auch politischerseits so sehr für eine zu Schaden gekommene Behinderte, sodass man ihr nicht einmal die grundsätzlichsten Grundrechte einräumt, die in Wahrheit nicht nur das Gebot der Stunde, sondern dringendst indiziert wären. Es wird überall feste gemauert, geniert man sich oder ist man sogar dafür zu feige, die Dementis von vor zehn Jahren doch zu widerrufen?

  • Die Schwester von Königin Elisabeth II. von England war behindert.
    Man sperrte sie Jahrzehnte lang weg und verleugnete sie.
    So schaut’s aus!

  • @Daniel! Da gibt es tatsächlich eine wahre Begebenheit zu Ihrer Überlegung passend. Soweit ich mich erinnere, man darf mich natürlich sehr gerne korrigieren, falls dies nicht der Tatsache entspräche und falls ich mich daher täuschen sollte: In der Geschichte des englischen Königshauses gab es jemanden, der diesem Pseudovollkommenheitsweltbild nicht entsprach, weil die Person mit einer Behinderung gelebt hat und daher auch nicht als vorzeigewürdig erachtet wurde; war da nicht etwas mit der Unterbringung in einem Heim? Ich kann mich nicht mehr so genau daran erinnern, aber es gab etwas. Sollte jemand hier über genauere und eingehendere historische Kenntnis verfügen, ich ersuche um Präzision.

  • Ich bin kein Zeichentrickexperte, aber im Fernsehserienbereich: Malcolm mittendrin, Glee, Breaking Bad, Game of Thrones – Personen mit Behinderung in Neben- oder Hauptrollen. In den letzten beiden Fällen nicht nur dargestellt, die Schauspieler selbst sind behindert. Ein bißchen was tut sich also schon.

  • Da frage ich manchmal auch bei den Königshäusern im wahren Leben? Da ist immer alles so perfekt und die Kids winken und sind voller Gesundheit! Was ist eigentlich wenn mal eine Königin oder Prinzessin ein Behindertes Kind zur Welt bringt, wird es dann weggegeben weil es nicht in die „heile, heile Welt“ passt? Da würde ich sehr gerne mal die Hintergründe wissen, aber die wird man sicher nicht erfahren! Vorallem würde es mich wunder nehmen wenn ich so Adlig wäre, wie es dann gewesen wäre? Meine zwei Brüder sind beide mit allen Gliedmassen zur Welt gekommen, ich persönlich kam vollständig ohne Beine zur Welt!

  • starker Artikel! Wertvolle Meinung und Beiträge!