Pränataldiagnostik und Euthanasie – Selbst-Zerstörung und Selbst-Kritik

Ein Artikel für muskel aktiv von Susanne Schriber/Schweiz.

1. Pränatale Diagnosemethoden genießen bei uns eine hohe Akzeptanz.

Die Anwendung von pränatalen Tests ist bei einer Mehrheit nicht hinterfragte Routine. Wie andernorts auch erfolgt im Falle eines „positiven“ Befundes in nahezu allen Fällen der Schwangerschaftsabbruch. Abtreibung aufgrund einer vermeintlichen oder wirklichen Schädigung, also aufgrund eines unerwünschten Kriteriums, wird in kritischen Behinderten- und Frauenkreisen als Eugenik, als willkürliche Selektion bezeichnet.

Selbst-Kritik 1:

Wir haben Positionen, die ein Recht auf Schwangerschaft vertreten, aufs sorgfältigste vor dem Hintergrund einer Ablehnung von Schwangerschaftsabbrüchen im Falle einer Schädigung, zu prüfen.

2. Eugenik trägt inhaltlich und erfahrungsgemäß die Tendenz in sich, eine unheilvolle Ausweitung zu erfahren

Nachdem der Schwangerschaftsabbruch aufgrund einer Schädigung allgemeine Akzeptanz genießt, wird nun die Selektion von irgendwie geschädigten Neugeborenen diskutiert, stößt die Praxis von bereits durchgeführter oder vorgeschlagener Sterbehilfe nicht auf Entrüstung.

Wo das Tötungstabu in irgend einer Stelle des Lebenszyklus durchbrochen wird, wird es als ganzes nichtig. Töten am Anfang des Lebens zieht Töten am Ende des Lebens nach sich: Anfang und Ende begrenzen aber auch das Dazwischenliegende. Auch in der Schweiz ist aktive Sterbehilfe enttabuisiert und in breiten Schichten akzeptiert. Aus der Möglichkeit, Form und Zeit des Sterbens relativ selbstbestimmt zu wählen, kann leicht ein Verpflichtung erwachsen, aus dem Leben zu gehen, wo man auch nur schon vorstellungsgemäß anderen zur Last fallen könnte.

Selbst-Kritik 2:

Die grundsätzliche Akzeptanz des Tötungstabus kann den Vorwurf nach sich ziehen, einen (leidenden) Menschen zum Leben zu verpflichten. Dem Thema Leiden und Sterbehilfe müssen wir uns stellen, ohne in Beweiszwang unserer Lebensberechtigung zu geraten.

3. In akademischen Kreisen in Diskussion

3. In akademischen Kreisen, bei Philosophen und Ethikern, in medizinischen und ethischen Kommissionen wird passive, aber auch aktive Sterbehilfe längst diskutiert. Auffallend ist, wie auch hier relativ locker die Aufhebung des Tötungstabus hingenommen wird.

Angesichts komplexer Wirklichkeiten seien humanistische Philosphieansätze wie etwa jene von Immanuel Kant und Albert Schweitzer überholt, utilitaristische Ansätze, wie sie seit längerem vor allem im angloamerikanischen Raum verbreitet und gefestigt sind, angemessen. Darin spielen Güterabwägungen auch im Bereich von Leben und Tod eine vorrangige Stellung. Das Tötungsrecht wird auf der Ebene der Leidenszumutbarkeit und der Lebensqualität begründet. Eltern, insbesondere Frauen wird vorgetäuscht, dadurch einen größeren Selbst- und Entscheidungsspielraum zu erhalten.

Selbst-Kritik 3:

Die akademischen Diskussionen haben wir wacher und aktiver zu verfolgen, wir haben uns mit verpönten und bevorzugten philosophischen Strömungen zu befassen, wir haben uns aktuellen Themen, etwa jenem der Gentherapie, zu stellen.

4. Frauen geraden unter Druck

Frauen, vor allem diese, geraten unter Druck, für das perfekte „Produkt“ vor dem „Output“ Garantie ablegen zu müssen, bzw. für Mängel und Defekte des Produktes individuell verantwortlich gemacht zu werden. Der Embryo, der Fötus – dahinter aber auch die Mutter und schließlich der Vater – verkommt zu handelbarer Ware, die den Gesetzen des Marktes unterliegt, wozu auch Umtausch der Ware und Güterabwägung gehören.

Leben wird damit von Subjekthaftem gelöst, in die Sphäre der Ding- und Objektwelt transportiert. Diese kann objektiv gehandhabt werden. Wo das Subjekt zum Objekt verkommt, wird Töten im Namen der Objektivität möglich. Oft unwissend und unfreiwillig stellen sich damit Frauen in den Dienst herrschaftlicher Interessen und lebensfeindlicher, destruktiver Impulse.

Frauen werden durch pränatale Tests, durch Gen- und Reproduktionstechnologien um ein weiteres manipulier- und kontrollierbar, wenn sie unbesehen die Herrschaft über Leben und Tod, über Geburt und Sterben an die Männerwelt delegieren. Frauen werden zu Mittäterinnen einer lebensfeindlichen Welt, wenn sie die Angebote pränataler Diagnostik kritiklos beanspruchen.

Selbst-Kritik 4:

Der Verobjektivierung von uns Frauen haben wir aktiver entgegenzusteuern, ohne uns dabei in die Ecke der Technologiefeindlichkeit und des Fundamentalismus drängen zu lassen.

5. Gesellschaftsentwicklungen

5. Im Zuge der gegenwärtig erhofften und angestrebten Gesellschaftsentwicklungen, daß Frauen und Männer gleichermaßen im Erwerbsprozeß und in der Öffentlichkeit stehen, im Zuge der Tatsache, daß ein komplexes soziales System bei insgesamt hohem Wohlstand und gutem Gesundheitssystem zur Kleinstfamilie tendiert, dürfte es bald nur noch Wunschkinder geben.

Nicht eine Reihe von Kindern ist erstrebenswert, sondern das eine, daß dafür sehnlichst erwünschte und optimal getimete Kind, an dessen Seite allenfalls ein ebenso perfekt geplantes Geschwisterchen – möglichst mit Gegengeschlecht zum ersteren – Platz hat, das ist Lebensideal.

Statt der Quantität findet eine Verschiebung hin zur Qualität statt: Das eine Kind soll sämtliche Qualitäten vereinen, die ansonsten auf eine Geschwisterreihe verteilt gewesen sein mögen. Eine Schädigung, eine Qualitätsminderung liegt also bei diesem einen Kind nicht mehr drin.

Selbst-Kritik 5:

Wir Frauen haben zu prüfen, inwiefern unsere berechtigten Ansprüche auf Teilhabe am öffentlichen und wirtschaftlichen Leben sowie an Macht nicht unser Konsumverhalten bezüglich pränataler Diagnostik, Gen- und Reproduktionstechnologie steigert.

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