Präsentation der Empfehlungen zur Darstellung von Menschen mit Behinderungen in den Medien am 31. Mai 2017

Veranstaltung Darstellung von Menschen mit Behinderungen in den Medien
BKA/Regina Aigner

Die UN-Staatenprüfung 2013, welche die Umsetzung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen prüft, hat Österreich kein gutes Zeugnis ausgestellt. In Österreich sei es zu keinem Paradigmenwechsel in Bezug auf Behinderung gekommen.

Deshalb wurde 2014 im Bundeskanzleramt eine Arbeitsgruppe bestehend aus Vertreterinnen und Vertretern aus dem Behindertenbereich, den Medien und der Politik eingesetzt. Diese sollte entsprechende Maßnahmen und Forderungen zur Verbesserung der Darstellung von Menschen mit Behinderungen in den Medien ausarbeiten.

Die Ergebnisse dieser Arbeit, eine Studie zum Thema aus dem Zeitraum 2015/2016 und die Medieninformationsplattform barrierefreiemedien.at, wurden am 31. Mai 2017 im Palais Dietrichstein vorgestellt. Anschließend gab es eine Diskussion mit Vertreterinnen und Vertretern der beteiligten Organisationen und Verbände.

Bundesminister für Kunst, Kultur, Verfassung und Medien Thomas Drozda lud zur Veranstaltung ein. In seinen einleitenden Worten betonte er, dass es das Ziel sei, die Präsenz von Menschen mit Behinderungen in den Medien auszubauen. Außerdem müsse die Berichterstattung ausgewogen und sachlich sein. Ein weiteres Themenfeld war die Barrierefreiheit. Das Untertitel- und Gebärdensprachangebot soll ausgeweitet werden.

Thomas Drozda bei Veranstaltung Darstellung von Menschen mit Behinderungen in den Medien
BKA/Regina Aigner

Sein Nachfolgeredner, Volksanwalt Günther Kräuter, wies in seinen Ausführungen auf die Wichtigkeit des sensiblen Sprachgebrauchs hin. Dieser sei auch im Umgang mit Menschen, zum Beispiel in der Pflege, wichtig. Max Rubisch vom Sozialministerium erinnerte an die UN-Konvention und an die Verpflichtungen, die diese, auch in Bezug auf mediale Darstellungen, mit sich bringt. Die Wahrnehmung müsse verändert werden.

Zu wenig präsent und klischeebehaftet

So könnte man die Ergebnisse der Studie von “Media Affairs“ zur Darstellung von Menschen mit Behinderungen in den österreichischen Massenmedien zusammenfassen. Die Studie untersuchte die ORF Formate Bürgeranwalt, Heute Konkret und Heute Leben sowie Kronen Zeitung, Kurier, Standard, Österreich, Heute und die Kleine Zeitung.

Die Hauptfragestellungen der Studie sind: Werden Menschen mit Behinderungen in den Massenmedien angemessen repräsentiert? Wenn über Menschen mit Behinderungen oder das Thema Behinderung berichtet wird: Welche Darstellungsformen dominieren und entsprechen diese den Ansprüchen der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen?

Die Ergebnisse sind eher ernüchternd, gab Studienautorin Maria Pernegger bekannt. Menschen mit Behinderung sind stark unterrepräsentiert. Wenn über sie berichtet wird, dann meistens in Extremen. Opfer oder Held, Einzelschicksale, die bewegen, wie das von Kira Grünberg oder der Charity-Kontext dominieren die Berichterstattung. Nur ein Prozent beschäftigt sich mit behindertenpolitischen Themen.

barrierefreiemedien.at als neue Informationsquelle

Diese Ergebnisse zeigen, wie wichtig die von Claus Reitan und Evelyne Huber vorgestellte Webplattform „barrierefreiemedien.at“ ist. Diese hat zum Ziel, Medienmacherinnen und Medienmachern einen möglichst schnellen Zugang zu Informationen rund um die Darstellung von Menschen mit Behinderungen in den Medien zu geben. Die Internetseite wurde mit Einbezug von Betroffenen in Zusammenarbeit mit dem Verband österreichischer Zeitungen erstellt, der auch der Herausgeber ist.

Die Grundlage dieser Seite bilden die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen und der Nationale Aktionsplan. Claus Reitan und Evelyn Huber betonen: Meinungsäußerungsfreiheit, Unabhängigkeit und Bedeutsamkeit der Medien verpflichten Journalismus und Medienunternehmen zu Verantwortung, auch und gerade in der Darstellung von Menschen mit Behinderungen.“ Diese Website ist ein Teilerfolg, aber es gibt noch einiges zu tun. Das kommt auch in den Statements der beteiligten Organisationen und Verbände zum Ausdruck.

Podiumsdiskussion
BKA/Regina Aigner

Mehr Vielfalt und sprachliche Sensibilität

Julia Jungwirth, Bundesgeschäftsführerin des ÖZIV Bundesverbandes, hob hervor, dass das soziale Modell von Behinderung, welches besagt, dass Behinderung ein gesellschaftliches und kein individuelles Problem ist, mehr in den Vordergrund gerückt gehöre. Zudem betonte sie, dass Menschen mit Behinderungen keine Randerscheinung sind.

Ernst Swoboda vom Verband der österreichischen Privatsender unterstrich die Notwendigkeit, die Vielfalt darzustellen, zu der auch Menschen mit Behinderungen gehören. Er forderte mehr staatliche Unterstützung für Barrierefreiheit in den Medien.

Auch die neutrale Darstellung von Menschen mit Behinderung im Alltagsleben wurde gefordert. Alfred Grischgl von der Rundfunk und Telekom Regulierungs-GmbH  (RTR) nannte den Krimi „Die Toten von Salzburg„, in dem es einen rollstuhlfahrenden Kommissar gibt, als positives Beispiel für eine gelungene Darstellung. Auch die RTR stellt die Studie online.

Um die Medienberichterstattung inklusiver zu gestalten, ist die entsprechende Ausbildung von Journalistinnen und Journalisten eine wichtige Grundvoraussetzung. Dagmar Köttl vom Kuratorium für Journalistenausbildung bedauerte es daher, dass der 2001 und 2004 stattgefundene integrative journalistische Lehrgang versandet sei. So etwas wieder aufzunehmen, sei eine wichtige Aufgabe.

Barrierefreier Zugang zu den Ausbildungsstätten müsse zudem selbstverständlich werden. Zudem befürwortete Köttl bewusstseinsbildende Workshops für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Zeitungen und Verlagen.

ORF-Generaldirektor verteidigt „Licht ins Dunkel“

Das Statement von ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz macht einen nachdenklich. Er verteidigte das umstrittene Spendenformat „Licht in Dunkel“, ohne die gesammelten Gelder würden viele Einrichtungen nicht existieren. Auch habe der ORF zur Bewusstseinsbildung beigetragen, betonte Wrabetz. Zwar räumte er auch ein, dass bei „Licht ins Dunkel“ eine Veränderung der Berichterstattung notwendig sei und wies dazu auf eine Kampagne des Vorjahres hin, gleichzeitig gab er aber auch zu verstehen, dass Medien nun einmal schubladisieren und dass sie nicht am Alltag, sondern an „Menschen mit besonderen Herausforderungen“ interessiert seien.

Thomas Kralinger vom Verband österreichischer Zeitungen äußerte sich ebenfalls positiv zu „Licht ins Dunkel“ und betonte die Rolle der österreichischen Printmedien. Diese würden ausführlich über „Licht ins Dunkel“ berichten und somit würden die Projekte und Aktionen Betroffener für eine Zeit lang in die Öffentlichkeit gerückt werden.

Alfred Grinschgl und Martin Ladstätter
BKA/Regina Aigner

Die anwesenden Behindertenvertreterinnen und Behindertenvertreter konnten sich diesem Lob nicht anschließen. BIZEPS-Obmann Martin Ladstätter übte Kritik an „Licht ins Dunkel“. Er forderte den ORF auf, die Kompetenz im eigenen Haus zu erkennen und zu erweitern.

Damit sprach er das Onlineradio „Freak Radio“ an, das zum Ö1-Onlinecampus gehört und seiner Meinung nach viel zu wenig Beachtung bekommt. Zudem müsse die Darstellung behinderter Menschen zur Selbstverständlichkeit werden. „Ich möchte mal einen Menschen mit Behinderung in einer Straßenumfrage zum Thema Mülltrennung sehen und nicht immer nur zum Thema Behinderung.“

Auch der im Publikum anwesende Volker Schönwiese, Universitätsprofessor und BIDOK-Gründer, schloss sich der Kritik an „Licht ins Dunkel“ an. Er könne die angebliche Veränderung nicht bestätigen und habe auch Material, dies zu beweisen. Als positives Beispiel führte er die „Aktion Mensch“ an. Die deutsche Spendenkampagne hat nicht nur ihren Titel geändert, sondern auch die Art der Darstellung und die Auswahl der geförderten Projekte.

Die Behindertensprecherin der Grünen im Parlament, Helene Jarmer, forderte konkrete gesetzliche Regelungen, zum Beispiel für Audiodeskription. Reine Empfehlungen würden nichts bringen. Zudem müssten Menschen mit Behinderungen in den ORF-Publikumsrat inkludiert werden. Diese haben im Gegensatz zu anderen Gruppen noch keinen eigenen Vertreter. In dieser Sache machte Bundesminister Thomas Drozda Hoffnung. Bei der nächsten Besetzung 2018 solle sich etwas ändern.

Tropfen auf dem heißen Stein?!

Die Veranstaltung ließ einige positive Ansätze erkennen. Die Zukunft wird zeigen, ob die Anstrengungen der Arbeitsgruppe tatsächlich auf fruchtbaren Boden gefallen sind. Immerhin macht das abschließende Statement vom Bundesminister Thomas Drozda zum ORF-Publikumsrat zuversichtlich, dass der Inklusion von Menschen mit Behinderungen in den Medien die Tür geöffnet wird.

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